Birne

| 1908
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Bei den Griechen war der Birnbaum der Aphrodite, den Römern der Gartengöttin Venus geweiht; daher trug eine Art Birnen den Namen Veneraria oder pira venerea (Columella), die wahrscheinlich unsere sogenannte
Liebesbirne” (poire d’ amour) ist. Der Birnbaum kam dann durch die romanischen Bauern, die unter den süddeutschen und westlichen Germanen lebten, in unser Vaterland. Im deutschen Volksaberglauben spielt er nächst dem Apfelbaum die bedeutendst Rolle von allen Obstbäumen. Er lieferte noch die germanische Lebensrute (Fitzrute) den ledigen Burschen (Höfler). Als Lebensbaum wurde er, wie wir schon sahen, in der Stunde der Geburt eines Menschen gepflanzt. Er war auch der Baum der Hexen: mit Birnenkernen und Birnbaumrinden zauberten sie Krankheiten und allerlei Unheil an. Birnbaumwurzeln machten die Frauen unfruchtbar und ließen sie schwere Kindesnöte erleiden.

Der Birnbaum gilt als männlicher Baum, während der Apfelbaum der weibliche Baum ist. Schon Albertus Magnus (1193-128o) findet diesen Unterschied und zwar deshalb, weil das rötliche Holz derber, das Blatt härter, die Frucht kompakter sei (VI. 127). — Vergräbt man die Nachgeburt der Wöchnerin unter einem Birnbaum, so wird das nächste Kind ein Knabe (Schwaben). Birnenstilchen nennt man die Bübchen im Gegensatz zu den Pflaumen, den Mädchen. Das Stilchen deutet auf den Penis, die daran hängende Birne auf den Knaben bezw. Mann. Die Redewendung: „Kleine Birne, langer Stil” (Simrock, deutsche Sprichwörter 1099) deutet auf den langen Penis, den kleine (bezw. verwachsene) Männer haben sollen; es wird von üppigen Frauen gesagt, die kleine Männer den großen vorzuziehen pflegen. Die Herzogin von Orleans wendete diese Redensart auf einen kleinen Mann in Paris an, der wegen seines großen Gliedes von geilen Weibern sehr gesucht war (Eiselein, Sprichwörter S. 78). — Zwei Birnen als Sinnbild für die Hoden siehe den Ergänzungsband.

In der sexuellen Volksarzneikunde spielt der Birnbaum nur eine geringe Rolle. Bäder von wilden Birnen werden als Mittel gegen den Gebärmuttervorfall empfohlen. Dierbach erwähnt einen Keuschheitstrank (liquamen castimoniale), den Palladius gelehrt hat: reife Birnen werden mit Salz gepreßt, in Fässern drei Monate lang aufbewahrt. Ihr Saft wird alsdann mit etwas Rotwein versetzt und getrunken.

Dagegen wird der Birnbaum zum Liebesorakel mannigfach benutzt. Mädchen oder junge Männer werfen in der Christ- oder Thomasnacht einen Stecken oder Strohwisch oder Schuh dreimal auf einen Birnbaum; wenn er das dritte Mal liegen bleibt, so wird aus der Liebschaft eine Ehe (Oberpfalz); oder so oft sie werfen müssen, so viele Jahre bleiben sie noch ledig (Böhmen, Erzgebirge). — In der Christmitternacht schüttelt man einen Birnbaum, der an einem Kreuzweg steht, und spricht:

“Bäumchen ich rüttle dich
fein Liebchen melde dich
willst du aber dich nicht melden
so laß doch dein Hündlein belden”.

Da erscheint entweder der Schatz, oder ein Hundebellen zeigt die Richtung, aus welcher er kommen wird (Erzgeb.). —Am Andreasabend (3o. Nov.) kniet das Mädchen unter einem Birnbaum und horcht durch das Astloch eines Bretterzaunes; von wo sie Hundegebell hört, von da kommt der Zukünftige (Erzgeb.). — Wenn ein Birnbaum im Herbst blüht, gibt es eine Hochzeit im Hause (Niedersachsen,Westfalen) oder eine Leiche, besonders des Hausherrn (Old. Westf. Süddeutschl.).

Erotische Vorstellungen gaben Formen und Farben mancher Birnen dem Volke. Sie fordern zum Vergleich mit dem sich üppig verdickenden Schenkeln oder Lenden und Waden der Mädchen und Frauen auf; andere Birnsorten wieder zum Vergleich mit dem Hinterteil. Die Salander- oder Sparbirne, die Anfang August reift, hat wegen ihrer schön gerundeten, üppig und harmonisch anschwellenden Form den Namen „Frauenschenkel” (Cuisse Madame), auch „Franz Madam” (= Französische Madame). Im Magdeburgischen nennt man eine fleischgelbliche, ähnlich geformte kleinere Birne, etwas rosig angehaucht, „Jungferlennen”. Mit der Wade vergleicht man die „Wadelbirne”, eine herbe Birne, die den Mund zusammen zieht; sie wird zum Obstwein benutzt. Die Pfundbirne heißt wegen ihrer breit gewölbten Gestalt „Arschbackenbirne”, wird auch „Liebesbirne” genannt (Nemnich).

Bock erwähnt in seinem Kräuterbuch (153o) eine Sorte Mammosa, diese ist also mit den Brüsten der Frau verglichen worden Es sind dies jene birnenförmigen Brüste, die der Waldfrau (Langtüttin) angedichtet wurden, die in der Tat in riesigen Unformen bei wilden Völkern z. B. bei den Negerinnen vorkommen. In einem arabischen Gedicht auf die Birne heißt es, aufgestellt gleiche sie der Brust der Jungfrau und umgekehrt ihrem Nabel (Jolowicz, der poetische Orient 43o). Eine andere Birne von außerordentlich glatter Schale nennt man „Weiberstirne” (Cordus botanologicon, Köln 1534).. Andere allgemeinere Namen sind; „Jungfernbirnen”, „ Frauenbirnen”„,Damenbirnen” (La Chere ä Dames). — Auch die Nase wird mit der Birne verglichen. Große, klumpige Nasen heißen „Birnnasen”.

Das Volk vergleicht also die Formen der Birne mit den Formen gewisser Körperteile der Frau, nicht des Mannes. Auch das deutsche Sprichwort stellt Birnen mit Frauen und Dirnen (der Reim!) eher zusammen als mit Männern:

  • „Faule Birn, schlechte Dirn”
  • „Eine Birne und eine Frau die viel Geräusch machen, sind nicht viel wert”
  • „Nach gelben Birnen und braunen Nüssen (= reifen Mädchen) fällt sich einer den Hals ab”

Von lüsternen Neigungen geschlechtsreifer Mädchen heißt es:

  • „Wenn die Birne reif ist, fällt sie eher in den Dreck als ins Reine”
    (so in Lippe, Mecklenburg, ebenso Holland) oder
  • „Reife Birnen fallen gern in den Koth”

Daher die Mahnung: „Reife Birnen muß man pflücken”. Nur in der Leipziger Redewendung „Er ist ein gebacken Birnmännchen” findet sich Birne und Mann zusammengestellt. — Gilt der Birnbaum auch als männlicher Baum, so wird doch seine Frucht, die Birne, als weiblich gedacht und mehr mit Frauen als mit Männern in Vergleich gesetzt.

in Volkserotik und Pflanzenwelt (1908)

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