Liederlexikon: Wachholder

| 1908

Der Wachholder (= wacher, immergrüner Baum) war ein hochheiliger Baum der alten Germanen. Das wohlriechende Holz, die frisch erhaltende, antiseptische Kraft des immergrünen, immer riechenden Lebensbaumes war ihnen frühe bekannt. Er galt so recht als ein Träger des. Lebens, ein Baum, der fruchtbar macht (mhd: quekolder), Im Niederdeutschen ist der Name Quekholder noch heute üblicher (in Osnabrück entstellt in Quakelbusk). Man vergleiche auch das lateinische Juniperus = Juveniperus. —

So verlieh dieser Baumdämon (wohl später erst als „Frau“ Kranewitt gedacht) schon in uralter Zeit die Leben spendende, fruchtbar machende Lebens -(Martins-) gert e mit der die Frauen und das weibliche Vieh aufgefitzelt oder aufgekindelt wurden. —

Im Vogtlande und am ganzen sächsischen Erzgebirge peitschen die Burschen die Frauen und Jungfrauen am zweiten Weihnachtstag, womöglich wenn sie im Bette liegen, mit Wachholderruten. In Bayern, Franken, Österreich kennt man am Tage der unschuldigen Kinder das Pfeffern der Frauen mit Wachholderstauden, ebenso in den Gegenden von Tübingen und Eßlingen. — Auch das weibliche Vieh wurde mit der Lebensrute gefitzelt. In Oberbayern schneidet der Hirt am 1o. November nach dem letzten Austreiben die Martinsgerte vom Wachholderbaum, mit der die Dirne im Frühjahr die Kühe aus. dem Stalle treibt.

In der Oberpfalz ließ der Rinderhirte die Gerten am h. Dreikönigstage kirchlich weihen und am ersten Mai, am Walbernabend, gegen Geschenke in die-Häuser verteilen. — Der Wachholder nimmt auch in der sexuellen Volksmedizin eine hohe Stelle ein. Sein kräftig aromatisches Oel, die frisch und lebendig erhaltende Kraft wurde in sehr vielen Leiden verwendet. So hilft der Wachholderaufguß gegen den weißen Fluß der Frauen. In Böhmen soll sogar der Aufguß von Wachholderbeeren Fruchtbarkeit der Frauen bewirken. —

Ja, der Wachholder kann anzeigen, ob eine Frau fruchtbar sein wird oder nicht. Um dies zu erfahren rät des getreuen Eckarts Hebamme (Leipzig 1715) zerquetschte Wachholderbeeren auf glühende Kohlen zu bringen und den Dampf in die Mutterscheide gehen zu lassen. Wenn man nach einer Weile den Geruch aus dem Mund oder den Nasenlöchern der Frauen empfindet, so ist die Person für fruchtbar, wo aber das Zeichen nicht erfolgt, für unfruchtbar zu urteilen.

in Volkserotik und Pflanzenwelt (1908)

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