Bremer Stadtmusikanten

Vorwort (Pflanzenerotik)

Volkserotik und Pflanzenwelt | | | , | 2017 |

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Der Geschlechtstrieb ist der gewaltigste und vorzüglichste aller Triebe der Natur und der Menschenwelt. Er durchflutet das All der Natur wie das All der Menschheit heute wie ehemals. Freilich offenbarte er sich in der Menschenwelt in grauen Vorzeiten drastischer, deutlicher, nackter und — phantasievoller, heute dagegen „verfeinerter“, verhüllter, doch seine Stärke ist ungebrochen.

Er offenbarte sich phantasievoller. Das, was zu gewissen Zeiten ganz allein das Sinnen und Trachten des Ur- und Natur-Menschen erfüllte, übertrug er in ungemessener Freiheit und Zügellosigkeit vermöge seiner leidenschaftlichen und uneingeschränkten Vorstellungskraft auf die Ihn ringsumgebende Welt, auf die Gestirne des Himmels, auf Wolken, Wind und Gewitter, auf die Tiere, auf die Pflanzen, die Steine, auf Erde und Wasser, ringsum sah er den gewaltigen Urtrieb zu lieben bzw. zu zeugen. Er sah Ihn überall in seiner, in ihm, dem Menschen selbst, zu ‚Tage tretenden Form und Gestalt.

Wir haben es hier nur mit den Pflanzen zu tun, wie der Naturmensch sich mit den Pflanzen noch völlig eins fühlte, ein als ihm gleiche Wesen erfaßte, seinen Geschlechtstrieb auf sie übertrug, ihren vermeintlichen Geschlechtstrieb für den seinen dienstbar zu machen suchte. Freilich hat dieser große erotische Trieb, der die Pflanzenwelt umspann, im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende mannigfache Nuancierungen erfahren, ja andere Formen angenommen. Das wird im Vorliegenden gezeigt werden.

In die grauste Vorzeit und Urzeit hinein reicht die-totale Sichgleichstellung:und Sichidentifizierung des Menschen mit der Pflanze. Der‘ Urmensch stellte sich mit Tieren, Pflanzen, Steinen auf dieselbe Stufe. Es war das enge Band, das ihn mit der Natur verknüpfte, noch nicht durch die klare Erkenntnis seines Ich-Bewußtseins zerschnitten. Er übertrug dumpf und naiv sein Fühlen, Denken, Vorstellen und Wollen auch auf die unbewußte Natur. In vielen alten Mythen ist diese Gleichstellung von Mensch und Pflanze noch deutlich sichtbar. Sie offenbart sich zunächst in der einen großen Urvorstellung, daß die Pflanzen seine, des Menschen, Eltern oder Vorfahren sind, eine Vorstellung, die wir noch jetzt, wie vor Tausenden von Jahren weit über den ganzen Erdkreis verbreitet finden.—

In der eranischen Schöpfungssage entstand das erste Menschenpaar Meschin und Meschiane aus dem Baume Reivas. Dieser Baum war nämlich ein Mann und Weib in ihrer Vereinigung gestaltet, seine Früchte waren zehn Menschenpaare, von denen Meschin und Meschiane die Ureltern der Menschen wurden. — Bei den Phrygern galten die Korybanten, die baumartig emporschossen, als die ersten Menschen. — Auch in Ostasien kehrt dieselbe Vorstellung wieder: nach japanischem Volksglauben sind die Menschen, aus Gewächsen entstanden. Mit dem Tode eines Menschen kehrt sein Geist zur Welt der Gewächse wieder zurück, Wer Gewächse pflanzt, baut dahingeschiedenen Seelen Wohnorte (Krauss Japan 21). – Bei den Arabern heißt es; ,.Ehret eure Muhme, die Palme!“ Die Dattelpalme ist eine Schwester oder Verwandte des Menschen. Gott schuf sie aus der Erde, die noch von der Menschschöpfung übrig geblieben war. Dieser Baum wurde wegen seiner aufrechten Gestalt und der scharfen Teilung der Geschlechter, wegen seines „Beilagers“ und seiner Befruchtung durchaus anthropomorphisiert. —

