Bremer Stadtmusikanten

Bierburg war ein schönes Städtchen

Die Streikisten vor Bierburg

Arbeiterlieder | , | | 1896 |

Bierburg war ein schönes Städtchen
wegen seiner holden Mädchen
war´s bekannt so fern und nah
und der Geister Capua
nannten es die Dichter

Drinnen wohneten die reichen
Börsenmäkler und dergleichen
Draußen aber rundherum
gab´s viel schwarzes Publikum
zwischen den Fabriken

Ganz besonders abendnächtig
war die Gegend dort verdächtig
Ganze Haufen konnt´ man sehn
schimpfend stets beisammen stehn
auf die Staatsverwaltung

Und die Herrn im hohen Rate
von dem Bierburgischen Staate
rieten doch so brüderlich
und verteilten unter sich
Titel, Gold und Würden

Aber die in den Fabriken
wollten´s ganze Jahr nur striken
„Wenig Arbeit, hohen Lohn!“
hatten diese Kerle schon
oft ganz laut begehret

Einst, an einem Samstagmorgen
war die Stadt in schweren Sorgen
die bis jetzt bloß raisonniert
kommen nun heranmarschiert
an die hunderttausend

Taten in der Luft rumfechten
sprachen was von Menschenrechten
hoben einen Mann empor
der trug eine Rede vor
Revolutionärisch

Endlich wählten die Banditen
sich die Kecksten aus der Mitten
schickten sie mit frohem Sinn
in das Städtchen Bierburg hin
um zu „unterhandeln“

Dorten war man schon seit Längsten
vor dem Volk in Todesängsten
viele konnten´s nicht bestehn
mußten schnell nach Hause gehn
und die Wäsche wechseln

Doch der tapf´re Bürgermeister
der schon längst bekannt als Dreister
wollt auch diesmal mutig sein
ließ sie in sein Zimmer ein
(aber ohne Stöcke)

„Männer“, sprach er, „ihr seid Männer
aber nicht Gesetzeskenner
wie könnt ihr Euch unterstehn
Haufenweis´ spaziern zu gehn
wie am Blauen Montag?“

Sprach darauf Streikes Zefises:
„Herr, wir sagen nichts als Dieses:“
Zog dann ein Papier hervor
drauf etwas geschrieben war
fast wie eine Drohung!

Lang genug hab´n wir geschunden
täglich sechzehn Arbeitsstunden
wenn die Zeit nicht reduziert
bld bis auf die Hälfte wird
reduzier´n wir´s selber!

„Ferner wollen wir nicht dulden
Länger mehr mit den paar Gulden
wöchentlich und Kost und Bett
das en gros-Versorgungs-G´frett
muß sich endlich aufhör´n!

Dann, damit wir besser wissen
was die hohen Herrn beschliessen
werden künftig jedesmal
wir den ganzen Rathaussaal
rund herum besetzen

Das sind von so vielen Dingen
drei, die wir zur Kenntnis bringen
sollte man uns nicht versteh´n
dann – vielleicht kann es gescheh´n
daß wir wiederkommen!“

Solches las Zefises munter
von dem Blatt Papier herunter
in des Bürgermeisters Hand
der ganz starr vor ihnen stand
legt er´s und empfahl sich

Vor der Stadt die große Menge
stimmte an Triumphgesänge
als die Deputation
machte den Bericht davon
wie sie keck gewesen

Doch, sobald vorbei der Schrecken
tat man in´s Gefängnis stecken
jene, wie es sich gebührt
die die Bande angeführt
gegen ihre Ratsherrn

Dorten saßen sie geduldig
bis man sie erkannt als schuldig
einem hohen Magistrat
durch die frevelhafte Tat
Furcht gemacht zu haben

Mußten dann noch weiter schwitzen
und führ ihr Verbrechen schwitzen
doch sie zeigten keinerlei
Buße und zerknirschte Reu´
die verstockten Sünder

Was sie ändern wollten schändlich
blieb beim Alten selbstverständlich
grade so wie vor und eh´
sind zufrieden Wenige
und die Meisten schimpfen

Doch Staat Bierburg ist gerettet
seit die Zwölfe angekettet
niemand hört den Ratsherren zu
und es herrscht die alte Ruh´
wieder und die Ordnung

Freilich wird uns manchmal bange
denn man weiß ja nicht wie lange
dieser Frieden dauern kann
geht der streik von Neuem an
weiß man nicht, wie´s ausgeht

Text: A. Scheu
Musik: auf die Melodie von „Die Hussiten zogen vor Naumburg“ bzw. Als die Römer frech geworden
in Max Kegel : Sozialdemokratisches Liederbuch von 1896
wo will dieses „Bierburg“ liegt?

mp3 anhören CD buch