Volkslied-Bücher

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Kurzer Abriss ueber die Publikationen zum deutschen Volkslied

von Erika Kross und Jürgen B. Wollf

Die sich emanzipierende städtebürgerliche Kultur bringt ab Mitte des 15. Jahrhunderts, wesentlich begünstigt durch die Entwicklung des Buchdrucks, eine Reihe bedeutsamer Liederhandschriften, gedruckter Sammlungen und fliegender Blätter, vor allem weltlichen Liedgutes hervor. Sie sind nicht nach wissenschaftlichen oder historischen Gesichtspunkten angelegt, sondern für den täglichen Gebrauch bestimmt. Vor allem die städtischen Mittel- und Oberschichten haben wachsenden Bedarf an Liedern, die ihre besondere bürgerliche Gesinnung widerspiegeln, so ältere Lieder oder solche in niederen Ständen gesungene nur vereinzelt einfließen. Wichtig sind das Augsburger Liederbuch , Glogauer Liederbuch  und Lochamer Liederbuch und die Handschrift der Klara Hätzlerin .

Mit der Reformation und Luther setzt, bereits eine bewußtere Sammlung von Liedern ein, die der Vergessenheit anheimzufallen drohen. Forster bedauert in der Vorrede zu “ Frische Teutsche Liedlein „, daß er bereits nicht mehr alle alten Weisen habe auftreiben können. Es erscheinen daneben wertvolle Ausgaben mit musikalischen Bearbeitungen, so von Finck , Oeglin , Othmayr , Ott , Schöffer u. a. Wichtige Liedersammlungen sind außerdem die Gassen-Hawerlin sowie das Ambraser Liederbuch .

Gegenreformation, 3Ojähriger Krieg und der spezifische sozialpolitische und kulturelle Verfall des deutschen Feudalabsolutismus bewirken im 17. und 18. Jahrhundert eine fast gänzliche Unterbrechung dieser editorischen Leistungen. Das Volkslied sinkt auf den Nullpunkt des allgemeinen Interesses. Erst die Aufklärung knüpft in den 1760er Jahren auf einer qualitativ neuen Stufe an die frühen Bemühungen an.

Johann Gottfried HERDER gibt den ,,entscheidenden Impuls zur Erforschung der Geschichte und des Wesens des Volksliedes und der Volksdichtung in Deutschland“1. In dem ,,Briefwechsel über Ossian“ benutzt er erstmalig den Begriff ,,Volkslied“ – abgeleitet vom englischen „popular song“. Seine Sammlung ,,Volkslieder“, die in zwei Teilen 1778-79 erscheint, enthält Lieder verschiedenster Nationalitäten, „Der Anblick dieser Sammlung gibts offenbar, daß ich eigentlich von Englischen Volksliedern ausging und auf sie zurückkomme …“2, ein Kuriosum der deutschen Volksliedgeschichte, das sich 200 Jahre später just wiederholen soll.

Herder wertet Volkslieder streng nach literarisch-ästhetischen Gesichtspunkten:
,,Volk heißt nicht, der Pöbel auf den Gassen, der singt und dichtet niemals, sondern schreyt und verstümmelt“3. Jedoch weist er im Gegensatz zu seinen romantischen Nachfolgern auch auf politische und soziale Komponenten im Volksgesang hin. Die offensichtlichen Qualitäten des Volksliedes (poetische Klarheit, Langlebigkeit) lösen im Sturm und Drang eine regelrechte Volkslied-Euphorie aus. Namhafte Zeitgenossen greifen Herders Aufruf zum Sammeln tatkräftig auf (Bürger, GOETHE, Lessing). Auch die ersten gezielten Volksliedbetrachtungen fallen in die beiden letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts (BOTHE, ELWERT, Gräter).

