Der Heilige im Walde


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Herzog Borziwog zu Tein wollte sich, im Jahr 909, einstmals erlustigen, nahm zu sich etliche seiner Diener und Hunde, ritt auf die Jagd, in ein tiefes Tal, über das Wasser die Misa genannt; daselbst schoß er mit seinem Bogen ein großes Reh. Als es nun getroffen, wollte es die Flucht geben, aber der Herzog Borziwog und seine Diener eilten ihm mit ihren Rossen schleunig nach.

Und als es unter einen hohen und sehr großen Steinfelsen, daraus ein starker Quell fleußt, kommen, lief es in dasselbe Wasser und wehrete sich der Hunde. Borziwog zog sein Schwert aus und stach es. Dasselbe ging aus dem Wasser, fiel auf die Erde nieder und starb. Aus seinem Euter so sehr viel Milch floß, daß sich der Herzog, samt seinen Dienern, darüber verwunderte.

Bald trat ein ziemlich hoher Mann, eines grausamen Ansehens, in einem langen Rock, mit einem Stabe und barfuß, im langen Haar, dem auch die Haare an den Augenlidern überhingen, aus dem Felsen hervor und sprach zu Borziwog: »warum hast du mir mein Tierlein getötet?« Der Borziwog, samt seinen Dienern, erschrak aus der maßen sehr; denn sie zuvor keinen Mann einer solchen Gestalt gesehen, vermeinten, es wäre ein Ungetüm. Die Diener reitzten ihren Herren, er sollte fliehen, doch besannen sie sich. Allda ermannte sich Borziwog, fassete ihm ein Herz, trat näher hinzu und sprach: »ich beschwöre dich im Namen Jesu Christi, des Sohnes Gottes, daß du mir sagest, ob du etwas Gutes oder Böses bist?« Der Mann antwortete: »ich bin ein Mensch und unwürdiger Diener unsers Herrn Jesu Christi, der ich allhier wohne, im Namen der heiligen Dreifaltigkeit, mit der Hülfe des Herrn Jesu Christi, seiner Mutter der Jungfrauen Maria und Sankt Johannis des Täufers.«

Borziwog sprach: »ich bitte dich, führe mich in deine Wohnung.« Der Mann sprach: »nun komme, und besiehe dieselbige.« Wandte sich damit um und ging an den Felsen. Borziwog folgte ihm mit seinen Dienern nach. Und als sie hinein kamen, verwunderten sie sich über eine solche Wohnung. Der Herzog sprach zu ihm: »Lieber, sage mir deinen Namen?« Er sprach: »in der Taufe bin ich Iwan genannt worden.« Borziwog fragte: »von wannen bist du hieher kommen? Aus welcher Nation bist du, oder wie lange hast du hier gewohnt?«

Iwan antwortete: »ich bin aus Krabaten herkommen, mein Vater hat Gestimulus und meine Mutter Elisabeth geheißen. Zu der Zeit, als ich hierher kommen bin, hat, wie ich vernommen, Neklan das Land regieret. Es ist allbereit zwei und vierzig Jahre, daß ich allhier wohne, in vierzehn Jahren hat mich auch kein Mensch gesehen, so lange bin ich aus diesem Felsen nicht kommen.«

Der Herzog sprach: »was hast du vor Speise diese Zeit über gehabt?« Er antwortete: »die Gnade Gottes hat mir dieses Thierlein, so du erschlagen hast, gegeben, dessen Milch ich genossen habe.« Borziwog antwortete: »ich sehe, daß du ein Mann Gottes bist und heilig; ich bitte dich, sitze auf mein Roß, und reite mit mir in meine Behausung, lege deine Hand auf meines Weibes Haupt und sprich ihr den Segen.« Iwan antwortete: »ich kann nicht reiten, doch, wird es Gottes Wille sein, so will ich deine Behausung besuchen.« Also gesegneten sie einander mit Trauern. Und Borziwog wollte das Wild nicht mitnehmen. Iwan sprach: »nimm und zerteile es und opfre es den Armen, auf daß sie für unsere Seele Gott bitten.«

Als nun Borziwog wieder auf Tetin angekommen, zeigte er seinem Gemahl Ludomilla kläglich an, was ihm auf der Jagd zugestanden war. Und als sie dieses hörete, weinete sie und begehrete mit Verlangen, den Mann Gottes zu sehen; und sie beteten dieselbe Nacht mit großer Andacht. Auf den Morgen sandten sie ihren Kaplan und mit ihm sechs Diener, auf daß sie den Mann überreden und auf den Tetin bringen sollten. Als sie nun daher kamen, richteten sie es fleißig aus, setzten ihn auf eine Eselin und kamen mit ihm auf Tetin.

