Der ungetreue Vormund (Durings Erle)


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Als diese Dinge nun alle gestillt (die Erzählung schließt sich unmittelbar an die vorhergehende), setzte sich Neklan auf den fürstlichen Stuhl nieder und fragte nach des Wlatislaus Gesinde. Unter andern wurde ihm gesagt, daß Zbislaw, Sohn des Wlatislaus, ein Knäblein von zwölf Jahren, im Dorfe Bitozewes bei einem Weibe heimlich gehalten würde; denselben ließ Neklan für sich bringen. Und als er kam, tät er dem Herzoge, mit niedergebogenen Knien, wie er denn unterwiesen war, Ehrerbietung.

Neklan hatte ein väterliches Mitleiden mit dem Kinde und fragte nach, wer des Wlatislaus, dieses Kindes Vater, allergetreuster Diener gewesen wäre? Da antwortete einer aus den Umstehenden und sprach: »ein Wende, mit Namen During, derselbe ist des Wlatislaus liebster und getreuster Diener gewesen, dieser hat auch das Kind, denn es ihm vom Vater vertrauet war, auferzogen.«

Als es Neklan hörte, befahl er bald, daß man in einer Ebene, nicht fern vom Postlberg, an dem Wasser Eger, eine Stadt zu bauen ansahen und dieselbe During nennen sollte. Dieselbe verhieß er dem During zu verehren und sprach: »ich bitte, du wollest des Wlatislaus, dieses Kindes Vater, eingedenk sein, denn er dir, wie ich vernehme, viel Gutes getan. Derowegen nimm diesen Knaben wohl in Acht, halt ihn als ein jungen Fürsten und sei des Kreises Postlberg Vorsteher und Verwalter.« During nahm diese Ehren-Erbietung mit Dank an, und versprach, sich also zu verhalten. Herzog Neklan zog lange daselbst herum, besichtigte und nahm alle dieselben Kreise unter seine Gewalt und Regierung.

Im Jahr 872, zur Winters-Zeit, zeigten die Fischer von Postlberg dem Verwalter During an, daß viel Fische unter dem Eise, an einem Orte, zusammen kommen wären. Da befahl er, daß man Wumen machen und also unter dem Eise fischen sollte. Er, der During aber, hatte ein Böses in seinem Herzen und berufte den jungen Herzog von 7 Jahren, welcher ihm vertraut war, führete ihn mit auf das Eis, nicht fern vom Orte, da die Fischer waren.

Und als er ihn zur Wume brachte, hieß er ihn darein sehen, und sprach: »Zbislawku, liebes Herrlein, siehe, welch eine Menge kleine Fischlein sind darinnen.« Der Knabe kniete nieder, neigete sein Haupt und wollte hinein sehen, da zog der verrätherische Judas unter dem Mantel eine Barthe hervor und hieb dem Knaben den Hals entzwei, doch hieb er ihm den Kopf nicht gar herunter, sondern mußte ihn vollends mit dem Messer abschneiden. Als die Fischer diese Tat ersahen, erschracken sie höchlich darüber, ließen Fische und Netze liegen und liefen davon.

Er wickelte den Kopf in ein schönes Tuch, nahm denselben und trug ihn nach Prag, der Hoffnung, er würde um dieser ritterlichen Tat willen vom Herzog Neklan ein herrlich Geschenk empfahen. Und als er auf den Wischerad kam, fand er den Herzog mit seinen Wladyken und Ältesten im Ratschlage sitzen und fing vor ihnen allen an also zu reden: »ehrenreicher Fürst, du weißt wohl, daß oftmals ein Fünklein, welches im Hause verwahrloset wird, ein Feuer nicht allein zu verursachen, sondern auch das Haus zu verbrennen, ja nicht allein dasselbe Haus, da es sich verhalten, sondern auch andere Häuser und deren Herren zu verbrennen pflegt.

