Liedergeschichte: Und hatten die Pest an Bord

Zur Geschichte von "Und hatten die Pest an Bord": Parodien, Versionen und Variationen.

Es gibt keine Aufzeichnung von „Wir lagen vor Madagaskar“ vor 1933, es steht in keinem der in Frage kommenden Liederbücher. Daher ist zu vermuten, dass das Lied erst zur Zeit des Nationalsozialismus entstand. Es nimmt zwar Bezug auf Ereignisse von 1905, dies jedoch höchstwahrscheinlich ausgelöst durch ein Buch, das 1936 erscheint, diese Ereignisse zum Thema hat und ein Riesenerfolg wird:  „Tsushima“ von Frank Thiess.

Der Roman schildert Ereignisse während des Russisch-Japanischen Krieges (1904/1905), als das “Zweite russische Pazifikgeschwader“ unter Admiral Roschestwenski wegen dringender Reparaturen vor der Nord-West-Küste von Madagaskar ankern musste. Viele russische Soldaten starben in dem tropischen Klima an Typhus, woran  ein Denkmal in Hell Ville auf  Nosy Be (Insel vor Madagaskar) erinnert.

Madagaskar und Rio

Unweit von Hannover entstand um 1932 ein Lied, in dem lauthals ebenfalls von Madagaskar gesungen wurde:

Und sehen wir uns in Madagaskar / Und treffen wir uns in Rio / Und trennen wir uns in Alaska / Ja, dann heißt es: das nächste Mal, wo? / In der Kneipe am Moor

Eventuell wurde „und hatten die Pest an Bord“ ursprünglich auf die Melodie von der „Kneipe am Moor“ gesungen? Die fünfte Strophe hat jedenfalls deutliche Anklänge an das Moorlied:

Kameraden, wann sehn wir uns wieder / Kameraden, wann kehren wir zurück / Und setzen zum Trunke uns nieder / Und genießen das ferne Glück …

Das Meer ruft

Ein weiterer Auslöser für das Lied dürfte das 1932 entstandene Lied von der „Pest an Bord“ gewesen sein. In dem Film „Das Meer ruft“ singt Ernst Busch in beeindruckender Weise zum Akkordeon „Als wir von Carravals kamen / da hatten wir die Pest an Bord“ und alle Matrosen stimmen ein in den Refrain „Ahoi! Kameraden Ahoi!“. Das gleiche Thema, aber so erschütternd düster!  Premiere hatte der Film im Februar 1933, da war Hitler bereits Reichskanzler und mancher der Schauspieler war auf der Flucht, eingesperrt oder tot.

In den finsteren Jahren nach 1933 wurde das Madagaskarlied sogar zu einem Lied des Widerstands, die „Pest an Bord“, das waren Hitler und seine Mörder,  besonders Jugendliche nahmen das Lied und dichteten es um, wie die Version der Kölner Edelweißpiraten zeigt: „Wir bleiben guten Mutes!“ Und im Konzentrationslager sangen niederländische Häftlinge „Wir lassen den Mut nicht sinken!“

Musik von Robert WannerMitte der 1930 Jahre erschien „Madagaskar“ auf Liedpostkarten, als Komponist steht dort Robert Wanner. Der Refrain mit dem  „Schifferklavier an Bord“ war noch nicht Teil des Liedes. Es gab noch keine Aufnahme,  die beide Lieder zu einem vermischte, vielmehr stand auf den Schellack-Platten „unter Verwendung einer Melodie von Just Scheu“, was sich womöglich auf den Teil mit „Ahoi Kameraden“ bezog. Es ist aber gut möglich, dass Tanzorchester beide Lieder schon als Potpourri kombinierten.

Ernst Klusen schreibt Just Scheu jedenfalls für das Jahr 1934 die Urheberschaft zu für Text und Musik von „Wir lagen vor Madagaskar“.  Und er erwähnt (für das Jahr 1981), dass das Lied bisher auf 365 Schallplatten erschien.

Im Oktober 1936 veröffentlichten „Die Rulands“ dann als Tango auf Schellack den Titel „Wenn das Schifferklavier an Bord erklingt“, Komponist „Just Scheu“. Vier Jahre später kam der NS-Propagandafilm „Wunschkonzert“ in die Kinos, darin sangen die Mannschaft eines U-Boots zum Akkordeon „dann sind die Matrosen so still“. Die Pest an Bord passte nicht gut zur Propaganda!

1941 erschienen erstmals beide Lieder gemeinsam auf einer Platte, als A- und B-Seite und 1943 erneut: auf dem „Imperial“-Label als A-Seite „Wenn das Schifferklavier….“ und als B-Seite „Wir lagen vor Madagaskar“, mit leicht anderem Text als heute, wieder „unter Verwendung einer Melodie von Just Scheu“. Die Interpreten waren der „Matrosenchor der Marine kommandierten Kompanie Berlin“ unter Leitung von Stabsoberfeldwebel Carl-Josef Trümper.

