Das Gewitter

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Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
In dumpfer Stube beisammen sind
Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt
Großmutter spinnet, Urahne gebückt
Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl –
Wie wehen die Lüfte so schwül!

Das Kind spricht: „Morgen ists Feiertag
Wie will ich spielen im grünen Hag
Wie will ich springen durch Tal und Höhn
Wie will ich pflücken viel Blumen schön
Dem Anger, dem bin ich hold!“ –
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Die Mutter spricht: „Morgen ists Feiertag
Da halten wir alle fröhlich Gelag
Ich selber, ich rüste mein Feierkleid
Das Leben, es hat auch Lust nach Leid
Dann scheint die Sonne wie Gold!“ –
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Großmutter spricht: „Morgen ists Feiertag
Großmutter hat keinen Feiertag
Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid
Das Leben ist Sorg und viel Arbeit
Wohl dem, der tat, was er sollt!“ –
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Urahne spricht: „Morgen ists Feiertag
Am liebsten morgen ich sterben mag
Ich kann nicht singen und scherzen mehr
Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer
Was tu ich noch auf der Welt?“ –
Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?

Sie hörens nicht, sie sehens nicht
Es flammet die Stube wie lauter Licht:
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
Vom Strahl miteinander getroffen sind
Vier Leben endet ein Schlag –
Und morgen ists Feiertag

Text: Gustav Schwab

Geschichte dieses Liedes:
Liederthema:
Liederzeit: (1828)
Region:

Anmerkungen zu "Das Gewitter"

Schwab schrieb die Ballade nach folgendem Zeitungsartikel vom 1. Juli 1828:

Unglück durch Blitzschlag

„Am gestrigen Montag, den 30 Junius vom frühen Morgen an zogen mehrere heftige Gewitter über unsere Gegend herein, ohne jedoch Hagelschaden zu verursachen. Man ahnte hier in Tuttlingen, wo gewöhnlich die Gewitter schnell vorüberziehen, keine Gefahr, als um halb 8 Uhr der Blitzschlag, einer Flammensäule ähnlich, mit einem entsetzlichen Knall in ein auf der südwestlichen Seite der oberen Vorstadt gelegenes Haus einschlug und von zehn Bewohnern vier Personen weiblichen Geschlechts, im Alter von 8 bis 71 Jahren und zwar Großmutter, Mutter, Tochter und Enkeltochter tödtete und verschiedene anderen Personen, welche teils im Hause waren, teils außer demselben in Nachbarhäusern an geöffneten Fenster und Läden stunden, mehr oder weniger körperlich verletzte. der König von Württemberg auf der Durchreise hier vorbeikam und den verunglückten Familien Unterstützung zukommen ließ.“

Der damalige König von Württemberg war damals zufällig auf der Durchreise, erfuhr von dem Vorfall und ließ den verunglückten Familien Unterstützung zukommen. Das Gedicht gehörte über viele Jahrzehnte zum Schulkanon. (Quelle)

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