Heinrich lag bei seiner Neuvermählten


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Heinrich lag bei seiner Neuvermählten,
Einer reichen Erbin von dem Rhein.
Schlangenbisse, die den Falschen quälten,
Ließen ihn nicht süßen Schlafs sich freun.

Zwölfe schlug’s. Es drang durch die Gardine
Plötzlich eine kleine weiße Hand.
Was erblickt’ er? Seine Wilhelmine,
Die im Sterbekleide vor ihm stand.

»Bebe nicht!« sprach sie mit leiser Stimme,
»Ehmals mein Geliebter, bebe nicht!
Ich erscheine nicht vor dir im Grimme
Deiner neuen Liebe fluch’ ich nicht.

Als ein Scheusal, als ein Ungeheuer
Wallt sein Fuß zur Mitternacht umher.

Edle, weichgeschaffne schöne Kinder
Wenn sie noch in holder Unschuld blühn
Sehen feurig den verruchten Sünder
Rufen: »Heil’ge Mutter, hilf!« und fliehn.

Warum glaubt’ ich Schwache deinen Schwüren
Baute fest auf Zärtlichkeit und Treu!
Mir nicht träumend, daß ein Herz zu rühren —
Mehr als rühren! — euch nur Spielwerk sei.

Zwar der Kummer hat mein junges Leben,
Trauter Heinrich, mitleidsvoll verkürzt.
Aber Tugend hat mir Kraft gegeben,
Daß ich nicht zur Hölle mich gestürzt.

Nur weil sterbend noch in meinem Herzen
Ird’sche Liebe — deine Liebe! — war,
Soll hienieden ich, doch ohne Schmerzen,
Freudlos irren dreimal sieben Jahr’.«

Gnade fand sie. Doch ihr Ungetreuer
War verloren ohne Wiederkehr
Als ein Scheusal, als ein Ungeheuer
Wallt sein Fuß zur Mitternacht umher

Das Lied ist nach einem Gedicht »Heinrich und Wilhelmine« des Johann Friedrich August Kazner (1732-1798), eines Hof= gerichtsadvokaten in Frankfurt am Main, entstanden. Es ist zuerst im Jahre 1779 in »Die Schreibtafel« gedruckt worden, deren sechste Lieferung Maler Müller in Mannheim im Verlag C. F. Schwan herausgab. In diesem Gedicht fordert die Betrogene den Heinrich auf, für ihr Seelenheil zu opfern:

»Gute Werke, heil’ger Männer Bitte
Können mindern diesen schweren Bann.
Doch du weißt es, daß in jener Hütte
Meine Mutter wenig opfern kann.

Schätze hast du, Heinrich. Ach, bediene
Ihrer dich zu meiner Seele Rast;
Schaffe Ruhe deiner Wilhelmine,
Die du lebend ihr entzogen hast!«

»Opfer! sagst du? Ja, das Opfer blute!«
Brüllte Heinrich noch in dieser Nacht,
Sprang vom Lager, und in der Minute
Ward, o Graus, der Selbstmord auch vollbracht.

Aber diese Strophen werden nie gesungen. In Pommern gibt es seit 1841 eine Fassung ohne Selbstmord. Da bereut Heinrich alle seine Laster und bittet, daß seine Seufzer erhört werden. Das freut die verlassene Erstgeliebte:

Jetzt beruhigt seufzt sie: »Ach!« und schwinget
Wie ein Blitzstrahl schnell sich himmelan!

 


Liederthema: Moritaten
Liederzeit: (1780)
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Liedergeschichte: -