Bei unserm deutschen Volke läßt sich die Vorstellung seit alter Heidenzeit auch noch bis heute als lebendig nachweisen. Nach germanischer Mythe entstand  aus Esche und Erle das erste Menschenpaar, und die Weltesche Yggdrasill stellt ja die gesamte Menschenwelt dar. In der Oberpfalz läßt man den ersten Menschen von einer Esche kommen; wie man auch in vielen Orten Deutschlands die Kinder aus Bäumen kommen läßt. Es ist dies neben den zwei anderen Vorstellungen (die Neugeborenen kommen aus dem Wasser oder werden von einem Vogel, Storch oder Raben gebracht) die verbreiteste. In Kronenfeld (bei Elberfeld) kommen die Kinder aus hohlen Bäumen, in den Niederlanden aus dem Buchsbaum, in Utrecht aus dem Munnikenboom.

In den Liedern der wandernden Handwerksburschen heißt es noch heute:
Darauf bin ich gegangen nach Sachsen,
Wo die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen.

Manche Orte haben bestimmte „Kinderbäume“, oft Buchen, sogenannte „Kindelbuchen“. In Oberbayern werden sie „Margaretenbuchen“ genannt, da die heilige Margarete die Patronin der Schwangeren ist. Auch Eichen und Linden sowie die Lärchen (z. B. die Lärche beim Dorfe Nauders), galten als Kindelbäume im deutschen Volksglauben. —

Wie kam diese Vorstellung, daß die Pflanzen bezw. die Bäume die Eltern der Menschen seien, zustande? Ich glaube wohl darum, weil die Pflanzen das offenbarste Zeugnis, die direkten Kinder der großen gebärenden Erde waren, sie satiegen aus dem Erdschoße selbst an das Licht der Sonne. Tagtäglich sah der Urmensch den fruchtbaren Mutterschoß sich öffnen und Kinder (Pflanzen) gebären, das große Mysterium enthüllte sich ihm jeden Tag seinen Blicken. So ist denn auch der Vergleich der Erde mit dem Mutterschoß uralt, bei fast allen Völkern gebräuchlich.

Es liegt nicht sehr fern, wenn man nun auch Liebes-und Eheverhältnisse zwischen Menschen und Pflanzen entstehen läßt. Steckte doch in den Pflanzen dieselbe Seele, dasselbe Wesen wie in den Menschen. Auch diese Anschauungen sind vielen Völkern geläufig. So erzählen die Inder, daß ein König sieben Söhne hatte; alle schossen ihre Pfeile nach verschiedenen Richtungen ab und suchten in diesen Richtungen ihre Bräute.

Der Pfeil des jüngsten Sohnes war in einer Tamarinde stecken geblieben, und die Wahrsager erklärten, der Königssohn müsse die Tamarinde heiraten. Die Hochzeitsgeschenke wurden feierlichst niedergelegt, worauf man einen Brief bei der Tamarinde vorfand, der den Tag bestimmte, wann der Prinz die Braut heimführen sollte. An diesem Tage ritt der Prinz zur Tamarinde, diese setzte sich in Bewegung, folgte dem Königssohn in seinen Palast, wo sie sich in die schönste Jungfrau verwandelte. —

Perger erzählt in seinen deutschen Pflanzensagen, daß einst ein Mädchen einen Hagebuttenstrauch, mit wundervollen Rosen übersät, sah. Als es aber einige brechen wollte, rief eine Stimme aus dem Busch: „Holt! Deif! Deif I Eck hev dich leif!“ (Halt, Dieb! Dieb! Ich hab dich lieb!). Das Mädchen war gefangem, es sah aber nichts als einen rosenroten Schein, es roch den lieblichsten Rosenduft. Ein Rosenprinz bewohnte den wilden Rosenstrauch, dessen Gemahlin das Mädchen wurde. Erst als Feinde kamen, die den Rosenbusch abhieben und den Prinzen töteten, kehrte das Mädchen zu ihrer Mutter zurück. —

Es ist gewissermaßen ein Ausläufer solcher Liebesverbindungen zwischen Menschen und Pflanzen, wenn man im Aargau für eben geborene Knaben den weiblichen Apfelbaum, für Mädchen den männlichen Birnbaum als Lebens- und Schicksalsbaum pflanzt (siehe S. 6o). —

