Die weiße Frau


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Die weiße Frau ist seit mehr als zweihundert Jahren in Deutschland bekannt gewesen, als eine solche, die, wenn der Tod an einiger großen Fürsten Palast anzuklopfen pflegt, sich gemeiniglich vorher sehen läßt. Dies geschieht aber nicht allein in den deutschen hohen Häusern, sondern auch in unterschiedlichen Orten in Böhmen, jedoch nur allein bei vornehmen Familien.

Dies weiße Gespenst soll den Anfang seiner Erscheinung vor vielen Jahren gemacht haben in Böhmen, und noch heutiges Tages sich oftmals sehen lassen in den meisten Schlössern der Herrn von Neuhaus und Rosenberg, welche diese zwei vornehmen Geschlechter vor Zeiten besessen haben. Und bezeugen Schriftsteller, daß diese weiße Frau allbereit vor vieler Menschen Gedenken unter den Herrn von Rosenberg oder von der Rose, jemandes Absterben vorbedeutet habe.

Diese Frau ist ganz weiß, hat auf dem Haupte einen weißen Schleier, wie die Witwen tragen, mit weißen Bändern, ist lang von Person und eines sittsamen Angesichts, in welcher Gestalt sie von einem alten Turme, aus dem Fenster eines alten Schlosses, am Mittage heraussehend, von vielen Menschen erblickt worden und da jedweder unten auf dem Marktplatz mit Fingern auf sie gewiesen, ist sie dennoch von ihrer Stelle nicht gewichen, sondern allmählig kleiner geworden, eben als wenn sie herab käme.

Es soll sich aber dieses Gespenst nicht allein sehen lassen vor dem Absterben eines Herrn von diesem Geschlecht, sondern auch wenn einer geboren wird, oder sich in Ehestand begeben soll. In welchem Falle aber die Vorbedeutungszeichen unterschiedlich sind; denn, wenn einer sterben soll, so trägt sie an beiden Händen schwarze Handschuh, sonst aber ganz weiße. Bisweilen sieht man sie geschwind durch das Schloß hingehen, mit einem Bund Schlüsseln an ihrem Gürtel, als wenn sie sehr beschäftigt wäre, mit welchen Schlüsseln sie bald diese, bald eine andere Kammer aufschließt und wieder versperrt, sowohl bei hellem Tage, als bei nächtlicher Weile, ohne Unterschied.

Wenn ihr dann Jemand begegnet und sie grüßet, so grüßet sie ihn wiederum mit einer sonderlichen Gravität und lieblichen, ehrbaren und schamhaftigen, als einer alten Wittwe wohl anstehenden Gebärden. Sie neigt ihr Haupt, geht ihres Weges fort und tut keinem Menschen ein Leid.

An der Gewißheit dieses weißen Gespenstes ist keinesweges zu zweifeln, dieweil auch in etlichen kurfürstlichen und fürstlichen Häusern des Römischen Reichs, sowohl von der reformierten, evangelischen und katholischen Religion, sie vor Todesfällen gesehen wird.

Die weiße Frau (Bayreuth)

Jedoch ist ihr Ursprung und Anfang, wie bereits oben gedacht, in Böhmen zu suchen, von dannen sie in die deutschen Höfe auch herüber kommen ist. Weil die Herrn von Rosenberg wegen ihres großen Vermögens, großen Ansehens und geführten fürstlichen Standes in so hohem Ansehen gewesen, daß Hochfürstliche Häuser sich mit denselben zu befreunden kein Bedenken getragen, wie denn Gerlach in seinem Türkischen Tagebuche erzählt, daß zu seiner Zeit, Anno 1527, der damals noch lebende alte Rosenberg der berühmteste im Königreich Böhmen gewesen und auch seine Stimme in den Polnischen Wahlstimmen gehabt.

Die Gemahlin des Herrn Wilhelm von Rosenberg war des Königs Sigismund von Polen Tochter. Er selbst, dieser Wilhelm, ist befreundet gewesen den Hochfürstlichen Hausern Braunschweig, Brandenburg, Baden. Seine Kinder sind verheiratet gewesen an andere fürstliche Häuser, und also hat die weiße Frau sich auch bei diesen eingefunden, soviel derselben einige Verwandtschaft mit dem Hause der Rosenberge gehabt haben.

Wir wollen aber hierbei vorstellen, wer diese weiße Frau gewesen ist: In dem alten Gebäude des Schlosses Neuhaus steht ein Bild der Bertha von Rosenberg (1430 – 1476) , in Menschen Größe, sehr alt. Alle diejenigen, welche die weiße Frau gesehen haben, bezeugen, daß zwischen ihr und dem Bilde eine rechte Ähnlichkeit sei. Deshalb glauben die Katholischen, daß dieses Gespenst der Geist gedachter Bertha sein soll. Die Schlösser und Familien in Böhmen, da diese weiße Frau sich sehen läßt, sind Krumlow, Neuhaus, Trzebon, Frauenberg, das Schloß zu Bechine, zu Telzen, der Herren von Berka und der Herren von Lippe, in dem sehr alten und neuen Schloß Naryzaneck. In Deutschland an den Höfen der Fürsten, selbst der protestantischen, in Frankenland, Mark Brandenburg u.s.w. wird sie gesehen.

Man erzählt auch eine Geschichte von ihr als Amme von Peter Wok von Rosenberg und als Initiatorin des Festes vom süßen Brei zu Ostern.



Liederthema: Allgemein
(1430)
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