Es ist viel Wunders in der Welt

Verderbte Zeit

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Es ist viel Wunders in der Welt
Groß Übermut und falsches Geld
Hat überhand genommen
Christliche Lieb ist fast dahin
Der Glaub ist schier verschwunden.

So wächst nicht so viel Laub und Gras
Als jetzt regieret Neid und Haß
Bei Reichen und bei Armen
Kein Scham ist jetzund in der Welt
Das möcht wohl Gott erbarmen

Die göttlich Straf will helfen nit
Ein jeder lebt nach seinem Sitt
All Bosheit tut sich mehren
Und was von Alter her gut was
Das tut sich jetzt verkehren

Jetzt verkehrt sich viel mancher Stand
Das muß entgelten Leut und Land
Man sech denn baß zu’n Sachen
Weil ein Jeder sein‘ Mut will han
Der Schimpf der wird sich machen

Die jungen und die alten Leut
Führen gegen einander groß Streit
Der Gelehrt‘ der straft den Laien
Der Laie hält ihm Widerpart
Sie tun sich oft entzweien

Wann d’Weisheit auf der Gassen steht
Göttlich Gerechtigkeit untergeht
Die Wahrheit liegt verborgen
Die Lieb Gottes ist verloschen gar
Wir leben ohn alle Sorgen

Man schreit und tobet bei dem Wein
Jeder will evangelisch sein, —
Ja mit Fluchen und mit Schelten!
Das Gotteswort ist lauter und klar
Gott läßt euchs nit entgelten.

So findt man jetzt viel freier Gesell
Die nimmer fasten und beten Mölln
Gott wöllen sie nicht mehr ehren:
Schreiben und sagen überlaut
Der Luther tu sie’s lehren.

Der Luther lehrt dich solches nit
Du führst fürwahr ein bösen Sitt
Der ist dir angeboren
Schändlich Ding und Büberei
Hast du dir auserkoren.

Kein Gotteswort tust du nehmen an.
Du schändest Frauen und auch Mann
Dein Nächsten tust anklaffen
Laß jeden bleiben bei sein Ehr’n
Schau was du hast zu schaffen!

Ein‘ frommen Christen kennt man wohl
Weiß wohl, wie er sich halten soll
Zu Kirchen und zu Straßen
Was seim Nächsten zu Leide kommt
Das kann er freundlich lassen,

Er acht nit, was ein Jeder sagt
Nach großen Gütern er nit fragt
Die Welt die lässt er fahren
Und bringt mit ihm viel guter Frucht
Das tut dem Teufel zoren.

Nun bitt wir Gott von Himmelreich
Dass er uns Glück und Heil verleich
Sein Gerechtigkeit zu erkennen
Und fein heilig Barmherzigkeit
Gott sei bei unserm Ende! Amen

Text: Verfasser unbekannt
Musik: „Im Ton vom König aus Frankreich“: Die Tonangabe bezieht sich auf ein Lied zur Pavierschlacht mit fünfzeiliger Strophe.
in Deutscher Liederhort II (1893, Nr. 291)

Anmerkungen zu "Es ist viel Wunders in der Welt"

  • 3, 2 nach seiner Sitte, nach seiner Willkür
  • 4, 3 Es sei denn, dass man von oben hcr die Sache besser angreife, als bisher geschehen.
  • 4, 5 Schimpf, Scherz, Spaß. Sinn: Wenn Jeder nach seinem Eigenwillen leben will, muß es zum Kampf und Streit kommen.

Fl. Bl. Nürnberg, Valentin Newber. (Druckte zw. 1550—70). Daher bei Gödeke-Tittmann, Liederb. des 16. Jahrh. S. 261 ; von Liliencron (Leben im Volksliede Nr. 2) setzt die Abfassungszeit des Gedichtes noch vor Luthers Ableben.

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