Borziwog und Ludomilla gingen ihm weit entgegen und nahmen ihn ehrlich an. Als er auf’s Schloß kam, legten sie ihm mancherlei Speise für, aber er wollte nichts genießen. Sie entfingen von ihm desselben Tages den Segen, ließen ihn, auf sein Begehren, von sich und sandten ihre Diener, ihn wieder in seine Wohnung zu beleiten. Er bat den Kaplan Paulus, daß er des dritten Tages zu ihm käme und ihm in seiner Wohnung eine Messe hielte. Solches tat er auf sein Begehren.

Als er nun zu ihm kommen, da beichtete Iwan unserem Herren Gott und dem Priester Paulus heimlich seine Sünde. Nachmals vermeldete er ihm öffentlich: daß er des Königs aus Krabaten, dessen Name Gestimulus, Sohn wäre. Und da er bei seinem Vater andächtig gewesen, habe er ihm ein einsames Leben erwählt, endlich auch seinen Eltern den Kuß gegeben und sei von ihnen durch mancherlei Wildnisse, Berge und Tal gegangen und habe ihm nirgends eine Wohnung finden können, bis ihn endlich der Engel des Herrn an diesen Ort, in diesen Felsen geführet und befohlen, daß er allda bleiben sollte.

Ferner meldete er: »als ich nun an diesem Orte, zwei Jahre lang, viele und mancherlei Widerwärtigkeiten von den bösen Geistern gelitten und von ihnen wie überwunden war, bin ich hingegangen, mir eine andere Wohnung zu suchen.« Da begegnete mir St. Johannes der Täufer und sprach zu mir: »Iwan, wo gehest du hin?« Ich antwortete: »die bösen Geister wollen mich allhier nicht leiden, ich will gehen, mir eine andere Wohnung auszusehen.« Da sprach er zu mir: »kehre wieder um;« und gab mir dieses Kreuz, auf daß ich damit die bösen Geister vertreiben sollte. Da fassete ich den Glauben an Gott und an St. Johannis Wort und tät, wie er mir befohlen hatte.

Sobald ich solches vornahm, da sahen sie mir aus dem Felsen entgegen heraus und schrien mit grausamen Stimmen, sprechend: »Iwan, gehe nicht herein; denn wir haben hier immer unser Bad und Wohnung.« Ich trug das Kreuz vor mir und sie flohen alle, nur ein einiger, welches der ärgste war, wollte nicht weichen, sondern drängte sich in den Felsen und blickte mich scheußlich an; er tät auch seinen Rachen auf und schrie grausamlich, als wenn er mich verschlingen wollte.

So machte ich mich näher an ihn und warf ihm das Kreuz in seinen Rachen, da ließ er einen noch größeren Schrei, machte in der Mitte dieses Felsens ein Loch, floh Angesichts hinaus und zog mit den andern davon. Und von derselben Zeit an habe ich nicht solche Unruhe gehabt. Deswegen befehle ich dieses Kreuz dir, daß du es dem Herzoge überantwortest.

Und als der Priester Paulus das Amt der Messe vollbracht, entfing und stärkte sich Iwan mit dem Leib und Blut unsers Herrn Jesu Christi, betete auch fleißig und des dritten Tages schied er von dem Weg des Lebens und ist in dem Felsen, wie er begehrte, begraben worden. Und der Herzog Borziwog ließ daselbst bald ein Kloster, St. Johannes dem Täufer zu Ehren, bauen, versah es mit Einkommen und bestellte dazumalen zween weltliche Priester daselbst. Nachmals sind Brüder St. Benedikti Ordens dahin gesetzt worden.



Liederthema: Allgemein
(0909)
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