Volkslieder von A-Z



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Deutsche Volkslieder

Wer sich heute ernsthaft mit den Liedern des Volkes abgeben will, findet sich durch das viele, was die letzten Jahrzehnte an grundlegenden Erörterungen zu diesem Thema gebracht haben, fast eher gehemmt und beirrt als gefördert. Die Definitionen des Begriffes „Volkslied“ sind kaum noch zu zählen, und sie gehen weit auseinander. Sie grenzen ebenso den Begriff „Volk“ verschieden ab, wie sie verschieden urteilen über die Frage, wieviel vom Liedbesitz des jeweiligen „Volkes“ die Bezeichnung Volkslied verdient; sie werten den Ursprung dieses Liedes ebenso verschieden wie seine Qualitäten. Der Heimatforscher kann im Grunde ohne jede Definition auskommen; denn seine Teilnahme soll selbstverständlich allem gelten, was die Heimat an Liedern kennt. Aber gerade damit er sich vor Einseitigkeiten hüte, muß ihm deutlich sein, wie ein solches Auseinander der Meinungen möglich ist. Da spielen zunächst tatsächliche Unterschiede im landschaftlichen Charakter und in der Ausbreitung des Volksgesanges ihre Rolle: wer in einem österreichischen Alpenlande zu Hause ist, kann zu einer anderen Vorstellung von seinem Wesen gelangen, als ein Angehöriger eines verschlossenen niederdeutschen Stammes oder gar ein Kind der Großstadt. Aber das letztlich Entscheidende sind subjektive Momente: eine bestimmte gefühlsmäßige Einstellung zum Volk, seinen Fähigkeiten und Leistungen trägt bei jedem, der das Wesen des Volksliedes zu ergründen versuchte, die eigentliche Verantwortung und haftet für gewisse Formulierungen. So war es bei Herder, der bei uns in Deutschland das Volkslied als Jungbrunnen für eine versteinerte Kunstdichtung entdeckte, bei dem Aufklärer Nicolai, der solche Auffassungen lächerlich zu machen versuchte, so war es bei den Romantikern und so ist es bis heute geblieben. Jacob Grimm sah das wesentliche Merkmal aller Volkspoesie darin, daß sie nicht von einzelnen und namhaften Dichtern hervorgegangen, vielmehr unter dem Volk selbst, im Munde des Volkes entsprossen sei. Also nicht ein einzelner, sondern die Gesamtheit, der Volksgeist selber dichtet die Volksgesänge: sie sollen sich „sozusagen von selber an- und fortgesungen haben“. Und für den neugierigen Frager, der diesen Vorgang gedeutet wissen wollte, hatte er die Antwort: „Über die Art, wie das zugegangen, liegt der Schleier des Geheimnisses gedeckt, an das man Glauben haben soll.“ (Jac. Grimm, Über den altdeutschen Meistergesang, Göttingen 1811, Vorrede.) Dieser romantische Traum von dem dichtenden Volk ist verflogen; niemand bezweifelt heute mehr, daß auch beim Volkslied der Dichter als ein einzelner nicht ausgeschaltet werden darf. Noch nicht verflogen aber ist die empfindungsmäßige Einstellung zum Volke, ist jener Glaube, aus dem die Romantik, rousseauisch bestimmt, den Mut zu solchen Gedanken schöpfte: das Volk in seiner Einfalt und Unschuld ist das Herz der Nation; in ihm offenbart sich nicht nur ihre Artung reiner als in den Schichten höherer Bildung, sondern in ihm steckt auch die größere produktive Kraft; ihm ist, als ein gütiges Geschenk seines Genius, von Natur eigen, was höheren Schichten ihre Kultur nicht geben, sondern nur nehmen kann. Von dieser Grundanschauung ist es nur ein Schritt bis zu jener schwärmerischen Auffassung, die dieses Volk begabt mit Anlagen und Kräften, die es befähigen, improvisatorisch, keiner Regel und Schule folgend, Dichtungen zu schaffen, die nicht nur ihren eigentümlichen Wert haben, sondern unter Umständen, als durchaus gleichgeordnete Größen, der Kunstdichtung als ästhetisches Muster vorgerückt werden können. Wer solchen Meinungen zuneigt, ist begreiflicherweise beengt, wenn er daran geht, Begriff und Gebiet des Volksliedes abzugrenzen. Er nimmt als ,,Volk“ nicht die unteren sozialen Schichten der Nation schlechthin, sondern schränkt den Begriff ein auf die naturnahen Kreise der Landbevölkerung; je weiter geistiger Bildung und städtischer Kultur entrückt, um so echter und unverdorbener scheint sich ihm das Volk darzustellen. Und er nimmt als Volkslied nicht den ganzen Liedbesitz dieses seines „Volkes“, sondern nur das, was davon echt und unverdorben, d. h. eben diesem Volke in einem seiner Angehörigen entsprungen ist. Und da denn selbst bei liebevoller Betrachtung durchaus nicht alles, was vom Volke gedichtet ist oder scheint, als wertvoll oder gar mustergültig gelten kann, so siebt er noch einmal und erkennt als echte Volkslieder nur solche an, die neben bestimmten stilistischen Zügen die Merkmale der Naivität, Ursprünglichkeit, Kindlichkeit, kurzum des Unbewußt-Poetischen tragen. (Es ist vor allem der verdiente Begründer des Wiener Volksgesangvereins Josef Pommer, der dieser Auffassung des Volksliedes in unserer Generation den Weg bereitet hat; er hat sie in einer von ihm begründeten Zeitschrift und einer Reihe von Flugschriften vertreten – s. das Literaturverzeichnis).