Nach 1945 wurde der Harth Musik Verlag, der seit 1941 die Rechte an „Wenn das Schifferklavier….“ besaß,  in Berlin von Carl Clauss und Erich Pastänier eingetragen und ab 1960 als VEB (Volkseigener Betrieb) weiter geführt. Zum Repertoire gehörten Tanz- und Unterhaltungsmusik, Blasmusik und Schlagertexthefte.

1957  veröffentlichten Fred Ritter und Die „Blauen Jungs“ auf Heliodor in Mono „Wir Lagen Vor Madagaskar“. 1962 kamen auf Polydor – als Single (Nr. 24 533 A) von „Die Blauen Jungs“ und dem „Orchester Werner Scharfenberger“ beide Lieder heraus, „Wenn das Schifferklavier an Bord ertönt“ als A-Seite und „Wir lagen vor Madagaskar“ als B-Seite.

Ernst Busch: Als wir von Carravals kamen">
Als wir von Carravals kamen da hatten wir die Pest an Bord In Sackleinwand und ohne Namen mit Harmonika-Akkord musste einer nach dem andern in das tiefe Meer abwandern. Ahoi! Ahoi! Ringsum die See war glatt wie Öl, alle Segel hingen schlapp. Wir hörten Peter Piers Gegröhl: Was nützt auf See ein Wanderstab? Freund Hein ... Weiterlesen ... ...

Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord In den Kübeln da faulte das Wasser und mancher ging über Bord Ahoi! Kameraden. Ahoi, ahoi Leb wohl kleines Mädel, leb wohl, leb wohl Wir lagen schon vierzehn Tage, Kein Wind in den Segeln uns pfiff. Der Durst war die größte Plage, Dann liefen wir ... Weiterlesen ... ...

Schon wieder zieht es uns zum Strande die Wellen ziehn uns mächtig an Kaum sind wir einen Tag am Lande da rufet uns der Ozean Ja, wenn das Schifferklavier an Bord ertönt dann sind die Matrosen so still weil ein jeder nach seiner Heimat sich sehnt die er gerne einmal wiedersehen will Und sein kleines ... Weiterlesen ... ...

Immer wieder treibt es uns vom Strande und die Weite zieht uns mächtig an Kaum sind wir einen Tag am Lande lockt der freie Ozean Wir sind nichts als ew’ge Vagabunden wo wir bleiben, wird das Herz uns schwer doch dann kommen heimlich jene trüben Stunden wo man wieder gern zu Hause wär Wenn das ... Weiterlesen ... ...

Wir lagen kurz vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord. In den Kesseln verfaulte schon das Wasser, und so manche gingen über Bord. So ging es uns vor Madagaskar, den Navajos zu See, die Pest die konnte uns nicht kriegen, denn unser Glaube siegt.“ So ging es uns vor Madagaskar, den Navajos zur See; ... Weiterlesen ... ...

Erstmals (?) erscheinen in dieser Aufnahme vom 14.10.1941 „Wir lagen vor Madagaskar“ (A-Seite) als auch „Wenn das Schifferklavier an Bord ertönt“ (B-Seite) gemeinsam auf einer Schellack-Platte. Beide Stücke werden als Werke von Just Scheu dargestellt, was zumindest fraglich ist und in etlichen Publikationen jener und auch späterer Jahre auch ganz anders gehandhabt wurde (z.B. Robert ... Weiterlesen ... ...

Weit verbreitet war in Köln eine Persiflage des Fahrtenlied „Wir lagen vor Madagaskar“, die in mehreren Varianten überliefert ist. Das Lied war auch 1942 noch überaus populär. Aus dem Vernehmungsprotokoll der Gestapo: Nach Angaben der Maria S. wurde dieses Lied 1937 von den „Navajos“ an der Neuen Universität gesungen. Nach Aussage von Walter H. wurde ... Weiterlesen ... ...

Der Matrosenchor der Marine kommandierten Kompanie Berlin veröffentlicht auf „Imperial“ die Komposition von Robert Wanner (!) – nicht Just Scheu – „Wenn das Schifferklavier an Bord erklingt“. Leitung Stabsoberfeldwebel Carl-Josef Trümper. (Verstorben 2014 in Kreuzebra, heute ein Stadtteil von Dingelstädt im thüringischen Landkreis Eichsfeld.) Die Aufnahme ist von bzw. vor 1943 , wie dieser Ausschnitt ... Weiterlesen ... ...

Wij laten de moed niet zakken Wij houden de kop omhoog Ze krijgen ons nooit te pakken AI zijn ze nog zo uitgekookt Ahoi, ahoi, gestreepte vrouwen Ahoi, ahoi Het zai ze nog berouwen Ahoi, ahoi. Wir bleiben guten Mutes Wir halten die Köpfe hoch Sie kriegen uns nicht kaputt Sind sie noch so verschlagen ... Weiterlesen ... ...

Die 3-seitige Partitur von „Wenn das Schifferklavier an Bord ertönt“ (Seemannslied, Kein sprachlicher Inhalt) in der Komposition von Just Scheu, Bearbeitung Bruno Hartmann, wird 1946 vom Harth-Verlag, herausgegeben. OCLC-Nummer/Eindeutiger Identifikator: 969461147. „Wenn das Schifferklavier an Bord erklingt dann sind die Matrosen so still“     ...