Vorwort: Deutsche Volkslieder (Zuccalmaglio, 1840, Band II)

Volksliedbücher | | 2016
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Ich glaube daß es kein zu gewagtes Unternehmen meinerseits sey, die deutsche Volkslieder Sammlung welche der verstorbene Kriegsrath Kretzschmer begonnen, hiermit fortzusetzen. Seit meiner frühesten Iugend war ich aufmerksam auf die Lieder, welche um mich her im Volke am schönen Rheine erklangen, lauschte ich den alten Mären und als ich der Schrift mächtig war, schrieb ich mir auf, was ich behalten, was ich gehört, und so wuchs unter meinen Händen nach und nach eine bedeutende Sammlung an. Auf der Hochschule wurde ich durch meinen Lehrer Thibaut erst recht gewahr, welchen Schatz ich besaß, wurde mehr noch aufgemuntert zu wahren und zu mehren und so meinem Volke die Kleinode der Dicht und Tonkunst zu sichern, welche jetzt durch die Fluth von fremden Singspielweisen, die durch Dreh Orgeln auf allen Iahrmärkten sich verbreiten, allmählig aus dem Gedächtnisse des Volkes verdrängt werden.

Keine Mühe ließ ich mich verdrießen, Alles möglichst vollständig in meinen Heften niederzulegen und dachte schon daran, das Geborgene zu veröffentlichen, als Kretzschmer mir sein Werk ankündigte und mich um Beisteuer bat. Mir lag nur an der Sache, nichts an dem Namen, daher gab ich meinen gesammten Schatz und die Anweisung wie er zu gebrauchen. Was die Ordnung der Sammlung betrifft, so bin ich nicht ganz mit meinem Vorgänger einverstanden und habe hier zu sichten und aufzuhellen gesucht.

Ich theile meine Gabe in Leuschen und eigentliche Lieder. „Leusche“ –  von lauschen – ist ein niederdeutsches Wort und bezeichnet jene Dichtungen, welche unter dem Namen Romanzen und Balladen verstanden werden. Mir schien das einheimische Wort bezeichnender als die erborgten Ausdrücke. Die Leuschen selber zerfielen mir am geeignetsten in Volks-Leuschen, in Gesänge, welche entweder so verbreitet sind daß sie vom gesammten deutschen Volke gesungen werden oder durch den Stoff die Sage für das gesammte Volk Wichtigkeit haben – oder in Gau-Leuschen, Gesänge. welche nur in einzelnen Gauen im Volksmunde leben.  Das eigentliche Lied theile ich in die Fächer: Haus, Andacht, Vaterland und Wehr, Lieder der Minne, Natur und Welt, Jagd, Zunft und Gewerkslieder, Zech nnd Schalkslieder, Kinderlieder, Fächer, welche mir alles Gegebene genugsam zu umfassen scheinen.

In der Ansicht über das mehrstimmige Singen weiche ich ebenfalls von der Meinung meines Vorgängers ab, ich fand daß das deutsche Volk gewöhnlich mehrstimmig singt, daß gerade der ungebildete Tbeil desselben, einen feinen Sinn für Sammtklang, Harmonik hat, der ihm angeboren, der ein Erbtheil des deutschen Stammes ist und gewiß dazu beigetragen, daß eben der Stamm so viel hohe Tonmeister hervorgebracht. Weise und Klang sind so innig in vielen der Gesäuge verschmolzen, daß sie sich nicht trennen lassen, daher hab ich sie denn auch vollstimmig gegeben und so zugleich mehr Aufschluß über die Sing-Art geliefert. Wer durchaus nur die Weise will, kann sich ja die unteren Stimmen leicht von der obersten wegdenken. Was ich sonst noch über den ersten Theil zu sagen habe, werde ich am Schluß des Ganzen mittheilen, über das Bedürfnis der Sammlung bin ich aber vollkommen mit meinem Vorgänger einverstanden, das deutsche Volk verdient eine Sammlung seiner Lieder, die Lieder verdienen ein großes Volk und sind doch bisher was Wort und Weise anbelangt noch nicht vollständig vereint ausgestattet worden.

Die Sammlungen von Weisen waren sehr dürftig und die Sammlungen von Worten,wenn schon bedeutender, doch mit Vielem untermischt, was nicht dahin paßte, dann auch nicht vollständig und ohne die Weisen immer verdächtig und unzulänglich. Möge in dieser Gabe der Wille der Sammler nicht verkannt werden.

Wilhelm von Waldbrühl  (Zuccalmaglio)

Die Lieder aus diesem Band

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