Bremer Stadtmusikanten

Freunde bleibet hübsch im Lande

Auswandererlieder | , | | | 1841 |

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Freunde, bleibet hübsch im Lande
und ernährt euch redlich dort
Im amerikanischen Sande
kommt ihr noch weit weniger fort
Sonne auf den Pelz euch brennt
Plagen, die ihr hier nicht kennt
regnen dort auf euch herab
und das Geld ist da auch knapp

Ließ mich leider auch verleiten
zog mit Weib und Kind dahin
Tausend Meilen mußt ich schreiten
Tat’s mit unverdrossenem Sinn
Hoffte in Amerika
sei im Vollen alles da
Rittergüter klein und groß
nehme nur sich jeder bloß

Ach, wie soll ich euch doch schildern
Meine Täuschung, meine Not
Bei den schön geträumten Bildern
fehlte mir das liebe Brot
Kläglich auf der Reise schon
Starb mein lieber kleiner Sohn
Und mein Weib, erkrankt und matt
fühlte sich des Lebens satt

Als nach Bremen wir gekommen
waren wir vor Kummer bleich
alles was wir mitgenommen
zahlten für die Fracht wir gleich
Und die Zahlung an dem ort
nahm den letzten Pfennig fort
nackt und kahl, wie’n Felsenriff
stiegen wir hinein ins Schiff

Eingepreßt im engen raume
lagen wir zu hundert da
und behext vom argen Träume
glaubten wir die Hilfe nah
Hunger, Durst und Übelkeit
Ungeziefer wie geschneit
quälten uns bei Tag und Nacht
hätten uns fast umgebracht

Endlich nach vielen trüben tagen
Sturm, Verzweiflung, Ungemach
schien die Rettungsstund zu schlagen
nahte der Erlösungtag
fröhlich jauchzend hieß es da
wir sind in Amerika
Und die eingepreßte Brust
hob sich voll erneuter Lust

Statt uns freundlich zu empfangen
wie wir töricht uns gedacht
wurden mit den bleichen wangen
wir noch tapfer ausgelacht
ach, es weiß der liebe Gott
wie bei Hohn und kaltem Spott
unser armes Herz zerbrach
manchen, manchen sauren tag

Was beginnen, was nun treiben,
in dem unbekannten land
wo gezwungen wir zu bleiben
niemand fast ein Obdach fand
Ja oft unsere Augen blind
haben wir mit Weib und Kind
nach der heimat ausgesehn
doch das Unglück war geschehn

Endlich trafen wir noch herzen
aus dem teuren Vaterland
die, erweicht von unseren Schmerzen
reichten uns die Bruderhand
Doch ist unsere Arbeit schwer
und Gott weiß der Beutel leer
auch ist unser Trank und Schmaus
nicht so gut, als wie zu Haus

Freund, laßt euch dringend sagen
bleibt in eurem Heimatland
und ertragt mit Mut und Plagen
die euch einmal schon bekannt
Glaubt mir in Amerika
sind noch größere Leiden da
und wer Lust zur Arbeit hat
ist sich auch zu Hause satt

Text und Musik: anonym –  Fliegendes Blatt , gedruckt zu Dresden vor 1841
aus: Willibald Walter : Sammlung deutscher Volkslieder , Leipzig 1841.
Lied Nr. 115. S. 186-188(c) DVA Freiburg

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