Das quellende Silber


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In der Nähe von Quedlinburg hat einmal ein armer Bauer seine Tochter in den nächsten Busch geschickt, um Brennholz aufzulesen. Das Mädchen nahm dazu einen Tragkorb und einen Handkorb mit, und wie sie beide voll Holz hatte und wieder heim gehen wollte, trat ein weißes Männlein zu ihm hin und fragte: „Was trägst du da?“ – Aufgelesenes Holz zum Heizen und Kochen, antwortete das Mädchen. – „Schütte das Holz aus, sprach weiter das Männlein, nimm deine Körbe und geh mit mir: ich will dir etwas zeigen, das besser ist, als Holz! Nahm es an der Hand, führte es an einen Hügel und zeigte ihm einen Platz, so groß wie ein großer Tisch, voll kleiner und großer Silbermünzen, darauf  ein Bild war, wie Maria gestaltet und rings herum uralte Schriftzeichen.

Wie das Mägdlein das Silber sah, das wie aus der Erde herausquoll, entſetzte es sich davor und wich zurück. Da schüttete das weiße Männlein den Handkorb voll Holz aus, füllte ihn mit dem Silber und gab ihn dem Mägdlein und sprach: „Das ist besser als Holz.“ Nun wollte das Männlein auch den Tragkorb ausschütten und Silber einfassen; aber das Mägdlein wehrte ab und sprach: „Ich muß auch Holz heimbringen: denn es sind kleine Kinder daheim, die müssen eine warme Stube haben und es muß auch Holz zum Kochen da sein.“ Damit war das Männlein zufrieden und sprach: „Nun so ziehe damit hin!“ und verschwand darauf. 

Das Mädchen ging heim mit dem Korb voll Holz und dem Korb voll Silber und erzählte, was ihm begegnet war. Da liefen die Bauern haufenweis mit Hacken hinaus in das Wäldchen und wollten sich auch von dem Schatz holen, aber
niemand konnte den Ort finden, wo das Silber hervorgequollen war.

Text: Märchen der Gebrüder Grimm , in Der Kinder Lustfeld (1827)


Liederthema: Märchen
(1827)
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