Verkehrt ob allem Wandel

Liebe ohne Wandel

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Verkehrt ob allem Wandel
Hat sich des Maien Zeit
Nach adeligem Handel
Zart (grünt) der Anger weit
Von mancher edlen Frucht
Bringt uns Planeten-Kunst
Es liebert mir mit Züchten
Und kumpt von Liebes-Kunst

Ist uns der Mai vergangen
Deß acht ich sicher klein
Ich han ein groß Verlangen
Nach einem Blümlein rein
Es mag mir wenden Kummer
Und gibt mir hohen Mut
Es freut mich Winter und Summer,
Deß sich der Mai nit tut

Das Blümlein, das ich meine
Das ist kein andern gleich:
Es ist ein Frewlein reine
Zart, hübsch und aidenlaich
Es trägt ein goldrot Haare
Und einen roten Mund
Zwei Falkenäuglein klare
Leuchten in meins Herzen Grund.

Ein aidenlich Figure
Hat Gott an sie geleit
Für alle Kreature
Zucht und Bescheidenheit
Mit Tugend Übergossen
Gott grüßt dich, Balsamblut
Mit Ehren Überflossen:
Gott mir die Frucht behut!

Muß ich so lang entbehren
Du Allerliebstes, dein
Es bringt meim Herzen Swere
Und bringt mir sicher Pein
Weg‘ mir mag Niemand wenden.
Mein Frau, dein weiblich Güt
Dein Herz Herwider sende
So erfreut mir mein Gemüt

Verlangen will mich Kränken
Mit dir also bestan
Was soll ich dein gedenken
Ich mag nit abelan
Ich mag mich nit ihr verwegen
Durch die mein Herz leidt Pein
Gott der muß ihrer pflegen
Der liebsten Frauen mein

An sie hau ich Gedenken
Zart liebstes Frewelein
Ob dich kein Mann wol kränken
Und sagen ein andern Sinn?
Das (kann) ich nit getrauen
Zart liebste Frau, von dir
Daß du darauf wöllst bauen
Du wärst gar schädlich mir

Die Liebe, die ich zu dir trag
In meinem Herzen zwar
Was hülf mich dein viel Sagends,
Mein das ist sicher wahr
Daß mir in meinem Herzen
Kein Mensch nit liebers ist
Das macht ihr freundlich Scherzen
Geschafft in kurzer Frist

Das bot sie mir herwiederumb
Aus ihrem roten Mund
Nun g’segendich Gott, mein liebes Lieb
Und spar dich Gott gesund!
Ich muß mich von dir scheiden
Tut meinem Herzen weh
Geschach mir nie so leide:
Nun g’segn dich Frau, ade

Nun geht es an mein Scheiden
Du Allerliebste mein
Fahr ich über die Heide
Ungescheiden will ich sein
Wie wohl ich muß von hinnen
Was laß ich dir zu Letze?
Herz, Mut und all mein Sinne
Darmit ich dich ergehe

Also hatt‘ ich Gedenken
Tag und die Nacht zu dir
Das Lied will ich ihr schenken
Das soll sie haben von mir
Und Alles, was ich Guts vermag
Das soll sie von mir han
Denn seit dir Lieb von mir gefeit
Ich mag nit abelan.

Der uns das Liedlen neu’s gesang
Das tat ein freier Gsell
Er reit zu Ulm aus und ein
Es mühe recht wen es well‘
Er hat so wohl gesungen
Aus seinem freien Mut,
Ist ihm so wohl gelungen
Von einer Jungfrauen gut

Text: Verfasser unbekannt
in Deutscher Liederhort III (1894, Nr. 1675 „Liebe ohne Wandel“)

Liederthema: , ,
Liederzeit: (1463)

Region:


Anmerkungen zu "Verkehrt ob allem Wandel"

Aus der lat. Handschr. Nr. 224 der Hof- und Staatsbibliothek in München, die um 1463 einem gewissen Hartman Schädel gehörte, der sie zusammenbinden ließ. Die Inhaltsangabe über diesem Liede, rot geschrieben von Schädel, heißt: Cantilena amoris et eius mutatione. Professor W. Meyer hat dieses Gedicht kritisch hergestellt aus der schwer zu lesenden Handschrift und es in der Sitzung der Königlichen Akademie in München am 4. Juli 1885 vorgetragen. Gedruckt ist’s in den Sitzungsberichten ; danach hier, aber in moderner Schreibung, W. Meyer hält es für das Lied: „Verwirkt on allen Wandel hat sich“, welches als Tonangabe in der Stuttgarter Handschrift über dem alten Mailiede: „Ich weiß mir einen meien“ (Wackernagel, Kirchenlieder 1841 Nr. 736 (n. A. II 822). Uhland 341 C. Altdeutsches Liederbuch. 579) steht. Ich stimme ihm bei. Jedenfalls ist es ein volkstümliches Liebeslied aus der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts, wenn auch der Ton der höfischen Minnedichtung noch hindurchklingt und mit der Volkssprache kämpft.

Erklärungen:

  • 1, 1 Sinn: Vergangen ist, weil Alles wandelt, die liebe Maienzeit
  • 1, 4 Hier fehlt ein Zeitwort, „grünt“ Hab ich gesetzt; Original hat: „zarter Anger weit“. Zart hier = schwach, spärlich, wenig bietend
  • 1, 6 prengt steht im Original
  • 1. 7 liebert = liebet mir, verlangt mich
  • 1, 8 im Original unverständlich „und kunst von libes Kunst“
  • 3. 4 aidenleich, aydenlich = adelig, edel, schön
  • 7, 3 steht „wol“
  • 7, 4 syn im Original statt Sinn oder seyn?
  • 7, 5 fehlt „kann“
  • 8, 2 zwar = ze Ware, in Wahrheit
  • 8, 4 ich meine und das ist sicher wahr, daß …
  • 9, 1 Handschriftlich hat „pat“
  • 11, 7 Original liest don statt denn. Sinn: „Seitdem ich meine Liebe dir erklärt, vermag ich nicht abzulassen
  • 12, 4 mühen, müejen = bekümmern, verdrießen.