Ein letzter Ausklang jener uralten Vorstellung, daß. die Pflanzen bzw. die Bäume die Ahnen der Menschen wären, findet sich in der Sitte der Lebens- und Schicksalsbäume. Geschlechter, Familien, ja zuletzt der einzelne Mensch selbst hatten ihre Lebens- oder Schicksalsbäume, Diese Sitte ist schon im Orient bezeugt. Die Platane war der heilige Lebensbaum der Achämeniden, des Königsgeschlechts der Perser (Bötticher 122). Bei den Arabern vertritt diese Stelle häufig die Dattelpalme. Bei den Hellenen gab es heilige Schicksals- und Lebensbäume von Ortschaften, Städten und Staaten. Ebenso gab es in Deutschland, Schweden, Norwegen und Dänemark Geburts- und Lebensbäume. So hatte die Insel Bogö im baltischen Meere ihren Schicksalsbaum. Als er später gefällt wurde, hörte die Hafersaat auf. —

Vielfach nahmen die Geschlechter ihren Namen von einem heiligen Baum her. Nach einer berühmten Linde mit drei Stämmen nannten sich die Familien Linne, Lindelius und Tilander. Man pflegte Geburt- oder Lebensbäume in der Geburtsstunde des Kindes zu pflanzen, fällte man oder verletzte man den Baum, so tötete oder schädigte man den Menschen, dem er gehörte. Manche Sagen des Volkes berichten, daß erzürnte Eltern oder Geschwister den Lebensbaum ihrer Angehörigen oder die Lebensblume (besonders die Lilie) ausrissen und vernichteten und damit den Tod besiegelten. Man denke auch an den schwachen Aushall solcher Vorstellungen bei den Griechen, wie Meleager durch Verbrennung des Schicksalsholzes den Tod fand. —

In den Bräuchen des Dorfmaibaumes wie des Einzelmaien der Burschen und Mägde finden wir die Spuren solcher Schicksals- und Lebensbäume. Denn wenn auch der Dorfmaibaum den neuerwachten Männlichen Wald- und Vegetationsdämon vorstellt, so ist er doch im Grunde der schützende Dämon, der Schicksalsdämon des Dorfes, der Gemeinde (man vergleiche die Burglinden und ihre Beziehungen zum Schicksal der Burgen, ihrer Bewohner). Und der Einzelmaien ist der Doppelgänger, das Gegenbild der Mägde, ihres Lebens, ihrer Schönheit; vergleiche die Einleitung zu den Waldbäumen.—

Die Pflanze war also dem Menschen durchaus wesensverwandt, sie wird von denselben Gefühlen und Gedanken beherrscht wie der Mensch. Sie liebt, haßt, trauert, freut sich, leidet wie der Mensch. Sie ißt, dürstet, blutet wie er. Pflanzen, Bäume haben eine Seele, sie haben einen Körper wie er. Sie begatten sich, wenn sie sich mit den Zweigen, ihren Armen, schlagen und umschlingen, sie reden miteinander, wenn sie rauschen, sie erhören Gebete und Schwüre, die in ihrer Gegenwart gegeben werden.

Die Pflanzenseele lebt in der Pflanze als in ihrem Leibe, den sie nicht verlassen kann. Aber diese Seele gleicht durchaus der Menschenseele. Sie fühlt, sie spricht wie der Mensch. Fast alle Völker kennen redende Pflanzen, redende Bäume, wie die Griechen zu Dodona oder Delphi oder die Germanen in ihren heiligen Hainen; in Südschweden glaubt das Volk heute noch, daß die Bäume sprechen können. — Die Pflanzen rufen, schreien, wenn sie verletzt oder gar ausgezogen oder abgehauen werden. Die Birke ruft: „Hau mich nicht um, sonst läuft Wasser von mir!“ Die Erle: „Hau mich nicht um, sonst blute ich!“ Auch jene heilige Lärche zu Nauders in Tirol blutete, wenn sie verletzt wurde. Der Aberglaube, daß Pflanzen bluten, wurde dadurch auch genährt, daß die Wundstelle bei gewissen Bäumen (so bei der Erle) erst weiß, später rot erscheint und daß bei kleinen Pflanzen rote, gelbliche, weiße Säfte entströmen.

