Im einsamen Dörfchen Zypresse genannt (Die getrennten Liebenden)

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Im einsamen Dörfchen, Zypresse genannt,
War einst ein vertrauliches Pärchen
Gelobte sich Liebe mit Mund und mit Hand
Und wurde darüber zum Märchen
Denn Friedrich war reich, und Elise war arm,
Drum machten die Eltern den Liebenden Harm
Und heischten Gehorsam und Trennung

Doch ließen die Liebenden leider nicht nach
Und pflogen verbotene Liebe
Der Jüngling war feurig, das Mädel war schwach,
Sie fröhnten dem lüsternen Triebe
0 wehe! Bald rief es mit brennendem Schmerz
Dem liebenden Mädel ins bebende Herz:
Bist Mutter, bist Mutter geworden

Bist Mutter geworden, so hallet es nach
Zu spät war die Reue und Klage
Bald schaute die Welt die verborgene Schmach
Bald lag dann die Sünde am Tage.
Drauf schlossen die Eltern des Jünglings ihn ein
Und zwangen ihn wütend mit Schmach und mit Pein,
Ein reiches Mädel zu freien

Die Eltern Elisens erschauten mit Graus
Die Schmach der verlassenen Dirne.
Sie stießen wohl zürnend das Mädel hinaus
Mit drohend gefalteter Stirne:
»Hinaus mit dir, ehrlose Dirne, hinaus!
Hinaus, du Verworf’ne von Hof und von Haus,
Von Vater und Mutter und Bruder!«

Das Mädel durchwandert’ in Schmach und in Not
Viel Dörfer und Städte und Orte
Sie flehte wohl oft an den Türen um Brot
Und hörte herzkränkende Worte
Beim Wandern durch einen verödeten Hain
Gebiert sie ein Knäblein mit wütender Pein
Und krümmet in Wehen sich lange

Ein Wandrer erquickt sie in sterbender Not
Und kühlet die brennende Lippe
Noch einmal verläßt sie der nahende Tod
Mit seiner hellblinkenden Hippe
Sie decket ihr Söhnlein mit Lumpengewand
Und ziehet dann weiter durch Stadt und durch Land
Und träget ihr Knäblein am Busen

Es fließt um das Dörfchen ein Wasser herum
Mit wildem, mit weinendem Rauschen:
Das Mädel beschließt nun verzweifelnd und stumm,
Den Jammer mit Tod zu vertauschen.
»Hinunter, hinunter in schaurigen Grund!«
Sie drücket das Knäblein an Herz und an Mund
Und stürzt sich mit ihm in die Fluten

Nach Tagen geht Friedrich am Wasser herum
Lustwandeln am blumigen Rande;
Er denkt ans verlassene Mädel: hum! hum!
Da liegt’s wie ein Leichnam im Sande.
Ein Mädel liegt starrend, hat ‘s Söhnchen im Arm
Da läuft’s ihm vom Rücken so kalt und so warm:
»Weh, weh! Es ist Liebchen und Söhnchen!

Bist du es, mein Liebchen? Ha! Bist du schon tot?
Du trägst ja ein Knäbchen am Herzen!
Ha! Mädel, du littest wohl eiserne Not,
Du Mutter des Sohnes der Schmerzen!
Hu, hu! Mich ergreift zu sterben die Lust!
Hier, Eisen! Hier ist die geängstete Brust!
Hinunter, hinunter! In ‘n Busen!”

Er stößt sich ein Messer wohl tief in das Herz,
Da entflieht die Seel ihm mit Weh und mit Grauen.
Bald singt man den Eltern das schaurige Lied,
Sie kommen, das Unglück zu schauen.
Sie nehmen wohl jammernd die Toten in ‘n Arm.
Zu spät ist die Reue, zu spät ist der Harm.
Die Toten erwachen nicht wieder.

Sei, Jüngling, nicht feurig, sei, Mädel, nicht schwach,
Und fröhnt nicht dem lüsternen Triebe!
Es folget des Jammers, des Harms und der Schmach
Gar viel auf verbotene Liebe.
Ihr Eltern, verschließt nicht das eiserne Herz
So lächelnd, so kalt vor der Liebenden Schmerz!
Einst nagt euch die Reu’ an der Seele.

Text: Karl Friedrich Benkowitz (vor 1807)

Liederthema: ,
Liederzeit: (1807)
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