Und es ist ein altes Sprichwort: wer dem Feuer vorkommen will, der wehre, ehe denn es zum Dache hinaus fähret. Dieselben Funken hab’ ich, als durch einiger Götter Eingeben, ausgelöschet und dich, berühmter Fürst, zuvörderst, nachmals auch euch, Herren, sämtlich, mit einem Winken meiner Barthe, vor Gefahr gesichert. Deswegen wollest du, Fürst, als ein Haupt und ihr, Herren, als die Glieder dies Landes, bewegen, was ich vor Geschenke und Gaben verdient habe.

Es möchte wohl jemand Unverständiges hier sagen, ich hätte eine schändliche Tat begangen, in dem, daß ich eines Kindes nicht verschonet hätte, aber ihr, als die Weisen, werdet es nicht sagen; denn ihr alle sämtlich wohl wisset, welcher Gestalt Wladislaw, sein Vater, euch alle ausrotten und euern Weibern, anstatt ihrer Kinder, junge Hunde zu ihren Brüsten legen wollen. Wenn nun sein Sohn Zbislaw ein männlich Alter hätte erlangen sollen, glaubet, daß er seinen Vater ungerochen nicht gelassen hätte. Derowegen könnt ihr nun das Herzogthum Sotz mächtig behalten und auf beiden Ohren sicher schlafen.«

Als er dieses gesprochen, zog er des Wlatislai Sohnes Kopf, welcher noch fast die Gestalt eines lebendigen Hauptes hatte, unter dem Mantel, in ein Tuch gewickelt, herfür, machte dasselbe auf und legte ihn also blutig vor ihnen auf den Tisch. Der Herzog und alle Beisitzenden erschraken wegen solcher Tat aus der maßen sehr, daß sie auch die Angesichter hinweg wenden müssen.

Der Herzog wandte sich auch davon und sprach: »o, du Übelthäter, nimm dein Geschenk mit dir, daß wir es nicht ansehen dürfen. Habe ich dir doch befohlen, daß du ihn wohl in Hut halten und nicht töten solltest. Habe dir derowegen viel Gutes bewiesen und dich des Kreises Postlberg zu einem Verwalter gemacht. Nun sehe ich wohl, daß der Verrätherei alle Wohlthaten zu wenig sind. Was vermeinest du, du Erzbösewicht, daß ich dasselbe nicht auch hätte tun können?

Und ob ich’s getan, so hätte ich ihn nicht unbillig (wenn ich gewollt) als einen Feind umbringen können. Aber es hat dir keinesweges, deinen Herrn zu ermorden, gebühret. Dieweil du aber verhoffet, von mir deretwegen Geschenke zu empfahen, so will ich dir solche Verehrung tun. Erwähle dir aus diesen dreien einen Tod, welchen du willst: entweder falle von diesem Felsen Wischerad hinunter und brich den Hals; oder erstich dich mit deinem Schwerte in meiner Gegenwart; oder aber erhenke dich selbst.«

Als During dies hörte, sprach er mit Seufzen: »o, welch einen bösen Rat hat mir mein Herz mitgeteilet! Der Traum hat mir verheißen, daß ich in Böhmen viel Güter bekommen würde und hätte nicht vermeint, daß ich derowegen so schändlich sterben sollte.« Er erwählte sich hiermit das Hängen.

Alsbald nahmen ihn die Nachrichter, führten ihn herum und gaben ihm die Wahl, an welchem Baum es ihm am besten gefiele, da sollte er sich henken. Aber During ging lange herum, sah die Bäume an und wollte ihm keiner gerecht sein. Endlich aber stieg er auf eine Erle, knüpfte lange daran und konnte keine schädliche Schlinge machen, bis ihm endlich eine beständige geriet; also blieb er daran kleben. Dieselbe Erle, so lange sie dastund, hieß stets die Durings Erle.



Liederthema: Allgemein
(0871)
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