Bremer Stadtmusikanten

Vom Bäumlein das spazieren ging

Das Bäumlein stand im Wald
In gutem Aufenthalt
Da standen Busch und Strauch
Und andre Bäumlein auch
Die standen dicht und enge
Es war ein recht‘ s Gedränge
Das Bäumlein mußt sich bücken
Und sich zusammen drücken
Da hat das Bäumlein gedacht
Und mit sich ausgemacht
Hier mag ich nicht mehr stehn
Ich will wo anders gehn
Und mir ein Örtlein suchen
Wo weder Birk noch Buchen
Wo weder Tann‘ noch Eichen
Und gar nichts desgleichen
Da will ich allein mich pflanzen
Und tanzen

Das Bäumlein das geht nun fort
Und kommt an einen Ort
In ein Wiesenland
Wo nie ein Bäumlein stand
Da hat sich‘ s hingepflanzt
Und hat getanzt

Dem Bäumlein hat‘ s vor allen
An dem Örtlein gefallen
Ein gar schöner Bronnen
Kam zum Bäumlein geronnen
War‘ s dem Bäumlein zu heiß
Kühlt‘ s Brünnlein seinen Schweiß
Schönes Sonnenlicht
War ihm auch zugericht
War‘ s dem Bäumlein zu kalt
Wärmt die Sonn es bald
Auch ein guter Wind
War ihm hold gesinnt
Der half mit seinem Blasen
Ihm tanzen auf dem Rasen

Das Bäumlein tanzt und sprang
Den ganzen Sommer lang
Bis es vor lauter Tanz
Hat verloren den Kranz
Der Kranz mit den Blättlein allen
Ist ihm vom Kopf gefallen
Die Blättlein lagen umher
Das Bäumlein hat keines mehr
Die einen lagen im Bronnen
Die andern in der Sonnen
Die andern Blättlein geschwind
Flogen umher im Wind
Wie‘ s Herbst nun war und kalt
Da fror‘ s das Bäumlein bald
Es rief zum Brunnen nieder
Gib meine Blättlein mir wieder
Damit ich doch ein Kleid
Habe zur Winterszeit
Das Brünnlein sprach: Ich kann eben
Die Blättlein dir nicht geben
Ich habe sie alle getrunken
Sie sind in mich versunken

Da kehrte von dem Bronnen
Das Bäumlein sich zur Sonnen
Gib mir die Blättlein wieder
Es friert mich an die Glieder
Die Sonne sprach: Nun eben
Kann ich sie dir nicht geben
Die Blättlein sind längst verbrannt
In meiner heißen Hand

Da sprach das Bäumlein geschwind
Zum Wind
Gib mir die Blättlein wieder
Sonst fall ich tot darnieder
Der Wind sprach: Ich eben
Kann dir die Blättlein nicht geben
Ich hab sie über die Hügel
Geweht mit meinem Flügel

Da sprach das Bäumlein ganz still
Nun weiß ich, was ich will
Da haußen ist mir‘ s zu kalt
Ich geh in meinen Wald
Da will ich unter die Hecken
Und Bäume mich verstecken

Da macht sich‘ s Bäumlein auf
Und kommt im vollen Lauf
Zum Wald zurück gelaufen
Und will sich stell‘ n in den Haufen
‚ s fragt gleich beim ersten Baum
Hast du keinen Raum?
Der sagt: Ich habe keinen
Da fragt das Bäumlein noch einen
Der hat wieder keinen
Da fragt das Bäumlein noch einen
Es fragt von Baum zu Baum
Aber kein einz‘ ger hat Raum
Sie standen schon im Sommer
Eng in ihrer Kammer
Jetzt im kalten Winter
Stehn sie noch enger dahinter
Dem Bäumchen kann nichts frommen
Es kann nicht Unterkommen

Da geht es traurig weiter
Und friert, denn es hat keine Kleider
Da kommt mittlerweile
Ein Mann mit einem Beile
Der reibt die Hände sehr
Tat auch, als ob‘ s ihn frör
Da denkt das Bäumlein wacker
Das ist ein Holzhacker
Der kann den besten Trost
Mir geben für meinen Frost

Das Bäumlein spricht schnell
Zum Holzhacker-Gesell
Dich friert‘ s so sehr wie mich
Und mich so sehr wie dich

Vielleicht kannst du mir
Helfen und ich dir
Komm, hau mich um
Und trag mich in deine Stub‘ n
Schür ein Feuer an
Und leg‘ mich dran
So wärmst du mich
Und ich dich

Das däucht dem Holzhacker nicht schlecht
Er nimmt sein Beil zurecht
Haut‘ s Bäumlein in die Wurzel
Umfällt‘ s mit Gepurzel
Nun hackt er‘ s klein und kraus
Und trägt das Holz nach Haus
Und legt von Zeit zu Zei
In den Ofen ein Scheit

Das größte Scheit von allen
Ist uns für’s Haus gefallen
Das soll die Magd uns holen
So legen wir‘ s auf die Kohlen
Das soll die ganze Wochen
Uns unsre Suppen kochen
Oder willst du lieber Brei?
Das ist mir einerlei

Text: Friedrich Rückert, 1813 in : „Fünf Märlein zum Einschläfern für mein Schwesterlein“

 

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Liederthema:
(1827)
Schlagwort: |

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