Drei Stufen

Nun muß man freilich drei der Zeit nach verschiedene Stufen dieser Identität und Gleichsetzung der Pflanzen mit den Menschen unterscheiden. Ursprünglich bricht sich diese Vorstellung Bahn: die Pflanze ist mit dem Menschen durchaus gleichartig, sie hat eine Seele wie er, die Ihrige ist in einen Pflanzenleib, die seinige in einen Menschenleib gebannt. — Später hieß es, daß die Pflanze der Sitz einer zeitweilig in sie entrückten Menschenseele sei. Pflanzen sind verwandelte Menschen, also Metamorphosen der Menschen in Pflanzen. Dieser Glaube:gipfelt darin, daß der Mensch nach dem Tode in den Pflanzen weiterlebt, die entseelte Hüller wird in das lebenspendende Gewächs aufgenommen. Man sieht deutlich, wie dieser Glaube sich entwickeln konnte: aus dem Grabe, aus dem Leibe des Begrabenen sprießen Bäume, Sträucher, Blumen hervor, das ist der Tote in seinem neuen Leben. Dieser Glaube findet sich in scharfer Ausprägung bei den Hellenen, Germanen, wie Japanern. –

Zuletzt ist die Anschauung durchgebrochen, daß in jeder Pflanze eine eigenartige Seele, ein Dämon, hause, der den Menschen bald gut, bald böse gesinnt ist. Die „seligen Fräulein“, die „grünen Fräulein“, die „Wild- und Holzleute“, die „Holzmännlein und Holzfräulein“ und wie sie heißen mögen, sind allesamt im Grunde weiter nichts als solche Dämonen von Waldbäumen. Ihre erotischen Verhältnisse zu den Menschen zeigen uns deutlich, daß der Sexualtrieb der Pflanzenwelt durchaus menschlich auch in diesem dritten Stadium erfaßt worden ist. Das gesamte Menschengeschlechtsleben ist auch auf sie übertragen worden. Es gibt also drei verschiedene Etappen der Pflanzenweltbeseelung, aber sie werden alle drei ohne nennenswerten Unterschied für unsere Untersuchungen über Volkserotik bleiben.

Das erotische Verhältnis

Betrachten wir nun das geschlechtliche und erotische Verhältnis, in dem Menschen und Pflanzen nach dem Volksglauben stehen, näher. Beide sind, wie wir sahen, einander wesensverwandt, beiden haben ihren Körper, ihre Seele, dieselben Empfindungen, Gelüste, Begierden — auch in dem Geschlechtsleben. Die Pflanzen befruchten sich untereinander in der Art des Menschen, aber nicht bloß das, sie können auch den Menschen befruchten und ferner, der Mensch kann auch die Pflanzen befruchten, seine Fruchtbarkeit auf die Pflanzen übertragen.

Zunächst der erste Fall: die Pflanzen befruchten sich untereinander in der Art des Menschen.
Diese Vorstellung mußte dem Naturmenschen die erste gewesen sein. Die Pflanzen mußten sich nach Menschenweise berühren, umarmen, drücken, sich verstricken. Wenn im Walde die Bäume ihre Äste aneinander schlugen, mit den Zweigen sich rieben, stöhnten oder ächzten, so sah man hier den Akt der Begattung. So glaubt das Volk noch heute (z. B. bei Northeim):

„Wenn in den Twölwen (Zwölfnächten) de Böme gaud böcket so gift et vele owest“.

Der Ausdruck „böcken“ ist von bock abzuleiten, heißt also ursprünglich = bocken, coire. Ähnlich wie die Bäume trieben es die kleineren Pflanzen, deren geheimes Liebesleben sich öfters unter der Erde abspielte. Entdeckte man doch an den Wurzeln Bildungen, die den menschlichen Geschlechtsorganen gar zu ähnlich waren. Der geschlechtliche Vorgang in der Befruchtung durch Blütenstaub ist erst später dem Menschen zum Verständnis gekommen. — Hatte nun diese menschenähnliche Begattung der Pflanzen untereinander stattgefunden, kamen Blüten und später Früchte als deren Ergebnis zustande. Besonders in den Früchten konzentrierte sich die Lebenskraft des Dämons der Pflanze. In diesen Früchten nisteten nämlich bisweilen Würmer oder Maden, die der Naturmensch als das belebende Prinzip, als den Dämon des Baumes erkannte.  Er konnte sich ja ihr Dasein mitten in den Früchten nicht anders als aus dem Baum heraus erklären. Also nur diese Maden- oder Würmerfrüchte werden ursprünglich als die fruchtbar machenden, schwängernden gehalten worden sein, wie denn noch heute unfruchtbaren Frauen der Südslaven wurmstichige Haselnüsse suchen und sie aufessen, um fruchtbar zu werden.

