Zehn Jahre seit den letzten Vogel (Der Gefangene)


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Zehn Jahre! seit den letzten Vogel ich
Im Blütenwald sein Liedchen schlagen hörte;
Zehn Jahre! seit der blaue Himmel sich
Zum letzten Male meinem Blick bescherte;
Zehn Jahre! was ist weiter dein Begehr?
Kann meine Wange sich noch blässer färben?
Sieh, diese Hand bricht keine Kronen mehr;
Laß, König, laß mich in der Freiheit sterben

Zehn Jahre! meine Sehnen sind erschlafft,
Mein Auge kann die Kette nicht mehr sehen;
O zittre nicht! kaum hab ich noch die Kraft,
Zwei Schritte bis zum Grabe hinzugehen,
Ein Herr der Welt – und dein ein zahllos Heer! –
Und ich ein kranker Mann – ein Bau in Scherben –
Nein! diese Hand bricht keine Kronen mehr;
Laß, König, laß mich in der Freiheit sterben

Zehn Jahre hat in dieser Kerkergruft
Mein Herz so treu dem Tode zugeschlagen;
Zehn Jahre! jetzt, o jetzt nur so viel Luft,
Gen Himmel eine Seele hinzutragen!
Ein wenig Luft! ei, fällt dir das so schwer?
Willst du schon wieder neue Söldner werben?
Sieh, diese Hand bricht keine Kronen mehr;
Laß, König, laß mich in der Freiheit sterben

Zehn Jahre haben meinen Mut geknickt
Und meines Lebens Blüte mir genommen;
Man hat das Lied mir in der Brust erstickt,
Der letzte Funken ist schon längst verglommen.
Und noch nicht? Sprich, was weiter dein Begehr?
Kann meine Wange sich noch blässer färben?
Sieh, diese Hand bricht keine Kronen mehr;
Laß, König, laß mich in der Freiheit sterben

Text: Georg Herwegh , in Lieder eines Lebendigen (1841)


Liederthema: Gedichte | Gefangenenlieder
Liederzeit: (1841)
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