Die weiße Frau (Das Fest vom süßen Brei)


in:

mp3 anhören CD buch

Zu Neuhaus ward alljährig ein Fest gefeiert, das Fest des süßen Breies, indem armen Leuten am Grünendonnerstage in der Karwoche eine Gastung angerichtet ward. Zu dieser Mahlzeit versammelten sich, aus aller umliegenden Nachbarschaft, eine solche Menge der Armen, daß alsdann in dem Neuhauser Schloß zum wenigsten sieben tausend, ja zuweilen auch neun bis zehn tausend armer Gäste gezählt wurden. Es setzten sich je zwölfe beisammen auf die Erde, auf den weit geraumen Schloßplätzen von Neuhaus, und damit keine Unordnung noch Unruhe entstehe, zählte man die Tische und wurden, bei jedem, besondere Aufwärter gestellt, welche zu Tische dienen, die Speise auftragen, Trinken bringen und einschenken mußten.

Solche Aufwartung bestand nicht in gemeinen Leuten, sondern in lauter Befehlshabern und Beamten, als da sind: Amtmänner, Hauptleute, Burggrafen, Schreiber, und fast allerlei Beamten oder Verwalter, deren es unzählig viele gab, ingleichen die Ratsherrn und andere ansehnliche Bürger der Stadt. Gemeiniglich ging selbst der Gubernator und Herr des Orts mit etlichen vornehmen Gästen vor dem Gepränge der Gerichte her, trug die erste Schüssel zu, und ward ihm von einem starken Haufen solcher Tafeldiener nachgefolgt.

Weil es aber nicht wohl möglich, daß eine so große Menge Volks an einem Orte und auf eine Zeit zugleich essen kann, läßt man auf einmal der Gäste nicht mehr ein, als der Raum des Platzes verstattet. Wenn dieselben gesättigt, läßt man sie, durch das Hinterteil des Schlosses, hinaus, und führt hingegen andere wieder herein, bis alle vorhandenen Armen gespeiset waren und keiner mehr übrig, welcher die Mahlzeit nicht genossen hätte.

Die Speisen aber, so man ihnen vorsetzte, waren diese: erstlich ward ein dreipfündig Brot aufgelegt; hernach eine Suppe von Bier, oder andere Brühe, aufgesetzt, die gar fett und wohl mit Butter geschmalzet war; demnächst zweierlei Speisen von Karpfen (das heißt, Karpfen zwiefach zugerichtet) und endlich der sogenannte süße Brei, derselbe war aus Erbsen, Buchweitzen oder sonst andern Früchten gekocht. Vor Alters pflegte man ein wenig Honig hinein zu tun, daher der Name des süßen Breies.

Dünnbier gab man ihnen, so viel sie verlangten, und zuletzt jedem auch sieben Prätzeln von Semmelmehl. Die meisten Gäste, besonders die Armen, nehmen mit sich nach Hause, was sie können und bringen darum zween Hafen mit sich, in den einen werfen sie zwei Teile von den Karpfen, unangesehen, daß dieselben in der Würze und Zurichtung unterschieden sind, in den andern schütten sie das Bier. Alles andere, so sich nicht teilen läßt, als die Suppe, das Eingeweide und den Brei, verzehren sie zusammen gemeinschaftlich.

Diese milde Handlung soll oftmals die Tonnen von etlichen Brauungen, so wie ganze Fischteiche geleert haben. Urkunden und Dokumente schwiegen schon früh, zur Zeit des Jesuiten Balbinus, über den Ursprung dieser frommen Sitte, die sich alljährig vom Vater zum Sohne, vom Vorgänger auf den Nachfolger vererbte.

Alte hundertjährige Greise, mit weißen Scheiteln, damals befragt, erzählten, ihre Vorfahren hätten ihnen über die Entstehung des Festes folgendes erzählt und alle stimmten gleichlautend, wie die Sage stets fortschreitet, überein: es wäre ehedem eine fürnehme Matrone, hohes Stammes, gewesen, der man die Vormundschaft über die verwaisten jungen Herren von Neuhaus vertraut hätte. Diese habe man, da sie, als eine Witwe, in Witwenkleidung gegangen, die weiße Frau genannt und sei es eben dieselbe, welche, so wie die Vorfahren gleichfalls angezeigt, bisweilen im Schlosse erscheine.