Ein Jahr vor Erscheinen von Herders Volksliedern veröffentlicht Friedrich NICOLAI seinen ,,feynen kleynen Almanach“, mit dem er seine Bedenken gegen dessen Euphorie zum Ausdruck bringen will. In einem Brief an Lessing vom 5. Juni 1777 betont er, „daß wahrhaftig nicht alle Volkslieder des Abschreibens wert sind“. Auch wolle er (29. Juni 1776 an Lessing) dem ,,übermäßigen Geschwätz von Volksliedern ein wenig in die Quere kommen“4. Seine Sammlung ist interessant, da sie einige ruppig-unbekümmerte Lieder plebejischer Prägung enthält, für die man erst viel später wachsendes Interesse zeigen wird – auch wenn Herder von einer ,,Schüssel voll Schlamm“ spricht. Überdies enthält sie bereits Melodien, denen die in erster Linie literarisch interessierten Aufklärer und Romantiker nur wenig Aufmerksamkeit schenken.

1806-08 erscheint Des Knaben Wunderhorn von Achim von Arnim und Clemens Brentano. Zwar Herder verpflichtet, verwischen sich bei ihnen soziale Gegensätze in romantischer Verklärung. Der literarisch-ästhetisierende Anspruch tritt in aller Deutlichkeit hervor: die meisten Lieder sind bearbeitet und allerlei Gedichte, auch von den Herausgebern selbst, werden aufgenommen. Jedoch ist es die erste Sammlung, die eine Vielzahl im Volke lebendiger Lieder, gesammelt von einem großen Freundeskreis, umfaßt. Sie lassen das Wunderhorn für lange Zeit als die Sammlung deutscher Volkslieder gelten; zum ersten Mal wird mit Romantik und Wunderhorn ,,in bewußter Abgrenzung … der Inhalt dessen bestimmt, was noch heute, vom Gefühl aus, vielfach „Volkslied“ genannt wird“5. Daneben erscheinen wichtige Publikationen von BÜSCHING/VON DER HAGEN und Joseph GÖRRES, die besonders altes als besonders „echtes“ Liedgut bevorzugen.

Der Anspruch der Romantiker, alte Lieder, die mit den Anfängen umfassender gesellschaftlicher Umschichtungen und kapitalistischer Wirtschaftsweise verloren zu gehen drohen, erhalten und wiederbeleben zu wollen, bildet den Keim für erste landschaftliche Sammlungen. So erscheinen 1817 „Alte teutsche Volkslieder in der Mundart des Kuhländchens“ von Josef George MEINERT. 181 Qfolgen (bereits mit Melodien) die „Oesterreichischen Volkslieder“ von ZISKA/SCHOTTKY.

Im Prinzip endet hier die romantische Volksliedsammlung, in der sich einerseits die Volksdichtung allmählich ihren Platz in der allgemeinen Wertschätzung erobert hat; andererseits muß man aber festhalten, daß die Sammler jener Zeit oft „in den ärgsten Mystifizismus verfallen … Ihre Geheimnistuerei mit dem Ursprung des Volksliedes, ihre Abneigung gegen alle Deutlichkeit, ihr Hervorheben des reli-giösen, selbst mythologischen Elements im Volkslied und schließlich seine ekla-tante Verhimmelung überhaupt“6 lassen gleichsam die Grenzen ahnen, die dem Geist der Forschung eine realistischere Sicht versperren.

Ein wichtiger Aspekt in der Phase nationaler Wiederbesinnung ist – vor allem nach 1813- das Interesse am sogenannten historischen Lied, das sich in Sammlungen von Erlach , Soltau / Hildebrandt und Wolff dokumentiert. Meist handelt es sich hier um Flugblattlieder, die kaum je in den lebendigen Volksgesang eingegangen sind, teils ob ihrer Länge, geschraubten Sprache oder aus purem Desinteresse an dem beschriebenen Ereignis. Dennoch sehen auch später viele Sammler in diesen Liedern Zeugnisse geschichtsbewußten Volksgesanges, allen voran Ditfurth , aber auch Freytag , Hartmann , Lliliencron und Steiff /  Mehring .

