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Von Kai Degenhardt
In der aktuellen Ausgabe des Folker!, dem Magazin für Folk, Lied und Weltmusik (3/07), wird in einem dreiseitigen Artikel ein Wideraufflackern der Deutschen Volkslied-Bewegung diagnostiziert. So habe nicht nur der Ex-Rattles-Sänger und spätere Deutschrocker Achim Reichel im letzten Jahr ein Album mit 15 deutschen Volksliedern -- von "Der Mond ist aufgegangen" bis "Hohe Tannen" -- vorgelegt, auch diverse andere Künstler und Gruppen wie z. B. das Pfälzer Duo "Deitsch", die Berliner Sängerin "Bobo" oder das Jazz-Trio "Tritorn" hätten sich auf ihren jüngsten Veröffentlichungen dem alten deutschen Liedgut gewidmet und seien somit die Protagonisten eines zweiten Deutsch-Folk-Revivals nach 1945. Als erstes Revival gilt dabei die Zeit und Szene der frühen Siebzigerjahre, als Hein und Oss, Fiedel Michel, Liederjan, Zupfgeigenhansel, Ougenweide, natürlich Hannes Wader und viele mehr die traditionelle, deutsche Vokalmusik nach ihrer Zerstörung und Verschüttung durch die Nazis wiederentdeckten und durch Auswahl und Einbettung in einen fortschrittlichen politischen Kontext dafür sorgten, dass diese Lieder überhaupt wieder singbar wurden. Erreicht wurde dies durch die Konkretisierung und Hereinnahme des aktuell Gesellschaftlichen in die überlieferten Texte, einen dabei immer mitschwingenden, militanten Antifaschismus und auch durch eine musikalisch umgesetzte, grundsätzliche Kritik am idyllisch gemachten und dargebotenen Lied.
Einen sehr bedeutenden Anteil daran hatte auch der Große Steinitz, die hervorragende, zweibändige Liedersammlung aus der DDR von Wolfgang Steinitz mit dem schönen wie treffenden Namen "Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten", die man getrost als Bibel des Deutschfolk-Revivals der Siebzigerjahre bezeichnen kann. Im Titel wird ganz nebenbei deutlich gemacht, dass es selbstverständlich auch schon immer Volkslieder mit reaktionärer Tendenz gab.
Typisch für die Künstler der heutigen, neuen Welle, so der Folker!-Autor Birger Gesthuisen, sei nun aber, dass diese, anders als ihre Vorgänger in den Siebzigern, ein vollkommen unpolitisches Herangehen pflegten. Und das sei positiv! Unverkrampftheit und Normalität im Umgang mit der Tradition, dies sei der richtige Weg. Ihr gemeinsamer Nenner, das Bedürfnis nach Emotionalität, Tiefe und nach "Verwurzeltsein" -- kurz: nach deutscher Romantik -- zeuge von einer angemessenen Veralltäglichung der Liedkultur, die in anderen Ländern ganz selbstverständlich sei. Die neue deutsche Volksliedwelle biete "ein Stück kultureller Kontinuität in einer zunehmend als brüchig empfundenen Welt", ohne sich dabei dem Gute-Laune-Imperativ der trachtenkostümierten Schlagerstars aus den Scheunen und Stadeln der öffentlich-rechtlichen Fernsehkanäle zu unterwerfen.
So weit, so dumm. Wenn er dann aber auch noch vom Volkslied-Revival als einem "Ort der Selbstbesinnung in Zeiten der Orientierungsschwäche" faselt, die der Euphorie um die Fußballweltmeisterschaft ähnele, als "Ausdruck einer Sehnsucht nach Verortung, nach Wiedergewinnung einer räumlichen Zugehörigkeit" trotz Globalisierung, wird's ungemütlich. Und vollends hört der Spaß auf, wenn der Autor auch noch nebulös feststellt, dass die gerade mal wieder mit deutscher Beteiligung geführten Kriege Zeugnis "einer tiefen Irritation" wären, die daher rühre, "dass viele Menschen nicht mehr auf vertraute Koordinaten zurückgreifen können".
