Vorwort: Der Kinder Lustfeld (1827)

Heinrich Dittmar
in: Der Kinder Lustfeld oder erste belebende Mitteilungen der Mütter

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Ohne Anmaßung können sich viele dieser Volksliedchen und Geschichtchen neben diejenigen stellen, die freilich nur mittelbar für diese kleine Lebenswelt dem Geiste unserer besten Dichter entsprungen sind. Die oben angeführten notwendigen Eigenschaften von Mitteilungen an die Kinderwelt werden darum wohl die meisten in diesem Büchlein in sich tragen, allein nur derjenige wird sie darin finden und anerkennen, der selbst in seinem Wesen diesen Eigenschaften nicht ganz entfremdet ist.

Daher wird dieses Kinderbuch denjenigen Müttern und Vätern und sonstigen Erziehern nicht zusagen, deren Erziehungstreiben Tieck in seiner verkehrten Welt in folgender Scene mit köstlicher Ironie so trefflich kennzeichnet, wie folgt:

  • Gattin: (die mit einem kleinen Mädchen spielt)_ Sieh mein trauter Mann! Adelaide lernt schon spielen
  • Gatte: O welche liebevolle Empfindungen bei mir erregt werden, wenn ich so die Fortschritte meiner verehrungswürdigen Kinder gewahre
  • Der kleine Wilhelm: Lieber Vater, aber wozu ist denn das Buchstabieren nütze ?
  • Gatte: Höre doch, liebe Gattin, die philosophische Frage des allerliebsten Kindes! Komm her, Junge, dafür muß ich dich tüchtig küssen. O Kind, du wirst gewiß ein großes Genie werden. Zweifelst du schon jetzt an dem Nutzen des Buchstabierens, was wirst du erst in deinem dreißigsten Jahre tun !?
  • Gattin Er ist gar zu klug für sein Alter. Wenn es ihn nur nicht angreift
  • Gatte Geh mein Kind mach dir jetzt ein Spiel zurecht, du hast nun heut schon zu viel gearbeitet. Hörst du, Du mußt dich nicht zu sehr anstrengen, sonst wirst du krank
  • Gattin Du bleibst dann auch nicht so hübsch, wie du bist, du wirst dann ganz häßlich !
  • Wilhelm: Spiele mit mir Vater! Da sind die Karten, nun baue mir ein Haus!
  • Gatte Ich habe zu tun, mein Sohn.
  • Wilhelm Du sollst aber
  • Gatte Nimm vernünftige Gründe an mein Kind, ich habe wirklich keine Zeit, das Geschäft ist dringend!
    Wilhelm Ich will es aber
  • Gatte Mein Sohn: wenn ich nicht beschäftigt wäre und ich wollte dann nicht mit dir spielen, so könntest du mir gegründete Vorwürfe machen, aber so…
  • Gattin So spiele doch nur mit ihm, du siehst ja daß er weint!
  • Gatte Nun so komm Wilhelmchen weine nicht. Die Arbeit hat im Grunde auch noch Zeit und kann warten. Aber sei auch hübsch artig, nun du siehst ja, daß ich dir deinen Willen tue
  • Gattin Ich lasse ja auch die Wirtschaft liegen, um meine Adelaide auszubilden
  • Gatte Hast du schon die neueste Schrift für Mütter gelesen Elisa ?
  • Gattin Nein mein Kind
  • Gatte Das mußt du ja nicht versäumen Das Buch enthält ganz unvergleichliche Beobachtungen z B daß eine Magd die Kinder nie nehmen dürfe oder nur mit ihnen sprechen
  • Gattin Ich dulde es niemals immer habe ich geschaudert wenn unsere Kathrine sonst eine gute Person das himmlische Kind nur anblickte Ja schon die Blicke können meinen Engel entweihen
    Daß dem traurigen Gegentheile davon der fast beständigen ueberlassung der Kinder an das Gesinde durch diese Ironie nicht das Wort geredet werden soll ist nur für Gewisse zu bemerken D H )
  • Wilhelm Wenn du was bauen willst Vater so mußt du die Gedanken dabei haben und nicht andere Sachen reden
  • Gattin Ein allerliebster Junge Sieh Adelaide so wirft man in die Höhe das heißt werfen mein Kind
  • Gatte Wie sich doch die Sitten verfeinert haben
  • Gattin Jawohl Aber sage was war das doch für ein schrecklicher Mensch der unserm zarten Wilhelm gestern einen Hanswurst zum Spielen brachte
  • Gatte: Fürchterlich Was sollte das idealisch gestimmte Wesen doch mit dieser gothischen Fratze Aber ich habe es dem Gevatter Brusebart eingetränkt und er wird mit dergleichen nicht wieder kommen Ich bestellte ihm gleich darauf beim Drechsler einen kleinen belvederischen Apoll damit der Liebliche hohe Gestalten, Götterphysiognomieen zu seinen Gespielen habe und sich so der Sinn für die hohe Kunst in ihm leichter erschließe
  • Gattin Der Eindruck den die barbarische Figur auf mich gemacht hat war so stark daß ich die ganze Nacht von diesem fürchterlichen Hanswurst geträumt habe Am Ende warst du selbst der Gräßliche mein Selmar und ich erwachte mit Entsetzen
  • Gatte Könnte man die guten Kinder nur ganz vom übrigen Menschengeschlecht absondern so würde ihre Heiligkeit um so weniger gestört Denk am vorigen Sonntag betreff ich unsern Wilhelm in der Rosenlaube indem er für sich Ach du mein lieber Augustin singt
  • Gattin Schaudervoll o schaudervoll höchst schaudervoll
  • Gatte Da er Trieb zur Kunst hat so habe ich den herrlichen Chorgesang aus dem Sophokles über das Schicksal zu der Melodie Blühe liebes Veilchen bearbeitet und das soll er einstudiren kann er den lieben Augustin aber gar nicht vergessen so accommodire ich ein Matthisson sches Mondscheingedicht zu dieser Weise damit ihm die Gemeinheit des Liedes nur verschwinde Gattin Die Kinderschriften haben doch eine vortheilhafte Revolution zuwege gebracht
  • Gatte: O was werden unsere Kinder auch für göttliche Menschen werden
  • Gattin: Man wird sie ohne Zweifel in Kupfer stechen
  • Gatte: Wir werden uns vor Freude, die wir an ihnen erleben, gar nicht zu fassen wissen
  • Gattin: Komm mit ihnen in den Garten, daß sie die Natur empfinden und sich von der Holdseligkeit der Rosen anlachen lassen !

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Liederthema: Volksliedbücher
(1827)
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