Erschreckliche Geschichte von Hähnchen und Hennchen


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Weiß denn lieb Kind auch wie es dem Hähnchen und seinem Hennchen ergangen ist und warum das gute Hähnchen so lang auf dem Kirchthurm steht Ich will dir’s einmal erzählen.

Das Hähnchen und sein Hennchen sind miteinander in die Nußhecken gegangen, um Nüsse zu essen und jedes Nüßchen, welches das Hähnchen fand, hat es mit dem Hennchen geteilt. Endlich hat das Hennchen auch eine Nuß gefunden und das Hähnchen hat sie ihm aufgepickt. allein das Hennchen war neidisch, hat nicht teilen wollen und hat aus Neid den Nußkern ganz verschluckt.

Der ist ihm aber im Halse stecken geblieben und wollte nicht hinter sich und nicht vor sich Da hat es geschrieen Lauf zum Born und hol mir Wasser!

Hähnchen ist zum Born gelaufen
Born du sollst mir Wasser geben
Hennchen liegt an jenem Berg
und schluckt an einem Nußkern

und da hat der Born gesprochen
Erst sollst du zur Braut hinspringen
und mir klare Seide bringen
Hähnchen ist zur Braut gesprungen
Braut du sollst mir Seide geben
Seide soll ich Brunnen bringen
Brunnen soll mir Wasser geben
Wasser soll ich Hennchen bringen
Hennchen liegt an jenem Berg
und schluckt an einem Nußkern

Und da hat die Braut gesprochen
Sollst mir erst mein Kränzlein langen
blieb mir in den Weiden hangen
Hähnchen ist zur Weide flogen
hat das Kränzlein runter zogen
Braut ich komm dir’s Kränzlein bringen
sollst mir klare Seide geben
Seide soll ich Brunnen bringen
Brunnen soll mir Wasser geben
Wasser soll ich Hennchen bringen
Hennchen liegt an jenem Berg
und schluckt an einem Nußkern

Braut gab für das Kränzlein Seide
Born gab für die Seide Wasser
Wasser bringt er zu dem Hennchen
Aber Hennchen war erstickt
hat den Nußkern nicht verschluckt

Da war das Hähnchen sehr traurig und hat ein Wägelchen von Weiden geflochten, hat sechs Mäuschen davor gespannt und das Hennchen darauf gelegt, um es zu Grabe zu fahren-

Und wie es so fort fuhr, kam eine Gans: Wohin Hähnchen ? Mein Hennchen begraben. Darf ich aufsitzen ? Sitz hinten auf den Wagen, vornen könnens meine Pferdchen nicht ertragen. Da hat sich die Gans aufgesetzt.

Kam ein Fuchs. Wohin Hähnchen? Mein Hennchen begraben . Darf ich aufsitzen ? Sitz hinten auf den Wagen, vornen können’s meine Pferdchen nicht ertragen. Da hat sich der Fuchs aufgesetzt.

Kam ein Wolf . Wohin Hähnchen ? Mein Hennchen begraben. Darf ich aufsitzen? Sitz hinten auf den Wagen, vornen könnens meine Pferdchen nicht ertragen. Da hat sich der Wolf aufgesetzt

Kam ein Löwe. Wohin Hähnchen? Mein Hennchen begraben. Darf ich aufsitzen? Sitz hinten auf den Wagen, vornen können’s meine Pferdchen nicht ertragen. Da hat sich der Löwe aufgesetzt.

Kam ein Floh. Wohin Hähnchen Mein Hennchen begraben Darf ich aufsitzen Sitz hinten auf den Wagen vornen können’s meine Pferdchen nicht ertragen Da hat sich der Floh auch aufgesetzt

Allein der war zu schwer Der hatte gerade noch gefehlt. Das ganze Wägelchen mit allem Gepäcke mit Mann und Maus ist in dem Sumpfe versunken Das Hähnchen ist allein davon gekommen und ist auf den Kirchthurm geflogen.

Da steht es noch und dreht sich überall herum und paßt auf schön Wetter, daß der Sumpf austrocknet. Dann will es wieder hin und will sehen, ob es nicht das Wägelchen mit dem Hennchen wieder findet. Wird aber wohl zu spät kommen. Denn es ist allerlei Kraut und Gras darüber gewachsen. Hahneinfuß und Hühnerdarm, Gänseblümchen und Fuchsschwanz, Wolfsmilch und Löwenzahn und lauter solche Geschichten. Wer sie nicht weiß. muß sie erdichten.

in: Des Knaben Wunderhorn (1810) — Der Kinder Lustfeld (1827)


Liederthema: Märchen
(1827)
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