Welcher fröhlicher Tag (Gesellen-Gelag)

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Welcher fröhlicher Tag will han
Der soll zu Sauct Redlinus gahn
Zum hochgebornen Fürsten
Welcher viel Pfenning im Seckel hat
Der trinkt, wann er dürstet, ja dürstet

Er setzt das Gläslein an den Mund
Und trinkt es aus bis auf den Grund
Den edlen Saft der Reben
Deß wöll wir Gott dankbar sein
Der uns den hat geben, ja geben.

Also gehn wir in’s Wirtes Haus
Der schwankt Kandel und Gläser aus
Empfangt uns mit großen Ehren
Bringt uns den rechten Reblinus gut
Zu dem tun wir uns kehren, ja kehren

Nun Wirt, so trag uns her den Wein
Bring uns auch Würfel und Karten herein
Ums Geld darfst du nicht sorgen
Welcher kein Pfenning im Seckel hat
Demselben sollt du borgen

Nimm Kreiden, schreib uns an die Wand
Der Wirt spricht: ,Gut Gesell, reich mir ein Pfand
Darbei ich mag dein gedenken
So nimm ich Kandel in die Hand
Tu dir fröhlich einschenken!

Also lebn wir den Tag im Braus
Wir trinken zu Halben, Ganzen aus
Wir leben im reichen Schalle
Was ein Jeder bei dem Wein anfecht
Tut ihm selber wohl gefallen

Darum lob ich den Wein für Bier
Wenn ein gut Gsell spricht: es gebühret dir
Ich tu dir ein freundlichst bringen
Welcher zum Andern kein Kundschaft hat
Beim Wein tut er’n erkennen

Also führn wir den Tag ein Leben
Auf den Abend sollen wir dem Wirt Geld geben
Die Oerten tut er machen
Welcher die Oerten borgen will
Warum sauft er nit Wasser aus der Flaschen?

Also haben wir die Zech getan
Auf den Abend wolln wir ein Schlaftrunk han
Den Abend als den Morgen
Wir essen, trinken und haben ein guten Mut
Wir lassen die Vögelein sorgen

Nun will ich von dem Schlaftrunk lan
Auf den Montag fahens wieder an
Wir Habens nicht vergessen
Ein gut Gesell zum andern spricht
Wir wöllen ein Süpplein essen

Der eine spricht: Ich darf nicht gan
Mein Meister will gearbeit‘ han
Will mir kein Geld mehr leihen
Ei so sprich, du wöllst wandern schier
Wöllst nicht länger bei ihm bleiben

Also bringt einer den andern ins Bad
Das währt den Montag auch den Tag
Wir leben in reicher Schallen
Die Meister dürfen der Arbeit wohl
Unser Weis‘ tut ihn’n nit Wohlgefallen

Die Meister dürfen der Arbeit wohl
Auf den Dienstag sein wir noch voll
Die Arbeit will sich uns nicht pflichten
So gohn wir wieder zu dem Wein
Wir wöllen die Köpf einrichten

Damit werden wir voll und selten wan
Auf d’Abend fahen wir etwan ein Hader an
Wir tun einander schlahen
Auf Mittwoch wollen wir wieder zusammen gan
Wöllens bei dem Wein vertragen

Das währt die Mittwochen auch den Tag
Auf den Donnerstag wöllen wir ins Bad
Wir leben in reichem Schalle
Damit geht sich die Wochen weg
Tut den Meister nit wohl gefallen

Der Freitag geht sich auch daran
Zu trachten was wir d’Wochen haben getan
Wir tun uns erst besinnen
Wir lugen in die Seckel ’nein
Kein Geld finden wir drinnen

Wo nichts ist, da nimmt man nichts aus
Wir wöllen hin ins Meisters Haus
Wir kommen hinein gegangen
So ficht er uns über d’Achsel an
Tut uns nicht schön empfangen.

So denk ich in dem Sinne mein
Ich will wieder ziehen zu dem Wein
Will mich nit lasten betrüben
Es muß nun vollends gewaget sein
Den Sack wohl an die Rüben

Das treiben wir die ganz Wochen an
Es leert den Seckel, es füllt den Mann,
Wir führen ein freies Leben
Wir essen, trinken und haben ein guten Mut
Es wird leider nit lang währen

Das Liedlein ist darum gemacht
Soll ein jeder Handwerksgesell betracht
Rat ich in ganzen Treuen
Der bleibt die Wochen seinem Beruf
Es wird ihm nicht gereuen

Der uns das Liedlein neu gesang
Hans Wizstat von Wertheim ist ers genannt
Er hats so wohl gesungen
Ist ihm ein Weingart durch den Bauch gefahrn
Kein Reb hat ihn gekrummen

Er singt uns das, vielleicht noch mehr
Kein Gsell der tu das nimmer mehr
An mich sollt ihr euch stoßen
Da ich der Sach verständig was
Von der Lieben mußt ich laßen

Mein Lieb das mußt ich schnell Verlan
Sie streich mir die Narrenkappen an
Das Liedlein will ich enden
Ist irgend ein stummer Handwerksgsell hie
Der tu mir ein Freundlichs bringen!

Text: Hans Wizstat (um 1530)
Musik: Es geht ein frischer Sommer daher
in Deutscher Liederhort III (1894, Nr. 1616 „Gesellen-Gelag“)

Fliegendes Blatt ohne Jahr: Am Ende Hans Guldenmundt (Nürnberg um 1530). Gedicht von Hans Witzstatt. Titel des Liedes : „Diß Lied bericht all Handtwercksgsellen / die die Wochen schlemmen wöllen /  es zeygt in auch gar flevssig an / was eim darauß werden kan / auf die letzt muß ern spot zum schaden han.

Liederthema:
Liederzeit: (1530)



Anmerkungen zu "Welcher fröhlicher Tag (Gesellen-Gelag)"

Exemplar in der Großherzoglichen Bibliothek Weimar: daher Weimarer Jahrbuch 4, 454. Abdruck wiederholt bei Mittler Nr. 1500. — Das lockere Gesellenleben des Mittelalters ist hier geschildert und dessen Folgen, zur Warnung von einem lustigen Zechbruder gedichtet, wird aber wenig gefruchtet haben.

Erklärung:

  • 1, 2 Der heilige Reblinus galt als Protektor des Weinbaues
  • 6, 3 im reichem Schalle, mit großem Geräusch und viel Aufwand
  • 6,4 anfecht, ansäht, anfängt
  • 7, 3 dir ein Freundliches bringen, dir zutrinken
  • 8, 3 Örte, landschaftlich für Irte, die Zeche, die Rechnung des Wirtes.