Bremer Schulreformer schrieb Hymne der Großstadtjugend

Freiheitslieder | , | 2007
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Vor 100 Jahren:  Dem Morgenrot entgegen (1907-2007)

Die Bekämpfung der Kinderarmut war das zentrale Thema im letzten Bremer Wahlkampf. Dabei ist die Erkenntnis, daß die Kinder in den Bremer Stadtteilen Gröpelingen, Walle oder Tenever schlechter leben, häufiger erkranken und somit früher sterben werden als ihre Altersgenossen in Borgfeld oder Oberneuland, nicht neu. Und daß unser Schulsystem diesen unerträglichen Zustand noch verstärkt, wissen wir auch nicht erst seit PISA. Schon vor mehr als 100 Jahren engagierten sich Bremer Lehrer für eine weitreichende Schulreform. So wie Hermann Böse, nachdem heute in Bremen eine Strasse und ein Gymnasium benannt sind, stammten nicht wenige von ihnen selbst aus Arbeiterfamilien. Einige  Bremer Schulreformer begannen mit der Umsetzung ihrer Ideen im Unterricht.

Heinrich Eildermann

Schon vor mehr als 100 Jahren engagierten sich Bremer Lehrer für eine weitreichende Schulreform. So wie Hermann Böse, nachdem heute in Bremen eine Strasse und ein Gymnasium benannt sind, stammten nicht wenige von ihnen selbst aus Arbeiterfamilien. Einige  Bremer Schulreformer begannen mit der Umsetzung ihrer Ideen im Unterricht. Die Schulbehörde reagierte mit harten Disziplinarmaßnahmen. Verweise, Lohnkürzungen bis hin zu Entlassungen wurden ausgesprochen, weil Lehrer im Turnunterricht kurz musiziert hatten, keine Morgenandachten abhalten wollten oder sich weigerten, die bei Sedanfeiern vorgegebenen Lieder zu singen, wie „Deutsch zu heißen, will ich streben, Deutschland Blut und Leben weih´n“, oder „gib, Vater, mir ein Schwert, verachte nicht mein junges Blut, ich bin der Väter wert! Ich finde fürder keine Ruh im weichen Knabenstand, ich stürb, o Vater, stolz wie du den Tod für´s Vaterland“

In einer Eingabe an die Bremer Schulbehörde schrieb der Vorstand des Bremer Lehrervereins:  „Der Deutsche fühle sich normalerweise nicht mehr als Untertan, sondern als Staatsbürger“. Im Vorstand saß damals auch der 28jährige Lehrer Arnold Heinrich Eildermann, der wie andere seiner Lehrerkollegen an Sonn- und Feiertagen mit Kindern und Jugendlichen aus den Elendsquartieren hinaus in Grüne zog, um sich zu erholen und gemeinsam zu lernen.

Mit dabei waren auch Lehrlinge und junge Arbeiter, die zu dieser Zeit für etwa eine Mark pro Tag zwischen elf und zwölf Stunden arbeiten mussten. Weil die alten Lieder für diese neue, sich gerade gründende Arbeiterjugend nichts taugten, mußen neue her – und so hat der Bremer Lehrer Heinrich Eildermann im Jahre 1907 ganz nebenbei einen Welthit geschrieben, der später in nahezu alle Sprachen der Welt übersetzt wurde: „Dem Morgenrot entgegen!“

Das Lied auf die Melodie des Andreas-Hofer-Liedes hatte er aus Angst um seinen Arbeitsplatz unter dem Pseudonym „Heinrich Arnulf“ veröffentlicht. Erstmals gedruckt wurde es 1910 als das „Lied der Jungen“. Schon bald darauf schrieb ihm sein Freund und Kollege Emil Sonnemann auf einer Ansichtskarte: „Lieber Heinrich! Heute sangen in Essen siebentausend junge Arbeiter Dein Lied. Das hättest Du erleben müssen.“ Unter dem Titel „Die junge Garde“ verbreitete sich es sich rasch und wurde bald weltweit gesungen. 1922 wurde es ins Russische übersetzt und zur Hymne der Jugendorganisation der Sowjetunion, die einst vierzig Millionen Mitglieder zählte.

Eildermann war damals SPD-Mitglied, wurde später Kommunist, wegen Hochverrrats angeklagt aber nicht verurteilt. Die Verfolgung durch die Gestapo überlebt er. 1945 ging er als Lehrbeauftragter für Soziologie an die Universität Dresden, wo er 1955 im Alter von 75 Jahren verstarb.

Michael Zachcial, 19.12. 2007







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