Liederlexikon: Kommersieren

| 1926

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Anstatt einer Bergriffserklärung folgt hier eine satirische Predigt von Otto Ernst Schmidt, genannt Otto Ernst (1862-1926): Ernsthafte Predigt vom Commersieren

Solche Brüder müssen wir haben,
Die versaufen, was sie haben.

Liebe Brüder.

Es sind einige unter euch in Briefen wider mich aufgestanden mit beweglichen Klagen, daß ich in meiner tiefgründigen Abhandlung »Vom Essen und Trinken« das Essen bevorzugt und das Trinken vernachlässigt hätte. Das Essen nehme einen viel zu breiten Raum ein im Vergleich zum Trinken &c. &c. Noch täglich laufen neue Briefe ein; wohl selten hat eine Frage unser Volk so in seinen Tiefen aufgewühlt wie diese.

Leider haben es sich dabei einige der Briefschreiber nicht versagen zu müssen geglaubt, über das Essen im allgemeinen verächtlich zu urteilen und dem Trinken unvergleichlich edlere Eigenschaften zuzusprechen. Ich habe beim Lesen solcher Briefe im stillen auf ein Stadium geschlossen, in dem der Appetit auf feste Substanzen bereits für immer geschwunden zu sein pflegt; aber ich behalte das für mich. Die Sache ist zu ernst, um nicht alles persönlich Verletzende von ihr fernzuhalten.

Aber beklagenswert bleibt es, daß man dergleichen unduldsame Meinungen nicht zurückgehalten hat. Schlaraffenland ist ein paritätischer Staat und soll es, so denke ich, bleiben. Man soll es sich dreimal überlegen, ehe man an seiner Verfassung rüttelt. In einem gesunden Staatskörper wird die feste Nahrung immer die geeignetste Grundlage bilden für alle trunkhaften Bestrebungen.

Es ist richtig, daß Pharao den Mundschenk begnadigte und den Bäcker hängen ließ. Aber es ist voreilig, daraus nun Schlüsse für das Trinken und gegen das Essen zu ziehen. Hier handelte es sich eben um einen Bäcker, also um Brot und Kuchen, und daß diese viel zu viel Mehl enthalten, hat noch kein anständiger Mensch bestritten. Aber die Aufknüpfung des Bäckers beweist nicht das Geringste gegen Roastbeef, Rehrücken, Ente, Hummer, Kaviar etc. etc etc. …

Liebe Brüder, man soll das Eine thun und das Andere nicht lassen. Zwischen Rehrücken und Rotspohn sitzen: das nenn’ ich goldene Mitte. Ich hoffe euch davon zu überzeugen, daß mir die Reize der besseren Feuchtigkeit nicht fremd sind.

Was den gegen mich erhobenen Vorwurf betrifft, so muß ich doch zunächst bemerken, daß ich die Freuden des stillen Suffs sehr objektiv gewürdigt und mich der dampfenden Bowle en petit comité wie immer wärmstens angenommen habe. Aber ich gebe zu, daß ich den eigentlichen, geregelten Kultus der Getränke mit seinem tiefsinnigen und ehrwürdigen Ritual, daß ich das planvolle, bis zur Bewußtlosigkeit zielbewußte Massentrinken, den Kommers, leider übergangen habe. Wer beides, Essen und Trinken, in einer Abhandlung bewältigen will, wird immer eines von beiden vernachlässigen müssen. Dazu ist der Stoff zu weitschichtig, seine Anordnung zu schwierig, die Konzeption zu kühn.

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