Vorwort zu „Deutsche Volkslieder mit ihren Original-Weisen“

Volkslied-Forschung | 1838
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Ew Königliche Hoheit haben Allergnädigst mir zu gestatten geruhet Allerhöchst Ihnen diese Deutschen Volkslieder mit ihren Original Weisen allerunterthänigst zueignen zu dürfen Möge diesem Werke das Glück werden Ew Königlichen Hoheit nicht zu mißfallen möge es ihm gelingen Allerhöchst Ihnen die freudige Ueberzeugung zu gewähren welch einen reichen Schaß von Volksliedern und Weisen Deutschland noch besitzt von denen freilich diese Sammlung nur eine Auswahl umfaßt Möge insonderheit die Menge von Volks Romanzen und Volksliedern welche mir Niederrhein und Berg geliefert haben von Neuem beweisen daß auch lange Trennung von dem gemeinsamen Vaterlande des Deutschen treues Hangen an dem nicht wanken macht was im Innersten mit ihm verwachsen an Allem was ächt deutsch ist daher auch diese Lieder des deutschen Volkes innerstes Eigenthum durch Iahrhunderte fortgelebt und in lebendiger Frische sich erhalten haben Ich ersterbe in tiefster Unterwürfigkeit Ew Königlichen Hoheit

Anclam den 1. Mai 1838 allerunterthänigster A Kretzschmer

Vorerinnerung

lch übergebe dem Publikum eine große Sammlung deutscher Volkslieder mit den Original Weisen. Wir haben zwar in neuerer Zeit mancherlei Sammlungen dieser Art erhalten, ich beziehe mich z B auf die von Erlachsche, aber ohne Weisen und häufig ohne Berücksichtigung was davon wirklich Volkslied ist, wirklich in dem Volke gedichtet von ihm gesungen ist. Auf der andern Seite haben wir zwar auch Sammlungen wie z B der feine kleine Allmanach, die Sammlung Volkslieder von Vüsching und von der Hagen, die Lieder für Iung und Alt,  Wolffs Braga ,  die Bardale und die Volksgesänge von Baumstark , die auch Weisen zu den gelieferten Liedern aufgenommen haben , theils aber sind dies immer nur einige wenige Lieder, theils trifft sie wegen der Lieder auch das oben bemerkte hie und da wenigstens, theils sind die Weisen nicht alle Volksweisen. Wolff’s Braga wie Baumstar k’s Bardale und Volksgesänge liefern nicht bloß deutsche sondern auch die Lieder anderer Völker und können daher um so weniger den ersteren einen umfassenderen Raum widmen nächstdem hebt der Umstand daß ihnen gleich andern gewöhnlichen Liedern auch gewöhnliche Harmonien gegeben sind ihre Volks Eigenthüm lichkeit sehr auf.

Die von mir gelieferten Lieder sind dagegen sämmtlich deutschen und deutsch schweizerischen Ursprungs nur einige niederländische aus einer älteren Zeit finden sich darunter wo die Niederländer noch nicht zu einer besonderen Nation geworden sondern auch noch deutsche Bewohner des burgundischen Kreises waren diese Lieder wurden ehemals und werden noch jetzt bei ihnen sowohl wie am Niederrhein gesungen.  Aus eben dem Grunde sind auch einige Lieder die in Deutsch Lothringen und im Elsaß gesungen wurden aufgenommen worden denn auch der deutsch gebliebene Rest des oberrheinschen Kreises singt sie noch ebenfalls.

Die aufgenommenen Lieder sind ferner höchst verschiedener Art indessen lassen sie sich allenfalls unter einige Haupt Abtheilungen klassifizieren in epische Lieder nämlich Romanzen und Balladen in Jäger und Soldatenlieder in Handwerkslieder in lyrisch epische z B Erzählungen so wie endlich in religiöse Tanz und andere lyrische Lieder.

Sie sind aber sämmtlich Volkslieder dh vom Volke ausgegangen naiv frisch und ohne strengen formellen Zusammenhang Ich habe mich möglichst bemüht kein Lied darunter aufzunehmen das einen bestimmten gelehrten Verfasser hat, alle Lieder rühren von Naturdichtern her und nicht solchen nüchternen wie in neuerer Zeit z B Hiller der Korbflechter war sondern von solchen die wahrhaft dichteten ohne es zu wissen daß sie dichteten und die es vielleicht schon lange wieder vergessen hatten daß das Lied von ihnen herrührte als es zunächst von ihren ersten Genossen aufgefaßt und dann sich immer weiter verbreitend bald von dem Volke ganzer Gegenden gesungen ward das aber eben so auch den Verfasser nicht kannte und sich darob nicht bekümmerte welches dagegen das Lied und mit ganzer Seele sang weil es in seinem Innern wiedertönte.