Die Pflanzen bzw. die Dämonen der Pflanzen können also auch Menschen befruchten. In den Mythen und Erzählungen vieler Völker kehrt der Zug wieder, daß Frauen durch Früchte geschwängert worden sind, also durch die Dämonen der Pflanzen, die sich in den Früchten aufhielten, befruchtet worden sind; so entstand nach der griechischen Sage Attis: die Tochter des Flußgottes Sangarios wurde durch eine Mandel, die sie in den Busen steckte, befruchtet (Paus VII, 17, 9). Nach anderer Überlieferung war es ein Granatapfel, der jene Nana befruchtete (Arnob. adv. nat.. V, 3). In der apokryphischen Legende gebar Abrahams Tochter durch den Genuß eines Apfels den Phanuel. In hawaischen  Erzählungen wurden Göttinnen durch Bananen unter ihren Kleidern befruchtet. Der Dämon der Pflanze befruchtet aber die Frauen nicht bloß von innen, indem die Frauen ihn durch den Genuß der Frucht in sich aufnehmen, auch die bloße Berührung genügt. So gebar Hera, ohne männliche Zeugung, nur durch Berührung mit einer Pflanze, den starken Gott Ares (Paus. X, 38, r).

Und die Rute, Gerte (Lebensrute) gewisser Bäume machte die germanischen Frauen fruchtbar. In dieser abgeschnittenen Rute erblickte man das Symbol des Penis, des männlichen Geschlechtsteiles, des Dämons der Pflanze, das die Frauen an ihren Geschlechtsteil berührte, seine Kraft dahin übergehen ließ und sie so fruchtbar machte. Das Volk ahnte instinktiv das Richtige: durch das Schlagen, Fitzeln, Kindeln mit den Ruten auf jene zarten Teile wurde das Gefühl, der Geschlechtstrieb hochgradig erregt, der dann den. nachfolgenden ehelichen Beischlaf äußerst günstig und erfolgreich gestaltete. Gewisse Bäume wie kleinere Pflanzen (sogenannte Garten- = Gartenkräuter, vor allem der Beifuß) lieferten die Lebensrute, siehe Einleitung Waldbäume.

Aber auch das umgekehrte Verhältnis findet statt. Der Mensch kann die Pflanzen befruchten, menschliche Fruchtbarkeit kann auf die Pflanzen übertragen werden. Wenn Naturvölker, wie die auf den Uliaseinseln oder in Ambon das Zeichen der vulva (das bekannte Rhombos mit dem Strich oder Punkt in der Mitte) auf ihre Fruchtbäume einritzen, so übertragen sie damit die Fruchtbarkeit ihrer Weiber auch auf ihre Bäume. Noch heutigen Tages sehen wir unsere Kulturvölker dieses Vulvazeichen mit Vorliebe in die Rinde der Bäume einschneiden, freilich wissen sie nichts mehr von dem ursprünglichen Sinn dieses Tuns. Sie lassen vielmehr schwangere Frauen die zum ersten Mal tragenden Fruchtbäume umarmen oder lassen kinderreiche Frauen die Fruchtbäume im Frühjahr umspannen, daß diese fruchtbar werden. Siehe Einleitung Obstbäume. —

Hierhin gehören auch die der ganzen Menschheit eigentümlichen Frühlingsbegattungsfeste. Mann und Weib vollführen das Brautlager, die Begattung des männlichen und weiblichen Vegetationsdämons und übertragen ihre Fruchtbarkeit auf jene.  Denn das ist offenbar der Nebensinn der Frühlingsbegattungsfeste wie des Brautlagers auf dem Ackerfelde. Im Frühling bringt die Natur eine neue Generation hervor, das wird im Mythos durch die Hochzeit des männlichen und weiblichen Vegetationsdämons in der Pflanzenwelt oder wohl auch durch die Hochzeit der Sonne als Erzeuger und der Erde als Jungfrau ausgedrückt. Das versinnbildlichen auch die Maispiele und die Umzüge des Maikönigs und der Maikönigin, des Maigrafs und der Maigräfin, die in alter Zeit tatsächliche Begattungsakte vollzogen. Das Brautlager auf dem Ackerfelde (Germanen, Slaven, Hellenen, Römer) entspricht ebenfalls dem Brautlager der Dämonen, das durch den menschlichen Akt besondere Kraft erfahren soll. Man vergleiche die uralten, weitverbreiteten Vergleiche des Weibes mit dem Fruchtfelde. Die Hellenen bezeichnen ganz gewöhnlich mit „Pflügen“ das Zeugen, die Ackerfurche bedeutet die weibliche Scham.

