Vier Treppen links im Hinterhause


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Vier Treppen links im Hinterhause
als Oberhaupt und Haustyrann
herrscht der Familienvater Krause
und sieht sich seine Bude an:
een Haufen Nipps — der Schönheit wejen —
zwee Engel überm Ehebett
mit joldjesticktem Morjensejen
und eene Venus im Klosett.
Und neben Militärandenken
mit schönem, schwarzweißrotem Band
und Hochzeits- und Vereinsjeschenken
hängt einsam Lenin an der Wand.

Bloß wenn er an der Theke steht,
ist Krause Sozialist:
Da schwitzt er Klassenkämpfertum
und schimpft uff Bürgermist.
Sonst frißt er sich ‘ne Plauze ‘ran,
ist fromm und gottergeben …
Doch ‘s kommt nicht
auf die Schnauze an,
ihr müßt auch danach leben!

Und Mutter liest bei Radiowellen
den Mottenpost-Kriminalroman
und schaudert bei den schönen Stellen
vom Blutrausch und vom Liebeswahn.
Und Vater Lehmann ordnet wichtig
die Zigarettenbilder ein.
Idc glob, bei dem ist’s sich janz richtig —
Und det will nu’n Betriebsrat sein.
Selbst nachts quietscht leise noch im Traume
det heißjeliebte Jrammofon
det Lied vom Kaktus und der Flaume,
und Mutter träumt von dem Baron

Bloß wenn er an der Theke steht
hat Lehmann ‘n jroßen Rand —
Er quatscht von Arbeiterkultur
und noch so allerhand —
Sonst frißt er sich ‘ne Plauze ‘ran
und säuft sein Bier daneben …
Doch ‘s kommt nicht
auf die Schnauze an,
ihr müßt auch danach leben!

Kollege Schulz hat andre Sorjen
sein Mädel kriegt jetzt eenen Mann
Der ist Beamter und riidct morjen
mit seinem Heiratsantrag an.
Die Jrete quatscht von Kirchentrauung
vom Schleier und vom Traurigsein
und tritt von wejen die Erbauung
rasch wieder in die Kirche ein.
Und nach dem großen Hochzeitsmahle
ist Schulze blau wie so’ne Sau
er grölt die Internationale —
Und dann versohlt er seine Frau

Bloß wenn er an der Theke steht
ist Schulze wieder echt
da rülpst er Gotteslästerung
und kämpft für Frauenrecht
Sonst frißt er sich ‘ne Plauze ‘ran
ist still dem Suff ergeben …
Doch ‘s kommt nicht
auf die Schnauze an,
ihr müßt auch danach leben!

Genossen Schulze, Lehmann, Krause
die könnt ihr überall mal sehn.
Die wohnen auch bei euch zu Hause
da braucht ihr nicht so weit zu gehn
Mit Mottenpost und Sammelmappen
mit Kirche, Schnaps und Weihrauchdampf
und Zigarettenbilderwappen
gewinnt man keinen Klassenkampf
Was Rußland hat, wolln wir erreichen
Die rote Sowjetrepublik!
Hinweg mit Kitsch und Bockbierleichen!
Übt proletarische Selbstkritik!

Dann pfeift auf Schnaps und Kanzel
und auf die Nippsfigur;
kämpft gegen Volksverdummung
für Arbeiterkultur!
Verzichtet auf die Plauze dann
und auf die rhein’schen Reben …
Denn ‘s kommt nicht
auf die Schnauze an,
wir wolln auch danach leben!

Worte: Willi Karsch
Weise: Johannes E. Münck

Dies war eine der populärsten Songs des ,„Sturmtrupp Alarm” aus dem Jahre 1929. Die Truppe hatte sich die Propagierung der proletarischen Selbstkritik zur Aufgabe gemacht und prangert hier in satirischer Form die kleinbürgerlichen Tendenzen innerhalb der Kommunistischen Partei an.

in Lieder der Agitprop-Truppen vor 1945 (1958)


Liederthema: Arbeiterlieder
Liederzeit: (1929)
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