Liederlexikon: Rammerlieder

| 1970

Das Rammerlied war die verbreiteste Art des Arbeitstaktliedes in der deutschen Überlieferung. Es wurde beim Einrammen von Pfählen mit einer Handramme in den Boden gesungen. Solche zugespitzten Pfähle oder Spundwände wurden früher bei allen Tiefbauarbeiten eingerammt: beim Straßen-, Brücken-, Deich- und Eisenbahnbau, bei Kanalanlagen, beim Befestigen von Hausfundamenten und bei Gerüstbauten an hohen Gebäuden.

Die Handramme bestand aus einem schweren, unten mit Eisen beschlagenen Holzklotz, an dem ringsum Handhaben angebracht waren, um ihn hochstemmen zu können. Auf Kommando ließ man ihn auf den zu rammenden Pfahl (oder die Pfähle) niedergehen. Diesen Typ einer Handramme zeigt ein Holzschnitt des 16. Jahrhunderts (Schopp S. 55). Bei der Zugramme wurde der Klotz von mehreren Arbeitern (vor allem Zimmerleuten) mittels einer auf einem Gerüst befestigten Rolle durch Seile aufgezogen und hei einer entsprechenden Hubhöhe losgelassen, um durch sein Fallge-wicht den zu rammenden Pfahl in die Erde zu treiben.

In jüngerer Zeit wurde diese Handramme ganz aus Eisen gefertigt; der Klotz glitt an einer Führungsstange, die auf dem einzurammenden Pfahl befestigt war, auf und ab.
Das wechselnde Ziehen und Fallenlassen des Klotzes geschah in einem sich wiederholenden Arbeitsrhythmus. Häufig wurde zu dessen Regelung nur taktmäßig halbsingend gezählt. Nicht selten aber sind dazu Lieder gesungen worden, die oft durch einen mehr oder weniger langen Zählgesang eingeleitet wurden. Den Kern des Rammerliedes bildete der Kommandoruf des Vorarbeiters, der endlos variiert werden konnte.

Zumeist wurde beim ersten Wort einer Zeile der Klotz von allen gleichzeitig angehoben, beim letzten fallen gelassen, wodurch nach jeder Zeile eine Pause eintrat. Auf den Zählgesang konnte ein bald längeres, bald kürzeres Lied folgen, das vom Vorarbeiter oder Vorsänger ausgewählt wurde, darauf ein Schlußgesang. Der Vorsänger hatte eine wichtige Funktion. Die bayerische Tagelöhner-Ordnung von 1729 z. B. legte fest, daß der Vorsänger einen Kreuzer mehr Tage-lohn als die Arbeiter erhalten sollte. Die Rammerlieder konnten nur aus kurzen Kommandorufen (zum Teil Zählreimen) bestehen oder auch durch eingeschobene, vielfach scherzhafte und erotische Textteile.

Neckereien. Heischen von Bier und Branntwein, Klagen über Lohn und harte Arbeit u. a. zu längeren Textketten. seltener zu stro-phisch gegliederten Liedern aufgefüllt werden. Ein solches strophisches derb-scherzhaftes Rammerlied ist bereits aus dem 16. Jahrhun-dert überliefert (Bücher S. 201. Schopp S. 86f.). Die Textteile dienten zur Unterhaltung bei sehr schweren körperlichen Arbeiten. Es konn-ten aber auch bekannte Lieder zu dieser Arbeit verwendet und dem Arbeitsrhythmus angeglichen werden.

So berichtet Karl Hauptmann (»Aus meinem Tagebuch«, Berlin 1900, S. 96) aus der Gegend von Wusrrow, wie Fischer an den Bollwerken gegen das Meer »unter gemeinsamem rauhen Singen die Pfähle rammten. Dabei sangen sie das Lied: Ich habe mein Feinsliebchen so lange nicht gesehn, ich sah sie gestern abend wohl vor der Haustür stehn. Ich dachte sie zu grüßen, usw. Und Zeile um Zeile, in schwerem Rhythmus, und immer dazwischen fällt das emporgezogene Rammeisen mit dumpfem Krach nieder.«

(Quelle: Schürz dich Gretlein, Hrsg: Hermann Strobach)

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