Im Demetermythus lernt! Triptolemos (oder Jason) die Erde beackern d. h. die Demeter (Mutter Erde), begatten. Lucrez, der Römer, gebraucht Vomer, die Pflugschar, für den Penis und Sulcus, die Ackerfurche, für die weibliche Scham; auch sagt er muliebria arva conterere.

Im Koran (Sure 2) heißt es: „Die Weiber sind eure Äcker, kommt in eure Äcker, wie ihr wollt“. Und Omer Haleby spricht in seinem EI Ktab (Buch der Liebesgeheimnisse):  Die kräftige und gesunde Jungfrau ist jener fruchtbarer Acker, der euch hundertfach die Freuden und Trunkenheiten wiedergibt, deren Samen man ihm anvertraut“. In Indien sagt man, wenn die Braut das Haus des Bräutigams betrat: „Als Fruchtfeld kam hierher das Weib, als beseeltes. Saet in sie, Männer, euren Samen.“ (Atharvaved. XIV, 2). In den erotischen Liedern der Balkanslaven wird der Penis dar Pflugnagel, das Pflugeisen genannt. Auch in der deutschen Volksanschauung ist der Pflug das Symbol der männlichen Kraft und die Furche ist die Vulva. So wurden ehelose Mädchen gezwungen, den Pflug zu ziehen als Strafe für ihre Ehelosigkeit. Und noch heute wird das Bild „beackern“, „zu Acker fahren“ im Sinne von coire gebraucht (ähnlich Klara Hetzlerin II, Nr. 76: die Frau spricht zu dem Knechte: „Der Acker ungeschnitten liegt, Tracht´, daß er werde abgeschnitten“).

Eine Gleichsetzung geschlechtlicher Vorgänge findet auch bei dem seltsamen Brauche der Nabatäer im fernen Orient statt. Die Nabatäer ließen das Pfropfen der Bäume-(In den Augen dieses Naturvolkes ein sexueller Akt) durch ein schönes kräftiges Mädchen vornehmen, dem während dieser Operation ein Mann auf unnatürliche Weise beiwohnte. Die Inokulation der Liebe ist der Okulierung des Baumes gleichgesetzt. — Auf ähnlicher Anschauung beruht das ekelhafte Zaubermittel, das eine Bußordnung erwähnt: ein Weib wird unfruchtbar, wenn sie den Samen ihres Mannes in einen morschen Baum schüttet. Der Baum ist offenbar der Doppelgänger des Weibes: er empfängt unfruchtbar den Samen des Mannes, so wie sie will.

Es fand also eine innige Wechselbeziehung in Erotik und Geschlechtsleben zwischen Pflanzen und Menschen statt. Es war demnach kein Wunder, wenn man sogar die menschlichen Geschlechtsteile bei den Pflanzen wiederkehren zu sehen glaubte. Uralt ist der Glaube an die menschenähnliche Gestaltung gewisser Wurzeln, die bald den männlichen, bald den weiblichen Geschlechtsteil an sich hatten; in Japan grub man nach derartigen Ingwerwurzeln, in China, Korea sowie Japan suchte man nach ähnlich gestalteten Ginsengwurzeln, bei uns im Westen ist es seit unvordenklichen Zeiten die Alraunwurzel, an deren Stelle man häufig männliche oder weibliche Bryoniawurzeln unterschob.

