Wege nach Amerika – The Redemptioner System

uncategorized | 2011
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1750

… Als in Deutschland schließlich bekannt wurde, daß die Auswanderung nach Amerika nicht notwendigerweise das Ende allen irdischen Übels sei, steigerten die Schiffahrtsgesellschaften und ihre Werber die Bemühungen, neue Auswanderer zu gewinnen: Sie schickten ganze Karawanen mit grell bemalten Wagen und federgeschmückten Pferden durch die süddeutschen Dörfer, mit Trompetenbläsern, Trommlern und Rum gratis für alle Neugierigen. Diejenigen, die sich zur Auswanderung hatten überreden lassen, wurden nach Bremen oder in einen anderen Hafen gelockt – es war fast so wie in der berühmten Geschichte vom Rattenfänger von Hameln.

Im Hafen angekommen, wurden die Auswanderer dann sehr schnell mit den bitteren Realitäten bekanntgemacht. In dem Augenblick, in dem sie an Bord des Schiffes gingen, mußten sie ein Papier unterzeichnen – nötigenfalls mit einem Kreuz – , das eine ausgesprochen arglistige Klausel enthielt: Wenn während der Überfahrt einer oder mehrere der Auswanderer sterben sollten, so mußten sich die anderen verpflichten, zusätzlich zu ihren eigenen auch noch die Reisekosten der Verstorbenen abzuarbeiten. So mancher betrat amerikanischen Boden mit der Erkenntnis, daß er sich jetzt nicht nur für ein halbes Dutzend Dienstjahre, sondern für den Rest seinens Lebens in die Dienste irgendeines amerikanischen Herrn würde begeben müssen.


Dieses System funktionierte für seine Nutznießer so vortrefflich, daß sich sogar Regierungen solcher Methoden bedienten. Im Jahre 1709 ließ die britische Regierung mehrere hundert deutsche Auswanderer nach Amerika schaffen und wies ihnen als Gegenleistung dafür, daß sie Schiffs- und Marinebedarf herstellten, Land in der Nähe der heutigen Stadt Newburgh im Staate New York zu …


Doch selbst unter diesen Umständen waren viele Einwanderer, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts kamen, ein schlechtes Geschäft – jedenfalls nach den Berichten, die ein geistlicher, aber dennoch ziemlich teilnahmsloser Beobachter überlieferte. Peter Brunnholz, damals lutherischer Pastor in Philadelphia, schrieb in einem Brief aus dem 1750, im Herbst des Vorjahres seien 25 Schiffe mit Einwanderern eingetroffen, von denen jedoch nur etwas mehr als tausend die Überfahrt überlebt hätten.


Viele dieser Menschen seien zwar gut ausgebildet, aber dennoch denkbar ungeeignet für die Strapazen des Siedlerlebens in einem unerschlossenen Land, und sie „hätten besser bleiben sollen, wo sie waren“. Schließlich sah sich Pastor Brunnholz von so vielen aufdringlichen und hartnäckigen Landsleuten umgeben, daß seine christliche Nächstenliebe dabei arg strapaziert wurde.


„In diesem Monat“, so fuhr er in seinem Brief fort, „kommen wieder häufig Schiffe mit Deutschen, und zehn sind schon eingetroffen. Diese Provinz hier ist ohnehin schon voll von Menschen, und das Leben wird fortwährend teurer. Diejenigen, die als freie Leute kommen – die in der alten Heimat etwas besaßen, es aber für die Überfahrt ausgaben – , sehen nun, daß alles anders ist, als man es ihnen schilderte, und weinen und heulen. Wehe denjenigen, die sie dazu verführten!
Die „Newländer“, wie man sie hier nennt, sind Leute, die nicht arbeiten und dennoch möglichst schnell reich werden wollen. Um das zu erreichen, ziehen sie in Württemberg und den umliegenden Landschaften herum, überreden die Leute, in dieses Land zu reisen, und machen ihnen weis, hier sei alles zu finden, was sie sich nur wünschten; nirgendwo auf der Welt finde man ein Land wie Amerika, und jedermann könne hier so reich werden wie die Adeligen in Europa, und so weiter.
Diese Schwindler und Betrüger haben zunächst einmal den Vorteil, daß sie selbst für die Überfahrt nichts zu bezahlen brauchen, und dazu bekommen sie für jeden Auswanderer, den sie nach Amsterdam oder nach Rotterdam locken, von den Händlern- eine bestimmte Summe. Durch die Passagekosten verdienen die Schiffseigentümer viel Geld. Sie pferchen die Menschen in die Schiffe, als wenn es sich um Heringe
handelte, und wenn sie hier in Amerika ankommen, so sind viele „Passagiere“ so krank – mancher liegt im Sterben -, daß es ein Elend ist, das mit anzusehen.
Diejenigen aber, die überhaupt nichts hatten und ihre Überfahrt abarbeiten müssen, werden in kleine Hütten gebracht, wo man sie auf Stroh schlafen läßt, und kommen herunter wie das Vieh. Teilweise verlieren sie halbwegs den Verstand, so daß sie kaum noch die Tröstungen ihres Pastors wahrnehmen können … Es wäre wirklich an der Zeit, daß die deutschsprachigen Zeitungen hier und drüben in Europa einen Bericht über diese Dinge veröffentlichen. Doch ob das viel nützen würde? Die Bauern kommen doch nicht zum Zeitunglesen, und viele würden die Wahrheit doch nicht glauben, da sie ohnehin fest entschlossen sind, das Wagnis zu riskieren.“

( Leider ist die Notiz mit der Quellenangabe verloren gegangen – wird hoffentlich bald wieder gefunden…)

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