Wie hab ich oft (Der Traum des Gefangenen)


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Wie hab’ ich oft in kerkerdüstren Stunden
Wo mir die Reu ins Auge Zähren trieb
Wo ich im Schmerz mich wie ein Wurm gewunden
Wie hab’ ich da oft laut geschrien: »Vergib!«

Doch von den nackten Mauern meiner Zelle
Kam keine Antwort auf mein heißes Flehn!
Versiegt ist mir im Aug der Tränen Quelle,
Mein Gram — mein Gram, der blieb allein bestehn

Und wie des Schmerzes aberwitzig’ Toben
Einmal vorbei, hat in mein stilles Leid
Mir dann die Hoffnung Bilder eingewoben
Die Trost mir brachten in der Einsamkeit

Das schönste Bild: Die Straße kommt gezogen
Zum Städtchen her ein junger Wandersmann
Dort vor des Stadttors altersgrauem Bogen
Hält er, sich sammelnd, eine Weile an

Durchs Tor heraus sieht er die Häuser schimmern
Und in die Fenster malt das Abendrot
Willkommenlichter, die goldfeurig flimmern —
0 du geliebte Heimatstadt, grüß Gott!

Er hätt’s, weiß Gott, gejubelt laut so gerne
Doch zieht er still, gesenkten Hauptes ein
Fremd will er sein, ein Pilgrim aus der Ferne
Kein Mensch sollt Zeuge seiner Heimkehr sein!

So ist er fast durchs Städtchen schon geschritten
Da hält sein Fuß vor eines Gartens Tor
Ein Häuslein liegt in jenes Gartens Mitten
Und eine Bank von Stein — sie steht davor

Und auf der Bank im Abendsonnenschimmer
Ruht, einsam träumend, eine blonde Maid
Sie ist’s, die er vergessen nie und nimmer
Die all sein Denken war die lange Zeit

Und tausend Arme können ihn nicht halten
Er stürzt hinein, er kniet vor seinem Lieb
Er kann nur stille seine Hände falten
Auf ihrem Schoß und leise flehn: »Vergib!«

»Steh auf!« hört er’s von ihren Lippen beben,
»Hab’ dein “Vergib” so oft im Traum gehört,
Daß ich dir längst, o längst schon hab’ vergeben
Was du gefehlt hast, von der Welt betört!

Will nun mit dir gern in die Fremde gehen
All unser Leid — das lassen wir zurück
Die neue Heimat wird uns bald erstehen
Steh auf! Verzage nicht! Mit Gott zum Glück!

0 schönes Bild! In meiner öden Zelle
Wie hast du oft mein gramvoll Herz erfreut!
0 Herr! Noch einmal laß so licht, so helle
Ins Leben leuchten mir die Wirklichkeit!

Dann hab’ ich doch in kerkerdüstren Stunden
Wo mir die Reu’ ins Auge Zähren trieb
Wo ich im Schmerz mich wie ein Wurm gewunden
Vergebens nicht gerufen mein: »Vergib!«

Text: Dieses Gedicht schrieb ein 24jähriger Kellner in der Einzehaft, der wegen Diebstahls, Körperverletzung, Urkundenfälschung und Zuhälterei zu 31 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Es erschien in der Sammlung »Poesie im Zuchthaus« —Gedichte von Verbrechern als Beitrag zur Kriminalpsychologie, die der Strafanstaltspfarrer in Amberg (Bayern) Johannes Jäger herausgab.

in Traurig aber wahr (1931)


Liederthema: Gefangenenlieder
Liederzeit: (1905)
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