Die weiße Frau als Amme


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Als im Jahre 1539 Peter Wok von Rosenberg, der letzte seines Stammes, geboren war, und, wie man’s mit vornehmen Kindern zu halten pflegt, zu Trebona (Třeboň (deutsch: Wittingau)) im Frauenzimmer auferzogen ward, fing die weiße Frau an, bei Nacht oft zu ihm zu kommen, wenn die Amme oder das Kindermädchen der Schlaf übernommen hatte, wiegte das Kind, nahm es auch, so es weinete, aus der Wiege auf ihre Arme, stillte es mit süßem Lispeln und andern Verfahrungen, so bei den Ammen gebräuchlich; lachte ihm freundlich zu, spielte mit ihm, trug ihn in den Gemächern herum und sparte an diesem Säugeling gar keinen Fleiß.

Kurz, sie stellte sich so vertraulich bei dem Knäblein an, daß die Amme, Kinderwärterin und andere, denen dies Kind zur Wartung und Pflege anbefohlen war, sie mit ihm zufrieden ließen und nicht verstörten, noch ihr zu wehren begehrten, daß sie ihn mit ihren Händen angriff und in ihre Arme legte.

Hernach hat es sich begeben, daß ein neues Weib in das Frauenzimmer aufgenommen worden. Als nun selbiges Weib sieht, daß die weiße Frau das Kind aus der Wiege hebt und herum trägt, meint diese, es sei eine Schande, daß man das Kind einem Gespenst vertraue, faßt deshalb ein mehr als weibliches Herz, tritt hinzu, reißt dasselbe der weißen Frau aus den Armen und spricht: »was hast du mit unserem Kinde zu schaffen?«

Hierauf fährt die weiße Frau, welche bisher allezeit geschwiegen, mit dieser zornigen Antwort heraus: »was, du unsaubere Dirne, du darfst mich noch wohl fragen, was mich das Kind angeht? da du doch erst neulich mit bloßen Füßen hierher gelaufen bist und dich allhier eingeschlichen hast. Du sollst wissen, daß dieses Kind aus meinem Stamme bürtig und von meinem Bruder, durch dessen nach und nach einander erzeugte Kindeskinder; solchem nach aus der Linie meines Geblüts herkommt. Derhalben bin ich keine Fremde, sondern gehöre ihm zu.«

Gleich damit hat sie sich zu allen Hofmägden gewendet und gesprochen: »und ihr habt mir, eurer gnädigen Frauen, auch niemals annoch einige Ehre erwiesen, wie sich’s gebührte, darum so behaltet nun euer Kind immerhin; ich will von nun an nicht wieder kommen.« Und zu der Amme sagte sie insonderheit: »warte du dieses Söhnleins wohl, und gib fleißig Acht auf ihn; er wird dankbar sein. Und wann er nun erwachsen ist, so gib ihm die Nachricht, daß er mir so lieb sei, und sage ihm auch, wie ich aus diesem Orte (wobei sie zugleich mit der Hand nach der Wand hinzeigte), habe pflegen zu ihm zu kommen und wieder dahin gehe.« Nachdem sie diese Worte kaum ausgeredet, ist sie, zu selbiger Wand, hineingetreten und ihnen gleich aus den Augen verschwunden, hat auch, von selbigem Tage an, den Kleinen nicht mehr besucht.

Als aber dieser Peter Wok von der Amme solches, da er ein erwachsener Jüngling war, erfahren, hat er lange nicht verstanden, was damit eigentlich gemeint würde, bis er, in seinem Alter, nach Absterben seines Bruders Wilhelm, in derselbigen Wand, zu welcher die weiße Frau allezeit hatte pflegen hinein zu gehen (nachdem er vielleicht, durch eine neue Anzeigung, dazu eine Ermahnung bekommen), zu graben befohlen und daselbst einen verborgenen gewaltigen Schatz angetroffen, wovon hernach, im Jahre 1611, dem Passau’schen Kriegsheere, welches, weil man ihm seinen Monatssold verweigerte, sich empörte und feindlich in Böhmen gegangen war, etliche hunderttausend, so Kaiser Rudolph von diesem Peter lieh, gezahlt worden, nach deren Entrichtung man diese Völker abdankte.



Liederthema: Allgemein
(1539)
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