Eine Brücke zum demokratischen Geist des Vormärz bilden die Brüder GRIMM, die – noch aus der Sicht der Romantik heraus – mit ihren umfassenden volkskund-lichen Arbeiten die Wege für eine neue Auffassung ebnen. An erster Stelle steht hier Ludwig UHLAND. Er nimmt die „von Herder geforderte, von den Grimm in umfassender Weise begründete kulturhistorisch-philologische Methodik auf und führt sie zu bedeutenden Ergebnissen“. Mit seinen 1844-45 erscheinenden „Alten hoch- und niederdeutschen Volksliedern“ rezipiert er „ein bedeutendes Erbe aus der Frühzeit der bürgerlichen Kulturentwicklung und der ersten großen antifeu-dalen Bewegung des deutschen Volkes“7.

Neben dem durchaus erklärten literarischen Anspruch ist die Sammlung auffallend von den noch bei Herder oder Arnim/Brentano umherirrenden zweifelhaften Ge-dichten bereinigt. Er fixiert in seiner Auswahl, die vorwiegend auf Drucken und Handschriften des 16. Jahrhunderts basiert, wesentlich das später vor allem durch Böhme komplettierte Liedrepertoire, auf das noch heute in Verbindung mit jener Zeit vorzugsweise zurückgegriffen wird.

Es fällt auf, daß bisher die meisten Sammler auch oder vorwiegend als Dichter bekannt sind, die „Sammlung lag in den Händen von Poeten“8, was das besondere Gewicht des literarischen Anspruchs erklärt. Mit Uhland nun – obgleich ebenfalls Dichter – dominiert der „gewiegte Germanist“9 und Philologe.

Ab 1840 erscheinen landschaftliche Sammlungen in dichter Folge, oft schon in Verbindung mit volkskundlichen Betrachtungen. Viele der Autoren engagieren sich in den politischen Kämpfen 1848/49, so daß sich nun auch verstärkt oppo-sitionelles, zeitkritisches Liedgut findet. Vorrangig zu nennen wären HAUPT/ SCHMALER (1841-43), HOFFMANN/RICHTER (1842), MÜLLENHOFF (1845), Ernst MEIER (1851-55), DITFURTH (1855 ff.), PARISIUS (1879) u. v. a.

Der „erfolgreichste“ Sammler des 19. Jahrhunderts ist Ludwig ERK. Rund 20.000 Lieder umfaßt sein handschriftlicher Nachlaß. Wichtigste Veröffentlichung in jener Zeit sind die 13 Hefte „Deutsche Volkslieder mit ihren Singweisen“ (1838 – 1845) Daneben erwirbt er sich große Verdienste um die Aufbereitung von Volksliedern für Schule, Haus und Gesangverein, wie sie der neue Mittelstand der wachsenden Industriestädte verlangt. Weitere wichtige Autoren, die ebenfalls Sammlungen in populärer textlicher und musikalischer Bearbeitung herausbringen, sind FINK, HARTEL und SCHERER. Auch SILCHER gehört hierher, der überdies eine Reihe bekannt gewordener Melodien ,,im Volkston“ geschaffen hat.

Mit der Landflucht und schrittweisen Auflösung dörflicher Gemeinschaften ent-steht mit den Gesangvereinen ein zunächst spezifisch städtisches Ersatzstück zur ländlichen Sangeskultur. Hier, als auch in Schule und Armee, wird Volksgesang mit stark deutschnationalem und religiösem Gehalt gepflegt, so v/ie es z. B. ein ,,preußisches Regulativ“ von 1854 vorgibt: ,,Unter allen Umständen ist das Auf-gabe der Elementarschule, daß Kinder bei ihrer Entlassung aus derselben die gebräuchlichen Kirchenmelodien und eine möglichst reiche Anzahl guter Volks-lieder, wobei besonders die Vaterlandslieder zu berücksichtigen sind, einstimmig richtig und fertig singen können,“10 Ein Lehrplan für höhere Mädchenschulen stellt fest: ,, Mädchen und Frauen sind von a’ters die berufenen Hüterinnen des dich-terischen Gutes, das im Volkslied ruht. Jede Mädchenschule hat die Pflicht, mit dafür zu sorgen, daß der gemeinsame Haus- und Familiengesang wieder zu Ehren komme …“n Um diesen ,,Bedarf“ zu decken, erscheint eine Flut von Lieder-büchern, von denen die wenigsten wert sind, hier genannt zu werden.

