Nun wohl bekomm es mir (nach der Arbeit)


Nun wohl bekomm es mir!
Ich bin auch endlich müde
Doch süßer, süßer Friede
Liegt auf der Seele hier

Ich hab mein Werk getan.
Nun ruhet aus, ihr Glieder
Auf morgen ruf‘ ich wieder
Dann gehts von neuem an

Wie wohl ist mir zu Sinn!
Die Blumen alle winken
Und wunderfreundlich blinken
Die Sternchen nach mir hin

Der Abend ist so schön!
Mit ruhigem Gewissen
Kann ich ihn nun genießen,
Dann froh zu Bette gehn

Wie würd es anders sein,
Hätt ich heut nichts gelesen,
Und wäre faul gewesen!
Mich würde nichts erfreun

Beschämt würd ich den Kopf –
Auf Ellenbogen stüzen,
Und in der Stube sitzen
Erbärmlich, wie ein Tropf

Dann fragte mich Papa:
Wie ists? was kann dir fehlen?
Weißt du nichts zu erzählen ?
Kein Wörtchen wüßt ich da

Dann käme Lotte her
Und suchte mich mit Necken
Vom bösen Traum zu wecken
Doch Lotte hin und her!

Verdrieslich würd ich dann
Mich ärgerten die Wände
Und – und – ich fing am Ende
Wohl gar zu weinen an

O wie ists doch so gut
Um Arbeit und Geſchäfte !
Wie stärkt es Mut und Kräfte
Wenn man was Nützes tut !

Dank sei dem lieben Gott!
Er stärkte mich auch heute
Daß ich den Fleiß nicht scheute,
Und ehrte sein Gebot!

Nun auch zum süßen Lohn
Getrost am Tisch gesessen !
Wer schaffet, darf auch essen.
Mich dünkt, ich schmeck es schon.

Text: Overbeck – in Fritzchens Lieder (1781)
Anmerkung: ein typisches Beispiel protestantischer und kapitalistischer Ethik



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Liederthema: Gedichte
Liederzeit: (1781)
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