Liederlexikon: Kastanie

| 1908

Die Kastanie kam vermutlich mit den übrigen Fruchtbäumen (Apfel, Birnen) in den Zeiten nach den Völkerwanderungen in unser Vaterland. Sie war in Griechenland ursprünglich einheimisch, erinnerte in ihrer Pracht und Schönheit an die Eiche, mit der sie denselben Namen Karya teilte. Die Frucht besserer Sorten galt im Mittelalter als Aphrodisiacum. Mattioli berichtet (73 D): Gebratene Kastanien mit Pfeffer und Salz bestreut macht die Natur geil und unkeusch. — Roßkastanienblüte, in Franzbranntwein gesetzt und damit die Hoden eingerieben, gilt noch heute als erotisches Stärkemittel (Anthropophyteia IV. 292).

Der Duft der weißen Blüte unserer gewöhnlichen Kastanie hat eine Ähnlichkeit mit dem des männlichen Samens. Er wird von Zwardemaker (Die Physiologie des Geruches, Leipzig 1895) zu den Caprylgerüchen (odores hircini) gerechnet, zu denen auch die Berberize, schwarze Johannisbeere usw. gehören. — Kein anderer als der alte Haller hat den Kastaniengeruch schon als odor aphrodisiacus bezeichnet.

in Volkserotik und Pflanzenwelt (1908)



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Kastanie im Archiv:

Vor allen Dirnen so flink und so glatt (Der Schuhknecht)

Vor allen Dirnen so flink und so glatt Lacht mir die lachende Lore. Vor allen prunkenden Plätzen der Stadt Prunkt mir der Winkel am Thore. Des Hofes Dame, wie schmuck sie sich macht, Mit nichten gleicht sie der Lore. Bei Tag ist Sie mein Gedank und bei Nacht Und wohnt im Winkel am Thore Ihr Vater hockt in dem Stübchen

Fern im Süd das schöne Spanien (Der Zigeunerbube im Norden)

Fern im Süd das schöne Spanien ist mein Heimatland, wo die schattigen Kastanien rauschen an des Ebro Strand, wo die Mandeln rötlich blühen wo die heisse Traube winkt, und die Rosen schöner glühen und das Mondlicht goldner blinkt Und nun wandr‘ ich mit der Laute traurig hier von Haus zu Haus, doch kein helles Auge schaute freundlich noch nach mir

Vorwort (Pflanzenerotik)

Der Geschlechtstrieb ist der gewaltigste und vorzüglichste aller Triebe der Natur und der Menschenwelt. Er durchflutet das All der Natur wie das All der Menschheit heute wie ehemals. Freilich offenbarte er sich in der Menschenwelt in grauen Vorzeiten drastischer, deutlicher, nackter und — phantasievoller, heute dagegen „verfeinerter“, verhüllter, doch seine Stärke ist ungebrochen. Er offenbarte sich phantasievoller. Das, was zu

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