Auf ähnliche Art sind die von mir gelieferten Weisen auch aus dem Volke ihm unbewußt aber dessen ganze Seele berührend entstanden wie die Worte naiv und ohne strengen gelehrten Zusammenhang aber noch immer seit Iahrhunderten gleich frisch rührend und einfach Die Melodie Tonweise in der Zeit ist Sache des Gemüths des Geistigen in uns also ewig wie der Geist selbst Die Harmonie gleichzeitig erklingende nahe Töne also Ton weise in dem Raum ist dagegen Sache des Irdischen in uns des Verstandes und wechselnd wie alles Irdische und eben so vergänglich-

Darum bleibt eine reine selbstständige keiner Harmonie bedürfende Melodie immer frisch sie ergreift noch das menschliche Gemüth nach Iahrhunderten wie zur Zeit ihrer Entstehung Darum ist aber auch das zugleich auf Harmonie basirte Lied und dünke es uns im ersten Augenblick auch noch so schön nach einigen Iahren vergessen und wir begreifen nicht wie es uns jemals hat gefallen können Der Verfasser einer solchen selbstständigen Volks Weise Componist kann man ihn nicht nennen denn was versteht er von Composition singt sich die Weise so einfach hin wie er sie fühlt und eben dies Gefühl sagt ihm daß seine Melodie entweder gar nicht oder höchstens nach der oberen oder unteren Dominante ausweichen darf nach beiden aber nicht zugleich in einem Liede und weniger noch nach andern Tonarten worin er auch ganz recht hat denn lein echtes Volkslied thut dies

Diese Regel und den Grund davon kannten schon die alten Griechen sehr wohl deren ganze Vokalmusik nur allein aus Volksliedern bestand ähnlich den unsrigen vor dem funfzehnten Iahrhundert Spielen kann er seine Melodie nicht und gewiß nicht auf einem Klavier Instrumente welches mehrere Töne zugleich harmonisch an giebt Statt daß der Gebildete also seine Gesänge sich ohne die jetzt gewöhnliche Dreiklangs Harmonie nicht denken kann weil es dem gelehrten Componisten der sie für ihn schreibt unmöglich ist vom Anfange seines Kunsttreibens darauf hingelernt sich eine Melodie ohne diese Harmonie ohne zu Grundlegung des Dreiklanges bei Anfertigung derselben zu denken ist der Tondichter aus dem Volke nur auf die Melodie angewiesen

Soll daher sein Lied seine Mitgenossen ansprechen ergreifen die eben wie er von der Harmonie nichts wissen so muß es aus einer selbstständigen Melodie bestehen einer Melodie die keiner solchen Harmonie bedarf darf um zu seyn was sie ist ja die sogar sie verschmäht und ohne sie selbst mehr ergreift wie mit derselben Hat er nun das Glück eine solche aufzufinden was ihm bei natürlicher Anlage aus dem oben angeführten Grunde viel leichter wird wie dem gelehrten Componisten weil er nicht durch das früher Angelernte gestört wird so darf er nicht weiter besorgt seyn seine Weise wird im Volke weiter gesungen werden vielleicht nach Iahrhunderten noch und auch dann wird sie noch gefallen rühren ergreifen wie ehemals und nicht allein das Volk in welchem sie entstanden ist sondern auch den Gebildeten dessen Gemüth sie nicht minder berührt

Man erwäge z B das Lied von den drei gefangenen Reitern entstanden im siebzehnten Iahrhundert und wahrscheinlich am Ober rhein aber gesungen durch ganz Deutschland ich erinnere mich es hier bei Anclam also ohnfern der Ostsee schon im Iahre 1791 von Bauermädchen beim Spinnen singen gehört zu haben und wie lange Zeit muß es zu der Reise vom Oberrhein bis zur Ostsee gebraucht haben nur immer von einer Bauerhütte zur andern wandernd

Nun wählte Holtei dieselbe Weise aber vor einigen Iahren für das Mantellied in seiner Lenore und plötzlich war sie wieder in dem Munde von ganz Deutschland frisch als wenn sie eben erst entstanden wäre und ergriff den Gebildeten wie das Volk von Neuem mit gleicher Gewalt Die Entstehung eines Volksliedes oder einer Volksweise ist in der Regel aus den schon angeführten Gründen schwer zu ermitteln und giebt es eben darum auch viele Varianten für beides

