O Wandrer stehe still (1805)

Auf die Dreikaiserschlacht bei Austerlitz

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O Wandrer stehe still
In diesem Heilgen Schatten
Hier zeigt sich ein Monument
So du noch nie gesehn
Die Friedensgöttin kam
Mit Mars sich zu begatten
In diesem schönen Tal
Wo West und Zephyr Wehn

Ein mörderischer Krieg
So selbst die Höll erschaffen
Versammelt sich ein Volk
Von ferner Region
Auf Östreichs stiller Flur
Erschien ein Heer mit Waffen
Beinah von jeder Sekt
Von jeder Nation

Wie mancher fand den Tod
In diesem Himmelsstriche
Und seine Leiche ruht
Hier in der Erde Schoß
Der Ungar beim Kroat
Der Böhme bei dem Griechen
Der Deutsche beim Kosak
Beim Russen der Franzos

Hier ruht der Freund und Feind
Die sich gemordet haben
Der Freund starb vor dem Feind
Den Tod fürs Vaterland
Und wenn sie sich aus Wut
Und Pflicht ein Beispiel gaben
So reichen sie sich jetzt
Versöhnt die Bruderhand

Verschonet diesen Ort
Wo Greul und Hader schwinden
Bis dass uns einst die Auf-
erstehung wieder weckt.
Dann werdet ihr die wahre
Gleichheit wieder finden
Und eine Gleichheit, die
kein Brudermord befleckt.

Und wenn euch einst die Welt
Trompeten wieder wecken
Und steigt ihr dann heraus
Aus kühler Erdengruft
So erblickt ihr nichts
Als neuen Mord und Schrecken
Und eine Macht die Gott
Auch zu belohnen sucht.

O Austerlitz, du bleibest
Mir stets zum Angedenken
Daß Schauplatz du einst warest
Von großem Mordgeschrei
Wo viele Tausend da
Ins Eis und Wasser sanken
Doch sind sie jetzt vom Schlacht-
Getümmel gänzlich frei.

Bei allem war die Macht
Des Feindes überlegen
Man kam noch ehe ran
Als die Bestimmung war
Man sah dort keinen Russ
Kein Säbel oder Degen
Doch blieb der Kriegersmann
In stetiger Gefahr.

Nach langem Kampf ward doch
Endlich die Schlacht verloren
Doch war es nicht die Schuld
Des braven Kriegersmanns
Wer kann denn je dafür
Daß Schurken sind geboren
Wo jeder das Schlachtfeld
Mit Herzblut färben kann.

Zu Preßburg war der Ort
Wo man den Frieden schließet
Allwo der Fürsten Rat
Beschloß sich zu versöhnen
Nachdem viel Tausend da
Ihr Leben mussten lassen
Doch kann der Friede nur
Für uns recht glücklich sein

Text: Verfasser unbekannt
in Deutscher Liederhort II (1893, Nr. 343)

Fl. Bl. um 1813—20, ohne Angabe der Überschrift und bloß 1.— 5. Str. wie hier. — Die Strophen 6 — 10  Zusatz in einem ebenso beginnenden Liede, mündlich vom Niederrhein (Dülken) bei Zurmühlen Nr. 67 (ohne Melodie). Darin fehlt die 5. Strophe und der ganze Zusatz ist verwildert.

Anmerkungen zu "O Wandrer stehe still"

Die 5 ersten Strophen (fl, Bl.) scheinen ein Lied auf ein Kriegerdenkmal in Österreich zu sein und erwähnen die Schlacht bei Austerlitz nicht. Konfus ist 7. Strophe, wo das Schlachtterrain von Austerlitz vermengt wird mit der Katastrophe auf der Beresina. Jedenfalls ist diese Konfusion durch Vielsingen später hinzugekommen. (Böhme)

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