Uralt ist ferner der Glaube, daß gewisse Orchideen Hoden hatten, andere Arten aber weibliche Geschlechtsteile, ebenso manche Lilien und andere Knollengewächse. — Es war nur ein Schritt weiter, wenn spätere Generationen, die wohl weniger an die realen männlichen oder weiblichen Geschlechtsteile gewisser Pflanzen glaubten, sexuelle und erotische Vergleiche der Liebesorgane mit den Früchten oder auch Blumen gewisser Pflanzen anstellten. Feigen wurden mit dem Penis oder der Vulva, Äpfel mit den Brüsten der Frauen, die paarweisen Pflaumen und Kirschen mit den Hoden, Pfirsich und Aprikose mit der Vulva verglichen. Manche dieser Vergleiche z. B. die der Mandeln und Nüsse gehen in das graue Altertum, nicht bloß der europäischen, auch der ostasiatischen Menschheit zurück. Diese Vergleichungen entspringen also im letzten Grunde der urmenschlichen Vorstellung die Pflanzen mit den Menschen gleichzustellen. — Bedenkt man ferner, daß der erste Lehrsatz kindlicher Volksmedizin war Gleiches durch Gleiches (similia similibus) zu heilen bzw. zu kräftigen, zu fördern, so ergab es sich von selbst, grade diese sexuell gestalteten Wurzeln (z. B. der Orchideen), Früchte (z. B. Äpfel, Quitten, Granate, Mandeln, Feigen) oder Pflanzenkörper (z. B. Alraunwurzel, Phalluspilze) als ganz bsondere Aphrodisiaca, Stimulationsmittel zur Liebe anzuwenden.

Später erst beachtete man die sexuell erregensten Kräfte und Säfte der Blätter, Blüten, Früchte oder Wurzeln anderer Pflanzen, so gewann man eine zweite große Klasse der Aphrodisiaca, die ihren Namen mit besserem Recht verdient. —

Zu dritt tritt der Duft als bedeutsamer Faktor auf. Der Geruch spielte im sexuellen Leben des Urmenschen dieselbe große Rolle wie noch heutzutage beim Tier. Er empfand die verschiedenen Sexualgerüche der Frauen bei weitem stärker als wir, und diese Gerüche waren höchstwichtige Aphrodisiaca. So spielten Pflanzen wie das „Fotzenkraut“ oder jene, die mit Bocks- oder Wanzengerüchen (Achsel- und Schamgerüchen) behaftet sind, Ihre große Rolle. Weißdorn und Geraniumblüte sind für den Mann, Berberize- und Kastanienblüte sind für die Frau haute noch vielfach starke stimulantia. Aber auch Düfte wohlriechender Blumen wie Rosen, Levkoien, Heliotrop sind starke Aphrodisiaca geworden, da sich die Frauen dieser Gerüche gern zu bedienen pflegen. Ja, die Reihe dieser Pflanzen kann eine unbegrenzte sein, da individuelle Anlage, persönliche Erlebnisse bald diese, bald jene Pflanzengerüche zu erotischen stempeln können.

Mantegazza (Hygiene der Liebe S. 73) erwähnt einen Fall: ein sehr gebildeter Freund von ihm, keineswegs sinnlich, war nicht im Stande, einen Parfümerieladen zu betreten, ohne einen Wollustanfall zu bekommen. —  Es ist Tatsache, daß der IHeuduft die Individuen sehr verschieden affiziert, auch sexuell. Einen jungen Menschen erregte der Geruch von frischgemähtem Heu so sehr, daß er sich auf einen Heuboden völlig nackt auszog und in einen Heuhaufen onanieren mußte (Anthr. IV. 237). Ein anderer Fall bezieht sich auf einen Apotheker, der da die Dirnen mit Heliotropduft zuvor sich parfümieren ließ. Somit stimmt die Pflege der Wohlgerüche vielfach mit der Pflege der Wollust überein, wie wir das bei den orientalischen Völkern beobachten können.

Wie fest noch heute Sexualität und Erotik der Kulturmenschheit mit der Pflanzenwelt sich verstrickt, mag eine feine Beobachtung Luckas aus seinem Roman „Tod und Leben“ (1907) beweisen: „Unschuldige Mädchen lieben die Blumen deshalb so sehr, weil sie in ihnen Geschlechtsteile ahnen, mit denen man ungefährdet spielen kann“. Und man glaube nur, daß in dem extravaganten Blumenkultus der modernen Zeit z. B. in der weiblichen Orchideenmanie sich ein gut Stück Sinnlichkeit und Erotik der heutigen Kulturmenschheit entladet. Graue Vorzeit reicht der Jetzzeit die Hand. Die Erotik der Menschenseele umspannt ehemals wie jetzt das gesamte All. —

 

(in Volkserotik und Pflanzenwelt)

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