Denn da Wortdichter und Tondichter eines Volksliedes im Volke auftauchen und wieder verschwinden so setzt hie und da ein neuer Sänger etwas zu oder nimmt wieder etwas ab giebt dem alten Liede eine neue Weise wenn er die alte nicht weiß oder legt die alte einem neuen ähnlichen Lauf das Zeitalter der Entstehung einer Weise einigermaßen doch in so weit ob sie früher als aus dem funfzehnten Iahrhundert herrühre oder später schließen wenn man prüft ob ihr melodisch schon die fünfte Tonreihe der Dreiklang zum Grunde liege oder noch die Dreitonreihe

Was ich hiermit meine ist hier indessen nicht der Ort zu entwickeln und würde zu weit führen wer aber mein Werkchen Ideen zu einer Theorie der Musik 1833 gelesen hat wird es verstehen was ich damit sagen will. Die Volks liederweisen Es taget aus dem Osten und Es war einmal ein Schuhmachergesell sind jedenfalls vor dem funfzehnten Iahrhundert entstanden und die Weise Ein Iäger aus Kurpfalz oder Iungfer ich will ihr was zu rachen aufgeben haben ihren Ursprung in dein sechzehnten oder siebzehnten Iahrhundert Bei den letzteren ist großen Theils eine einfache zweite Stimme in Terzen Sexten und Quinten möglich die der Selbstständigkeit der Melodie nichts schadet und selbst vom Volke schon bei seinem Singen sehr häufig angewandt wird

Diese zweite Stimme werde ich bisweilen beifügen aber keine vollständige Dreiklangs Harmonie die wie gesagt dem Volksliede immer schädlich ist Noch giebt es eine harmonische Begleitung für die nordischen Volkslieder im anscheinenden Moll also auch für die unsrigen aus und vor dem funfzehnten Iahrhundert oder kurz für diejenigen welche noch auf die dritte Tonreihe basirt sind und mithin auch melodisch noch nichts vom Dreiklang wissen Diese melodische Begleitung ist hinreißend schön ohne der Melodie zu schaden aber es war auch selbst im Norden nur ein Mann der sie gehörig zu setzen verstand Groenland in Copenhagen und der ist leider verstorben ohne eine schriftliche Entwickelung seiner Theorie hinterlassen zu haben

Ich werde zur Ballade Die Edelkönigskinder auch die nordische Weise liefern mit Groenland’s Harmonie die das Gesagte bestätigen wird ede unter wenn er umgekehrt wohl die Weise nicht aber das alte Lied behalten hat Indessen läßt sich Ich werde ferner am Schlusse der Sammlung hauptsächlich durch die Güte des Herrn Professor Maßmann bei jedem Liede so weit es angeht Bemerkungen hinzufügen

Bei dieser Sammlung und deren Herausgabe bin ich von vielen Seiten unterstützt worden ich nenne dankbar für jetzt nur unter Mehreren den Herrn Hofrath Kiese Wetter in Wien der mir eine sehr interessante kleine ungedruckte Sammlung von Volksliedern und Weisen aus dem Kuhländchen gesandt hat den Herrn v Zueealmaglio in Warschau dem ich viele rheinische und westphälische Volkslieder und eben so viele wichtige Aufschlüsse über das Wesen der Volkslieder e verdanke den Herrn Geh Rach A v H axthausen in Verlin der mir seine höchst interessante und reichhaltige Volkslieder und Weisen Sammlung so freundlich und gütig zum Theil geöffnet hat den Herrn Professor Baumstark in Heidelberg und endlich den Herrn Professor und Ministe rial Seeretair Dr Maßmann in München

Ohne diesen Beistand würde meine Sammlung nicht halb das seyn was sie ist und worin sie sich über ähnliche französische und englische Sammlungen wie ich hoffe erheben wird Sie wird aber dennoch hie und da noch immer sehr mangelhaft erscheinen denn ihr Feld ist unermeßlich groß aber ich hoffe daß man meinen Sannnlerfleiß wenigstens nicht verkennen wird und Verbesserungen und Vermehrungen sollen von mir in einer neuen Auflage wenn sie einst gewünscht werden sollte und mir Gott noch so lange das Leben läßt dankbar aufgenommen werden

Anclmn im März 1838 A Kretzschmer

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