Daneben werden ab etwa 1840 auch viele progressiv gesinnte Liederbücher für Bürgerwehr, Turn- und andere Vereine verlegt, deren Tradition sich über die sozial-demokratischen Liederbücher in der Zeit der Sozialistengesetze, die Singbücher der Wandervögel bis zu den Arbeiterliedsammiungen nach der Jahrhundertwende • fortsetzt. Wir haben einige besonders interessante aufgenommen, obwohl sie nur bedingt Volksliedsammlungen genannt werden können.

Mit der Ernüchterung nach der gescheiterten 48er Revolution setzt eine rege Herausgebertätigkeit ein, gefördert durch die deutsche Seele und Vergangenheit beschwörende bismarcksche Nationaleuphorie. Teils sind es landschaftliche Sammlungen (BENDER, BIRLINGER, DUNGER, HRUSCHKA/TOiSCHER, KÖHLER/MEIER, LEWALTER, MINCOFF-MARRIAGE, SCHUSTER, WOLF-RAM), teils historische und thematische Sammlungen oder Untersuchungen aller Art (BÄUMKER, BOLTE, EITNER, FRIEDLAENDER, LILIENCRON, SCHADE, TAPPERT, WACKERNAGEL, WELLER) oder auch literarisch wertvolle Bear-beitungen (SIMROCK).

Auf der Grundlage von Erks Sammlungen gibt Franz Magnus BÖHME 1893-94 in drei Bänden den ,, Deutschen Liederhört“ heraus, die bis dato umfangreichste n Ausgabe deutscher Volkslieder. ,,Nicht Alles, was die Sammler aus Volksmund aufgefangen und aus alten Handschriften und Drucken zusammengerafft haben, durfte in einem ‚Liederhorte‘ Platz finden. Das Vorhandene, geradezu Werthlose, sowie viel Häßliches und Schmutziges mußte ausgeschieden und von der Un-masse des Verbleibenden wieder nur das Werthvollere und Vorzüglichste ausge-wählt werden.“12 Trotz dieser Seibstzensur, die gelegentlich peinliche Unterlas-sungen sowie Entstellungen und Irrtümer zeitigt, kommt Böhme ein wichtiges Verdienst zu: war bisher meist nur die literarische Seite des Volksliedes behandelt worden, widmet er sich ausgiebig auch musikalischen Fragen. So sind sein ,,Alt-deutsches Liederbuch“ (1877) und die ,,Geschichte des Tanzes in Deutschland“ (1886) noch immer wahre Fundgruben.

Von Wichtigkeit sind ebenfalls seine „Volkstümlichen Lieder“ (1895) von zu-meist namhaften Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, die der romantisierende bürgerliche Zeitgeschmack in den Volksmund gelangen ließ. Auch Hoffmann, Friedlaender und Meier steuern hier – unter Anwendung der Begriffstrennung Volks- und volkstümliches Lied — wichtige Veröffentlichungen bei.

Die immer umfassendere Kenntnis des Volksgesanges und seiner Geschichte, ständig bereichert durch die Fülle verschiedenster Publikationen einerseits und die Gründung vieler Volkskunde- und Volksgesangvereine andererseits, ruft gegen Ende des Jahrhunderts verstärkt die Wissenschaft auf den Plan. Der Volkslied-begriff bedarf dringender Klärung. Alle möglichen Theorien und Definitionen J’agen einander. Zudem werden immer dringlichere Hilferufe laut, die den ,.Niedergang des Volksgesanges“ voraussagen und dessen unbedingte Pflege sowie das Sammeln-bevor-es-zu-spät-ist fordern. Bürgerliche Volkskundler beschwören die gute alte Zeit angesichts der erschreckenden industriellen Expansion und schwel-gen in halbwissenschaftlichen Erinnerungen und Illusionen, als die Volksseele noch heil und ihre Stimmgev/alt ungebrochen war. Namen wie BUCKEL, BRUI-NIER, SAHR, SCHELL und VILMAR seien genannt.