Was da geschieht, ist offensichtlich: Das mal mehr, mal weniger naive Vorgehen einer Reihe von deutschen Künstlern beim neuerlichen Ausgraben und Vertonen alter deutscher Volkslieder wird zum Vorwand genommen, einen Schlussstrich unter die politisch emanzipatorisch motivierte Aneignung der alten Lieder zu ziehen. Dass die meisten Gruppen und Sänger dabei weitgehend solche Lieder bearbeiten, die schon den Romantikern vor 200 Jahren dazu dienten, die restaurativen, gegen die Ergebnisse der französischen Revolution gerichteten Tendenzen zu stärken und die nationale Einheit durch die ideologische Verwischung aller sozialen Gegensätze zu erreichen, rundet die Angelegenheit inhaltlich ab. "Im schönsten Wiesengrunde", "Komm lieber Mai" oder "Die Königskinder" dominieren die Veröffentlichungen, während Bauernklagen und aufmüpfige Handwerksgesellenlieder, solche aus dem schlesischen Weberaufstand wie das "Blutgericht" oder das zur Desertion aufrufende "O König von Preußen" ganz selbstverständlich fehlen.
Das alte deutsche Volkslied soll wieder fit gemacht werden, den Anforderungen der Zeit entsprechend. Ein bisschen Schwermut und Zerrissenheit hier, ein bisschen Natur-Idylle bzw. nationale Orientierung da -- damit lässt sich's einrichten in von Krieg, Klimawandel und allgemeiner Prekarität geschüttelten Zeiten. Eine Traditionslinie zu den sozialen Nöten und den Klassenkämpfen der Vergangenheit soll bewusst nicht hergestellt, sondern verschwiegen werden. Ganz anders als das derzeit etwa von Künstlern in den USA, wie Springsteen oder Ry Cooder, oder in England von Chumbawamba praktiziert wird.
Aus dem auf Burg Waldeck in den Sechzigern sozialisierten, zauseligen Alt-Folkie und ehemaligen Linken ist ein deutsch-national gewendeter, sich dabei besonders multikulturell fühlender Folklore-Gourmet geworden, der seine Angepasstheit an den neoliberalen Mainstream dadurch vor sich selbst kaschiert, dass er ständig vor sich hinsabbelt: Wir dürfen das deutsche Liedgut nicht den Rechten überlassen. Dass er selbst längst einer ist, merkt er womöglich nicht einmal.
Aber nicht die ganze Folker!-Zeitschrift ist beseelt von dieser funzelig-schwülen, nationalen Eigentlichkeit. Direkt nebenan gibt's auch ein tolles Feature über Ry Cooder und sein neues Werk "My Name Is Buddy" nebst interessantem Interview. Ein paar Seiten weiter, bei den Leserbreifen dann aber auch wieder richtig derben Antikommunismus wie bei Muttern: Da wettert z.B. der Leser Dr. Werner Hinze gegen eine Folk-Gruppe, "die ihre parteipolitische Propaganda auf Veranstaltungen der kleinbürgerlichen DKP und SED-Nachfolgeorganisationen verbreiten und damit gern auf unsere Kinder losgelassen werden wollen." Sie gäben damit ein abschreckendes Beispiel, "wie Propaganda von der KPD, SED und DKP über die 68er nach heute transportiert wurde."
Die derart unfreiwillig gewürdigt- und gelobten Musiker sind niemand anders als die Grenzgänger und Frank Baier. Mit ihrem tollen Album "1920" aus dem letzten Jahr, auf dem Lieder, Geschichte und Hintergründe des Ruhrkampfes versammelt sind, stellen sie einen wichtigen Gegenpart zu den gepriesenen, neo-romantisch-reaktionären Volkslied-Interpreten dar.
Bei der nicht nur im Folker! sich ausbreitenden, neuen-alten deutschen Heimat-Gemütlichkeit überkommt einen langsam mehr nur als ein eisiges Frieren.
Kai Degenhardt, in " Unsere Zeit ", 18. Mai 2007
Mit freundlicher Genehmigung von Kai Degenhardt und " Unsere Zeit "
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