Das Männlein in der Gans

Das Männlein ging spazieren einmal
Auf dem Dach, ei seht doch
Das Männlein ist hurtig, das Dach ist schmal
Gib acht, es fällt noch
Eh sich‘ s versieht, fällt‘ s vom Dach herunter
Und bricht den Hals nicht, das ist ein Wunder

Unter dem Dach steht ein Wasserzuber
Hinein fällt’s nicht schlecht
Da wird es naß über und über
Ei, das geschieht ihm recht
Da kommt die Gans gelaufen
Die wird‘ s Männlein saufen

Die Gans hat‘ s Männlein ’nunter geschluckt
Sie hat einen guten Magen
Aber das Männlein hat sie doch gedruckt
das wollt ich sagen
Da schreit die Gans ganz jämmerlich
Das ist der Köchin ärgerlich

Die Köchin wetzt das Messer
Sonst schneidt‘ s ja nicht
Die Gans schreit so, es ist nicht besser
Als daß man sie sticht
Wir wollen sie nehmen und schlachten
Zum Braten auf Weihnachten.

Sie rupft die Gans und nimmt sie aus
Und brät sie
Aber das Männlein darf nicht raus
Versteht sich
Die Gans wird eben gebraten
Was kann‘ s dem Männlein schaden?

Weihnachten kommt die Gans auf den Tisch
Im Pfännlein
Der Vater tut sie raus und zerschneid‘ t sie frisch
Und das Männlein?
Wie die Gans ist zerschnitten
Kriecht‘ s Männlein aus der Mitten

Da springt der Vater vom Tisch auf
Da wird der Stuhl leer
Da setzt das Männlein sich drauf
Und macht sich über die Gans her
Es sagt: »Du hast mich gefressen
Jetzt will ich dafür dich essen.«

Da ißt das Männlein gewaltig drauf los
Als wären‘ s seiner sieben
Da essen wir alle dem Männlein zum Trotz
da ist nichts über geblieben
Von der ganzen Gans, als ein Tätzlein
Das kriegen dort hinten die Kätzlein

Nichts kriegt die Maus
Das Märlein ist aus
Was ist denn das?
Ein Weihnachts-Spaß
Aufs Neujahr lernst
Du, was?
Den Ernst

Text: Friedrich Rückert, 1813
in: Fünf Märlein zum Einschläfern für mein Schwesterlein
hier Der Kinder Lustfeld (1827)


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(1813)
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