Einen wichtigen Beitrag liefert John MEIER mit seinen ,, Kunstliedern im Voiks-munde“ (1906), ,,in denen die damals aufsehenerregende These aufgestellt wird, daß Volkslieder Produkte eines individuellen Verfassers sind, die vom Volk über-nommen und so erst zu eigentlichen Volksliedern werden“13 (Rezeptionstheorie). Dem entgegen steht die ,,Produktionstheorie“ Josef POMMERS, der nur das im Volk anonym entstandene Lied als Volkslied gelten läßt.

1914 wird durch Meier in Freiburg i. Br. das Deutsche Volksliedarchiv (DVA) gegründet, heute mit rund 334000 Liedaufzeichnungen das größte und wichtigste seiner Art. Vor allem in den 20er Jahren regt das DVA eine neuerliche fieberhafte Sammeltätigkeit an:,,Die deutschen Volkslieder in umfassender Weise zu sammeln und diese ihre Sammlung nicht länger hinaus zu schieben, ist eine unabweisbare und heilige Pflicht, denn von Tag zu Tag sinkt wieder alles, von den Vätern ererbtes Volksgut in Vergessenheit und wird durch minderwertiges modernes Machwerk ersetzt. Daher dürfen wir nicht länger zögern, sonst wird mit jedem Augenblick das wirklich wertvolle Material geringer.“14 Bedeutende Sammlungen kommen zu-stande, die z. T. wirklich auf dem Sterbebett Abgelauschtes vor dem völligen Ver-gessen bewahren (HARTENSTEIN, JUNGBAUER, PINCK, SCHIRMUNSKI. SCHÜNEMANN, STEGLiCH, STÜCKRATH, WEHRHAN u. a.). Das DVA selbst gibt ab 1924 die Reihe LANDSCHAFTLICHE VOLKSLIEDER heraus, die auf 44 Hefte anwachsen wird, darüberhinaus ab 1926 das JAHRBUCH für Volkslied-forschung und die umfassende Edition DEUTSCHE VOLKSLIEDER (Balladen), von der in Bälde der siebte Band zu erwarten ist.

Ein weiteres bislang unbeachtet gebliebenes Feld rückt um 1900 über Nacht in den Mittelpunkt des Interesses wissenschaftlicher Sammlung und Untersuchung. Es ist das städtische Liedgut, das sich unter dem imperialistischen Aufschwung in den Großstädten geradezu in bizarren Formen entwickelt, ja, verselbständigt hat. Intellektuelle Kunstströmungen, die sich der Glätte und Plattheit bürgerlichen Denkens zu entziehen trachten, beginnen den gesellschaftlichen Außenseiter als Märtyrer einer menschenfeindlichen Geldgesellschaft zu glorifizieren. Vor allem in Berlin, München und Wien wird durch die morbide Verklärung des Verbrecher-, Landstreicher- und Prostituiertendaseins -besonders in der Kabarettliteratur-ein Interesse am Liedgut dieser Schichten wach. Wichtige Beiträge erscheinen von BLÜMML, KRAUSS, OSTWALD und QUER!, in welchen jene in anderen Lied-sammlungen vorsichtig ausgesparten Themen der erotischen, Stadt- und Land-streicher- oder Kriminellenlieder, zotigen Sprüche und skatologischen Wendungen nach ihrer Geschichte und den sozialen Wurzeln untersucht werden. ,,Vor allem suchte ich auch von den alten Volksliedern das zu retten, was wegen seiner Leben-digkeit und Derbheit so lange unterdrückt und verpönt worden war … Von dem, was die heutigen Menschen der Tiefe singen, dürfte manches dem Psychologen, dem Volkswirtschaftler, dem Juristen – ja, allen manchen Aufschluß, manchen Genuß geben … Wer nur ein bißchen empfindet, was ich mit diesem Bild ‚aus dem Rinnstein‘ sagen will, der wird mich begreifen. Zu diesem Verständnis gehört nur ein bißchen Rebeilion gegen Schwäche. Faulheit, Verzärtelung, Heuchelei, Un-natur gegen alles, was nicht Lust am Tumult des Lebens hat und was selbst nicht den Ausdruck dieses Tumultes ertragen kann.“15