Sie habe angefangen, das Neuhausische Schloß zu bauen und viele Jahre über solchem Werke zugebracht, mit großer Beschwerung aller Untertanen, so sie bei Grabung und Aufführung der Walle, Aufrichtung der Türme, Zuführung des Kalks, Sandes, der Steine und anderer Materialien, bis zur gänzlichen Vollendung solches weitläuftigen und großen Schloßgebäudes, ausgestanden. Dabei sie doch gleichwohl solchen frohnenden Arbeitern freundlich zugesprochen, mit Vertröstung, diese Arbeit und Frohndienste würden schon mit ehesten zu Ende gehen. Auch habe sie jedweden seinen Tag- oder Arbeitslohn mit barem Gelde bezahlt und ihnen zugerufen: »arbeitet für eure Herren, ihr getreuen Untertanen, arbeitet! Wann wir das Schloß werden verfertigt haben, will ich euch und allen euren Leuten einen süßen Brei geben.« Denn diese Art zu reden führten die Alten, wenn sie jemand zur Mahlzeit luden.

Nachdem endlich das Schloß in völligem Stande und vollendet, welches, nach Aussage dieser befragten Alten, im Herbst geschehen, hat die Frau, ihres Versprechens eingedenk, allen Untertanen ein herrliches Mahl zugerichtet und unter währender Mahlzeit zu ihnen gesagt: »zu stetem Gedächtniß eurer Tat gegen eure liebe Herrschaft sollt ihr jährlich eine solche Mahlzeit haben. Also wird das Lob eures Verhaltens auf die späten Nachkommen fortgrünen.«

Nachmals aber, – sagten diese guten ehrlichen Grauköpfe, – hätten die Herren für füglicher angesehen, daß man diese Mahlzeit, aus dem Herbste, auf den Tag und das Gedächtniß des heiligen Abendmahls verlegte, als an welchem ohnedem die Armen von reichen und vornehmen Christen bewirtet würden. Und solche Veränderung des Tages wäre eben so überalt noch nicht, ja sie erstrecke sich noch kaum über hundert Jahre. Das war es, was die hochbetagten Graubärte davon aussagten.

In dem alten Schlosse Neuschloß ward auch die weiße Frau geschaut und hing daselbst die wahre Gestalt dieser verstorbenen, jetzt aber um das Schloß herumwandernden weißen Frau, auf einer an der Wand hängenden Tafel gemahlt. Das wüste Schloß Tollenstein, von welchem das Gerücht geht, als ob viele Schätze darin verborgen liegen, hat gleichfalls die weiße Frau zur Einwohnerin oder Besucherin. Sie schaut unterweilen zum Fenster herab, darüber sich alsdann die Wandersleute verwundern und sie grüßen.

Wann sie erscheint, so läßt sie in ihrem Angesichte nichts als lauter sittsame Bescheidenheit, Zucht, Schamhaftigkeit und Gottseligkeit erscheinen. Doch hat man auch wohl gesehen, daß sie zornig worden und ein finsteres Gesicht gemacht hat, wider diejenigen, welche wider Gott oder den Gottesdienst eine lästerliche Rede ausgeschüttet; ja, daß sie dieselben auch wohl mit Steinen und allem, was ihr in die Hand gekommen, verfolgt hat. Wozu noch kommt ihre große Liebe zu den Armen und Dürftigen.

Die Entstehung des süßen Breies, wie wir gesehen, ist ihr Werk, weswegen sie dann, wofern entweder der bösen Zeiten, oder feindlicher Gefahr oder anderer Ursachen halber, die Gabe an die Armen unterlassen wird, sich so unruhig, so übelvergnügt, ja ganz rasend und wütig erzeigt, daß sie ganz unerträglich wird und sich nicht eher zur Ruhe giebt, als bis den Armen die gewöhnliche Barmherzigkeit, daß sie gespeist werden, widerfährt. Alsdann sieht man sie erst wieder fröhlich und munter und niemanden überlästig, noch beschwerlich.

Man sagt, daß, als die Schweden im dreißigjährigen Kriege, nach Einnehmung dieses Schlosses und der Stadt, den Armen diese Mahlzeit auszurichten entweder vergessen, oder vorsatzlich unterlassen, sie, die weiße Frau, einen solchen Tumult und ein solches Getümmel erregt, und dergestalt getobt habe, daß die Leute im Schlosse schier darüber hätten verzweifeln mögen. Es ward die Soldatenwacht verjagt, geschlagen und von einer geheimen Gewalt zu Boden gestürzt. Es begegneten solchen Schildwachten mancherlei seltsame Gestalten und wunderblasse Gesichter. Die Offiziere selbst wurden, bei Nacht, aus den Betten und auf der Erde herumgezogen.

Da man nun ganz keinen Rat wußte, diesem Übel zu steuern, sagte einer von den Bürgern aus Telzin dem Schwedischen Kommandanten, es sei den Armen die jährliche Mahlzeit nicht gereicht worden und riet ihm, er solle solche alsofort, nach der Vorfahren Weise, geben lassen. Nachdem solches geschehen, hat man im Schlosse alsofort Ruhe bekommen und ist alles überall von Gespenstern so stille geworden, daß allerdings auch die Winde zur Ruhe gelegt schienen.



Liederthema: Allgemein
(1200)
Schlagwort: | |