Libussa und Primislaus (Libuše und Přemysl)


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Als Krokkus, der zweite heidnische Fürst der Böhmen, starb, hinterließ er keinen männlichen Erben, sondern drei Töchter, welche Zauberinnen und Wahrsagerinnen waren. Die älteste hieß Bela, oder, wie einige schreiben, Brela, welche das Schloß Brelum erbauet, die andere Tetcha oder Techa (auch Therba und Therbiza von einigen genannt), die jüngste aber Libussa.

Tetcha soll noch das Schloß Thetin oder Diewin erbaut haben, sie, so wie ihre Schwester Bela, von dem vielen Gelde, welches sie durch Wahrsagen erwarben. Libussa war aber nicht allein viel geschwinder und erfahrner, als die anderen, sondern auch milder; denn sie forderte von niemand nichts und weissagete fürnehmlich, wie es dem Volke ergehen würde. Deshalb ward ihr auch, durch sonderliche Gunst des Volkes, das Regiment vertraut. Diesem stand sie etliche Jahre wohl vor und befestigte das Schloß Wischerad, ehe daß die Stadt Prag gebaut wurde.

Als sie aber auf eine Zeit, der Billigkeit nach, einem Reichen, wider einen armen Mann, die Sache absprach, gab sie derselbe bei den Männern an und wendete daneben für, es wäre eine Schande, daß ein Weib über sie regieren solle, welches dann denen, so Lust zu Veränderungen hatten, eine angenehme Rede war. Dieselben kamen darauf auf das Schloß Libus, welches Libussa sich an dem Orte an der Elbe erbauet hatte, da jetzo Kolin ist, am 10ten Mai 722 zu ihr, worauf sie sich billig entschuldigte, doch dadurch nichts erhalten mochte und befürchtete, daß nicht irgend einer zum Regiment erfordert würde, der ihr wenig recht, so erhielt sie von den Untertanen, daß mehr durch das Orakel und ihre Weissagung, denn durch menschliche Wahl, ein Fürst erwählt würde. Deswegen hieß sie sie alle am folgenden Tage wieder kommen, anzuhören, was für ein Fürst durch die Weissagung würde erwählt werden.

Folgendes Tages kamen die Untertanen auf die angesetzte Stunde zusammen und begehrten anzuhören, was sie für einen Regenten bekommen würden. Derowegen kam Libussa mit ihrem Frauenzimmer herfür und fragte sie, ob sie denn von ihrem Vornehmen nicht wollten ablassen? Nachdem sie aber auf demselben bestunden, sagte sie, daß Gott ihr einen Ehemann und ihnen, den Untertanen, einen Regenten hätte gegeben, mit Namen Primislaus.

Weil sie sich aber über beide, den Namen und Person, so ihnen ganz unbekannt, entsetzten, fragten sie Libussa, wo dieser Mann sich aufhielte? Libussa antwortete: es wäre zwar ein Einwohner und Bauersmann, doch sollten sie Gott billig danken, der ihnen einen Einwohner und nicht einen Ausländer zum Regenten gegeben, dazu auch das Regiment nicht einer hohen, sondern geringen Person aufgetragen und einer solchen, so durch das Los könnte weissagen. Da sie nun denselben bald wollten ansichtig werden, sollten sie zum schleunigsten ihre Gesandten abfertigen und ihn als ihren Fürsten und Herrn annehmen und auf das Schloß Wischerad führen lassen.

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Liederthema: Allgemein
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