Um die Jahrhundertwende greift der Drang, kapitalistischem Alltag und bürger-licher Enge zu entfliehen, wie eine Epidemie um sich. Neue Naturverbundenheit bringt vor allem unter der Jugend eine Rückbesinnung auf das ,,echte“ Volkslied mit sich. 1908 erscheint derZUPFGEIGENHANSL, der sich zum Leib-und-Magen-Liederbuch der Wandervögel mausert und zum meist aufgelegten deutschen Volksliederbuch wird. Inhaltlich unterscheidet er sich wesentlich von populären Liedersammlungen seiner Zeit und vereinigt in recht glücklicher, wenn auch von bürgerlicher Gesinnung diktierter Auswahl vieles aus den bedeutenden Samm-lungen des 19. Jahrhunderts unter dem Aspekt praktischer Anwendbarkeit (Akkord-bezifferungen, Handlichkeit, Übersichtlichkeit). ,,Nur Gutes, kein Allerweltskram, um keinen Fingerbreit gewichen dem herrschenden Ungeschmack, das war unser redliches Bemühen, als wir an das Sichten des Liederstoffes gingen … So soll das Büchlein endlich dazu dienen, Sangeskunst und Sinn für die schlichte, schöne Art des Volkes zu fördern, mit hinwirken nach dem Brennpunkte unserer heutigen Kulturbestrebungen: Liebe zum Volk und Ehrfurcht vor seinen unvergänglichen Werken.“16 Der Inhalt des ZupfgeigenhansI bestimmt den Trend für die meisten wichtigen Liederbücher dieser Volkslied-Renaissance. Der Wandervogel gibt Anstoß zu allerlei Aktivitäten auf dem Gebiet der Volksliedpflege und darüber-hinaus. Wichtige Namen sind u. a. HÄSELER, HENSEL, JÖDE und PREISS. Obzwar in seiner Zielsetzung bürgerlichen Konventionen verhaftet, muß man dem Wandervogel.trotz allem bedeutende Verdienste zugute halten.

Rechtsgerichtete Strömungen des Wandervogels gehen allerdings schon in den 20er Jahren mit profaschistischem Gedankengut schwanger. Sie münden nach 1933 in jene umfassende, bis dahin einzigartige Kulturdemagogie, die auch dem Volkslied den Stempel nationalsozialistischer Prägung aufdrückt. Lieder werden verfälscht, ihrer angestammten Tradition entrissen und ideologisch ver-einnahmt, Nazilieder werden zu Volksliedgut erklärt, unliebsame Autoren totge-schwiegen. ,,Dieses das ganze Volk langsam immer tiefer ergreifende Singen von Volksliedern ist undenkbar ohne den Nationalsozialismus, ist undenkbar ohne jene inneren Kräfte des Liedes, die auf das gleiche deutsche Volkstum hinweisen, aus dem heraus die politische Neuwertung durch den Führer gestaltet wurde.“17 Trotz-dem muß betont werden, daß zwischen 1933 und 1945 vielfältige wissenschaft-liche Arbeiten fortgeführt werden und eine beachtliche Anzahl von Veröffent-lichungen zum Volkslied erscheint, die nahezu unberührt von faschistischer Kultur-ideologie zu bleiben vermögen (DANCKERT, Jungbauer/HORNTRICH, KOEPP, KUCKEI, Meier, Pinck).

