Es läuft ein fremdes Kind (Weihnachtslied)

Es läuft ein fremdes Kind (Weihnachtslied)

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Es läuft ein fremdes Kind
am Abend vor Weihnachten
durch eine Stadt geschwind
die Lichter zu betrachten
die angezündet sind

Es steht vor jedem Haus
und sieht die hellen Räume
die drinnen schaun heraus
die lampenvollen Bäume
weh wird’s ihm überaus

Das Kindlein weint und spricht
Ein jedes Kind hat heute
ein Bäumchen und ein Licht
und hat dran seine Freude
nur bloß ich armes nicht

An der Geschwister Hand
als ich daheim gesessen
hat es mir auch gebrannt
doch hier bin ich vergessen,
in diesem fremden Land

Läßt mich denn niemand ein
und gönnt mir auch ein Fleckchen?
in all den Häuserreihn
ist denn für mich kein Eckchen
und wär es noch so klein?

Läßt mich denn niemand ein?
Ich will ja selbst nichts haben
ich will ja nur am Schein
der fremden Weihnachtsgaben
mich laben ganz allein

Es klopft an Tür und Tor
an Fenster und an Laden
doch niemand tritt hervor
das Kindlein einzuladen
sie haben drin kein Ohr

Ein jeder Vater lenkt
den Sinn auf seine Kinder
die Mutter sie beschenkt
denkt sonst nichts mehr noch minder
ans Kindlein niemand denkt

O lieber heil’ger Christ
nicht Mutter und nicht Vater
hab‘ ich, wenn du’s nicht bist
o, sei du mein Berater
weil man mich hier vergißt

Das Kindlein reibt die Hand
sie ist von Frost erstarret
es kriecht in sein Gewand
und in dem Gäßlein harret
den Blick hinausgewandt

Da kommt mit einem Licht
durchs Gäßlein hergewallet
im weißen Kleide schlicht
ein ander Kind; – wie schallet
es lieblich, da es spricht

Ich bin der heil’ge Christ
war auch ein Kind vordessen
wie du ein Kindlein bist
ich will dich nicht vergessen
wenn alles dich vergißt

Ich bin mit meinem Wort
bei allen gleichermaßen
ich biete meinen Hort
so gut hier auf den Straßen
wie in den Zimmern dort

Ich will dir deinen Baum
fremd Kind, hier lassen schimmern
auf diesem offnen Raum
so schön, daß die in Zimmern
so schön sein sollen kaum

Da deutet mit der Hand
Christkindlein auf zum Himmel
da droben leuchtend stand
ein Baum voll Sterngewimmel
vielästig ausgespannt

So fern und doch so nah
wie funkelten die Kerzen
Wie ward dem Kindlein da
dem fremden, still zu Herzen
da’s seinen Christbaum sah

Es ward ihm wie ein Traum
da langten hergebogen
Englein herab vom Baum
zum Kindlein, das sie zogen
hinauf zum lichten Raum

Das fremde Kindlein ist
zur Heimat nun gekehret
bei seinem heil’gen Christ
und was hier wird bescheret
es dorten leicht vergißt

Text: Friedrich Rückert (1816)
Musik: Carl Löwe

u. a. in : Sechs Bücher deutscher Lieder mit bewährten Sangweisen: zunächst für Schulen… (50 Lieder für Unterklassen und Kleinkinderschulen enthaltend) (1860)

Liederthema: ,
Liederzeit: , (1816)
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