Schweigend in der Abenddämmerung Schleier

Gedichte | 2012
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Schweigend in der Abenddämmerung Schleier
ruht die Flur, das Lied der Haine stirbt
nur daß hier im alternden Gemäuer
melancholisch noch ein Heimchen zirpt
Stille sinkt aus unbewölkten Lüften
Langsam ziehn die Herden von den Triften
und der müde Landmann eilt der Ruh
seiner väterlichen Hütte zu

Hier auf diesen waldumkränzten Höhen
unter Trümmern der Vergangenheit
wo der Vorwelt Schauer mich umwehen
sei dies Lied, o Wehmut, dir geweiht
Trauernd denk ich, was vor grauen Jahren
diese morschen Überreste waren
Ein betürmtes Schloß von Majestät
auf des Berges Felsenstirn erhöht


Dort ,wo um des Pfeilers dunkle Trümmer
traurig flüsternd sich der Efeu schlingt
und der Abendröte trüber Schimmer
durch den öden Raum der Fenster blinkt
Segneten vielleicht des Vaters Tränen
einst den edelsten von Deutschlands Söhnen
Dessen Herz, der Ehrbegierde voll
heiß dem nahen Kampf entgegenschwoll


Zieh in Frieden! sprach der greise Krieger
ihn umgürtend mit dem Heldenschwert
Kehre nimmer, oder kehr als Sieger
sei des Namens deiner Väter wert
Und des edeln Jünglings Auge sprühte
Todesflammen! seine Wange glühte
gleich dem aufgeblühten Rosenhain
in der Morgenröte Purpurschein


Wild ,wie Meere toben , flog der Ritter
dann mit frohem Ungestüm zur Schlacht
wie der Tannenwald im Ungewitter
beugte sich vor ihm des Feindes Macht
wild wie Bäche, die durch Blumen wallen
kehrt´ er zu des Felsenschlosses Hallen
zu des Vaters Freudentränenblick
in des keuschen Mädchens Arm zurück


Ach mit banger Sehnsucht blickt die Holde
oft vom Söller nach des Tales Pfad
Schild und Panzer glühn im Abendgolde
Rosse fliegen , der Geliebte naht
Sprachlos ihn die treue Rechte reichend
steht sie da, errötend und erbleichend
aber was ihr sanftes Auge spricht
sänge selbst dein Mund ,o Liebe , nicht


Laut erscholl im hochgewölbten Saale
wo itzt fürchterlich der Uhu lacht
dann der Klang der mächtigen Pokale
unter Freud und Scherz entfloh die Nacht
Die Geschichten schwer erkämpfter Siege
grauser Abenteuer im heil´gen Kriege
weckten in der rauhen Heldenbrust
die Erinnrung schauerlicher Lust


O der Wandlung!Graun und Nacht umdüstern
nun den Schauplatz jener Herrlichkeit
Schmermutsvolle Abendwinde flüstern
wo die Starken sich des Mahls gefreut
Disteln wanken einsam auf der Stätte
wo um Schild und Speer der Knabe flehte
wenn der Schlachtdrommete Ruf erklang
und sich rasch aufs Roß des Vaters schwang


Asche sind die ehernen Gebeine
Staub der Helden Felsenstirnen nun
kaum daß halbversunkene Leichensteine
noch die Stätte zeigen, wo sie ruhn
viele wurden längst ein Spiel der Lüfte
ihr Gedächtnis sank wie ihre Grüfte
und den Tatenglanz der Heldenzeit
deckt der Schleier der Vergessenheit


So vergehn des Lebens Herrlichkeiten
so entfleucht das Traumbild eitler Macht
so versinkt im schnellen Lauf der Zeiten
 was die Erde trägt in öde Nacht
Lorbeern, die des Siegers Stirn umkränzen
Taten, die in Erz und Marmor glänzen
Urnen, der Erinnerung geweiht
und Gesänge der Unsterblichkeit


Alles, was mit Sehnsucht und Entzücken
hier am Staub ein edles Herz erfüllt
schwindet gleich des Herbstes Sonnenblicken
wann ein Sturm den Horizont erfüllt
Die am Abend freudig sich umfassen
sieht die Morgenröte schon erblassen
selbst der Freundschaft und der Liebe Glück
läßt auf Erden keine Spur zurück


Süße Liebe! Deine Rosenauen
grenzen an bedornte Wüstenein
und ein plötzliches Gewittergrauen
düstert oft der Freundschaft Himmelsschein
Hoheit, Ehre, Macht und Ruhm sind eitel
eines Weltgebieters stolzen Scheitel
und ein zitternd Haupt am Pilgerstab
deckt mit einer Dunkelheit das Grab

Text: Matthison , 1787 „im Voßischen Musenalmanach für 1787“
in : — Als der Großvater die Großmutter nahm (1885) —

1787






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