Ein neuer Abschnitt in der Volksliedforschung wird nach 1945 in der DDR durch Wolfgang STEINITZ eingeleitet. Er kommt zu einer klassenmäßigen Bestimmung des v’oiksliedbegriffes und veröffentlicht in größter Konsequenz die sozialenga-gierten Lieder der letzten sechs Jahrhunderte. „Wenn jetzt die erste Seite -… Schmerz,… Gram., die Klagen …, das Ächzen der Verstoßenen … -zum ersten Male eine ausführliche Darstellung findet, so kann darin keine negativ zu beurtei-lende Einseitigkeit liegen. Diese … war notwendig, um das völlig entstellte Bild zu korrigieren“18, stellt er in seinem Vorwort zum zweiten Band fest. Sein Verdienst ist es auch, daß er das Arbeiterlied einbezieht, so wie er auch maßgeblich die Gründung des Arbeiter-Liedarchivs der DDR an der Akademie der Künste initiierte. Seine vorbildliche Arbeit wird in der DDR von verschiedenen Autoren verdichtet und werden vor allem in den 50er Jahren wichtige volkskundliche Arbeiten z. T. aus Sammelerträgen veröffentlicht (L. RICHTER, D. u. E. STOCKMANN, WEBER-KELLERMANN).

In der BRD und Österreich erscheinen wichtige volkskundliche Betrachtungen und Untersuchungen, die sich nach 1945 meist speziellen Teilgebieten aus der Sicht humanistisch-bürgerlicher Liedpflege widmen. Das Bild runden Arbeiten enzyklo-pädischen Charakters sowie Nachauflagen und Neuausgaben älterer Sammlungen ab. Wichtige Autoren sind BREDNICH, EiCHENSEER, HOERBURGER, KLIER, KLÜSEN, KÜNZIG, LEFFTZ, RÖHRICH, SEEMANN, WIORA u. a.

Eine Volksliedaufarbeitung im steinitzschen Sinne bleibt — verstärkt ab Mitte der 60er Jahre – engagierten Praktikern überlassen. So sind zum Schluß eine Reihe Autoren zu nennen, die entweder in der neuerlichen Volksrnusikbewegung seit etwa 1970 selbst als Musiker agieren, oder die zumindest mit derselben sympathi-sieren. Ihre Bücher enthalten auch Lieder, ,,die noch in diesem Jahrhundert ent-standen sind, einige davon sogar erst im letzten Jahrzehnt. Die meisten sind Protest-lieder, die von Jugendgruppen und Demonstranten bei Reisen, Versammlungen und Aktionen gesungen werden … Oft waren sie nur hektographierte Tagespro-dukte, in denen sich eine Wut oder ein Wunsch Luft gemacht hat. Nicht selten hat man sich bekannte Folk-Melodien vorgenommen und einen neuen Text draufgesetzt… So entstehen ständig neue Volkslieder, und viele merken es gar nicht.“19 Genannt seien FRiZ/SCHMECKENBECHER, JAMES/MOSSMANN, KETTEL, KUHNKE, STERN sowie Buhmann und Häseler, die Herausgeber des Kleinen dicken LIEDERBUCHES.

Zitiert wurden:

Hermann Strobach , Deutsches Volkslied in Geschichte und Gegenwart . Berlin 1980
Johann Gottfried Herder , Volks-Lieder . Bd. II: Leipzig 1779
Paul Levy, Geschichte des Begriffs Volkslied. Berlin 1911
E. Fischer, Preußische Volksschulverordnungen. Breslau 1907.
zit. nach Florian Steinbiß, Deutsch-Folk: Auf der Suche nach der verlorenen Tradition.
Die Wiederkehr des Volksliedes
U. Günther, Die Schulmusikerziehung von der Kestenberg-Reform bis zum Ende des Dritten Reiches. Darmstadt 1967.
Ludwig Erk / Franz Magnus Böhme , Deutscher Liederhort . Bd. l: Leipzig 1893
Das Deutsche Volksliedarchiv Freiburg l. Br. Freiburg 1977
Aufruf des Verbandes der Vereine für Volkskunde 1914
Hans Ostwald, Lieder aus dem Rinnstein . München 1920
Hans Breuer, Der Zuptgeigenhansl . Leipzig 1908
Wolfgang Steinitz , Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten
Andreas Kettel , Volksliederbuch . Reinbekb. Hamburg 1979

 







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