Johannes war ein Seifensieder

Balladen und Moritaten | 2009
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Johannes war ein Seifensieder
der wußte viele schöne Lieder
und sang, mit unbesorgtem Sinn
vom Morgen bis zum Abend hin
Sein Tagwerk konnt´ ihm Nahrung bringen
und wann er aß, so mußt er singen
Und wann er sang, so war´s mit Lust
aus vollem Hals und freier Brust
Beim Morgenbrot, beim Abendessen
blieb Ton und Triller unvergessen
Der schallte recht, und seine Kraft
durchdrang die halbe Nachbarschaft
Man horcht, man fragt: Wer singt schon wieder?
Wer ist´s ? Der muntre Seifensieder

Im Lesen war er anfangs schwach
er las nichts als den Almanach
Doch lernt´ er auch nach Jahren beten
die Ordnung nicht zu übertreten
und schlief, dem Nachbar gleich zu sein
oft singend, öfter lesend ein
Er schien fast glücklicher zu preisen
als die berufnen sieben Weisen
als manches Haupt gelehrter Welt
das sich schon für den achten hält


Es wohnte diesem in der Nähe
ein Sprößling eigennütz´ger Ehe
der, stolz und steif und bürgerlich
im Schmausen keinem Fürsten wich
Ein Garkoch richtender Verwandten
der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten
der stets zu halben Nächten fraß
und seinen Wechsel oft vergaß


Kaum hatte mit den Morgenstunden
sein erster Schlaf sich eingefunden
so ließ ihm der Genuß der Ruh
der nahe Sänger nimmer zu
Zum Henker! lärmst du dort schon wieder
vermaledeiter Seifensieder?
Ach wäre doch zu meinem Heil
der Schlaf hier wie die Austern feil


Den Sänger, den er früh vernommen
läßt er an einem Morgen kommen
und spricht: Mein lustiger Johann!
Wie geht es Euch? Wie fangt Ihr´s an?
Es rühmt ein jeder Eure Ware
sagt, wieviel bringt sie Euch im Jahre?


Im Jahre, Herr? Mir fällt nicht bei
wie groß im Jahr mein Vorteil sei
so rechn´ ich nicht! Ein Tag bescheret
was der, so auf ihn kömmt, verzehret
dies folgt im Jahr (ich weiß die Zahl)
dreihundertfünfundsechzigmal


Ganz recht! Doch könnt Ihr mir´s nicht sagen
was pflegt ein Tag wohl einzutragen?
Mein Herr, Ihr forschet allzusehr
der eine wenig, der andre mehr
So wie´s dann fällt. Mich zwingt zur Klage
nichts als die vielen Feiertage
Und wer sie alle rot gefärbt
der hatte wohl wie Ihr geerbt
dem war die Arbeit sehr zuwider
das war gewiß kein Seifensieder


Dies schien den Reichen zu erfreun
Hans, spricht er, du sollst glücklich sein
Itzt bist du nur ein schlechter Prahler
da hast du bare fünfzig Taler
Nur unterlasse den Gesang
das Geld hat einen bessern Klang


Er dankt und schleicht mit scheuem Blicke
mit mehr als dieb´scher Furcht zurücke
Er herzt den Beutel, den er hält
und zählt und wägt und schwenkt das Geld
das Geld, den Ursprung seiner Freude
und seiner Augen neue Weide


Es wird mit stummer Lust beschaut
und einem Kasten anvertraut
den Band´ und starke Schlösser hüten
beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten
den auch der karge Tor bei Nacht
aus banger Vorsicht selbst bewacht
Sobald sich nur der Haushund reget
sobald der Kater sich beweget
durchsucht er alles, bis er glaubt
daß ihn kein frecher Dieb beraubt


Bis, oft gestoßen, oft geschmissen
sich endlich beide packen müssen
sein Mops, der keine Kunst vergaß
und wedelnd bei dem Kessel saß
Sein Hinz, der Liebling junger Katzen
so glatt von Fell, so weich von Tatzen
er lernt zuletzt, je mehr er spart
wie oft sich Sorg´ und Reichtum paart
und manches Zärtlings dunkle Freuden
ihn ewig von der Freiheit scheiden
die nur in reine Seelen strahlt
und deren Glück kein Gold bezahlt


Dem Nachbar, den er stets gewecket
bis er das Geld ihm zugestecket
dem stellet er aus Lust zur Ruh
den vollen Beutel wieder zu
Und spricht: Herr, lehrt mich bessre Sachen
als, statt des Singens, Geld bewachen
nehmt immer Euren Beutel hin
und laßt mir meinen frohen Sinn
Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden
ich tausche nicht mit Euren Freuden
Der Himmel hat mich recht geliebt
der mir die Stimme wiedergibt
was ich gewesen, werd´ ich wieder:
Johann, der muntre Seifensieder

Text: Friedrich von Hagedorn (1738)
in: Als der Großvater die Großmutter nahm (1921)


Steht zuerst in Hagedorns Versuch in poetischen Fabeln und Erzählungen (Hamburg , 1738). Der Stoff ist alt, er kommt schon bei Burkard Waldis und bei Hans Sachs vor, auch in Balthasar Kindermanns Böser Sieben (Wittenberg , 1662), dann wieder bei Lafontaine . Dort ist der lustige Sänger dort überall ein Schuhflicker. Erst Hagedorn hat aus dem „savetier“ bei Lafontaine einen „savonnier“ gemacht. (nach: Als der Großvater die Großmutter nahm )

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