Polens Sache – Deutsche Sache

Volkslied-Forschung | , | 1831
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Der polnische Aufstand 1830 / 31 gegen den Zaren und der Freiheitskampf des polnischen Volkes für die Wiederherstellung eines unabhängigen polnischen Staates fand in den 30er und 40er Jahren einen gewaltigen Widerhall bei allen fortschrittlichen Kräften in Europa. So auch in Deutschland. Der Aufstand begann am 29. November 1830 (daher auch „Novemberaufstand“) in Warschau. Am 8. September 1831 wurde Warschau von den russischen Truppen erobert.

„Als für die Polen alles aus war, strebte die deutsche Bevölkerung wenigstens danach, ihr Mitgefühl zu zeigen und erwies den polnischen Truppen auf ihrer Wanderung durch Mitteleuropa nach Frankreich eine so große Gastfreundschaft, wie nur möglich. Überall wurden sie, warm empfangen ; fast jede deutsche Stadt hatte ihren Ausschuß, der Geld für die Polen sammelte und für ihr Weiterkommen sorgte.

Jeanetto Wohls Briefe an Börne enthalten viele feine und bezeichnende Einzelheiten zur Geschichte dieses Durchzuges. Sie erzählt, wie polnische Offiziere, die auf dem Fluß von Hanau nacli Frankfurt / Main kamen, von Hanauer Enthusiasten begleitet waren, so daß sie ihren Einzug unter Musik und Böllerschüssen von den Schiffen hielten. Sie wurden von starken Armen durch die Volksmenge getragen. Man ersieht aus ihren Briefen, daß sich jedesmal, wenn Polen durch die Stadt ziehen, alle Häupter auf ihrem Wege entblößen . . .

Als in einem [Hotel] ein verwundeter polnischer Offizier stirbt, folgen ihm Tausende, darunter sogar Frankfurts Bürgerwehr, zum Grabe. Ein Goldarbeiter hat einen Eisen Splitter, der einen polnischen Offizier verwundet hätte, wie ein kleines Schwert eingefaßt, mit Diamanten besetzt und ihn dem Polen so zum Geschenk gemacht. Polens Niederlage war eine Niederlage der Kämpfer für die Volksfreiheit in allen Staaten. Der Eindruck war erschütternd.“

(Georg Brandes, Hauptströmungen der Literatur des 19. Jahrhunderts. III, S.356f)

In der deutschen Literatur der 30er Jahre spielen die Polenlieder, an denen fast alle bedeutenden Dichter jener Zeit beteiligt sind, eine wichtige Rolle. Die bisher beste Sammlung: „Polenlieder deutscher Dichter. Der Novemberaufstand“, gesammelt und herausgegeben von Stanislaw Leonhard in zwei Bänden (Krakau 1911, 1917) enthält Gediohte von A. von Chamisso , E. Geibel , Fr. Grillparzer , An. Grün , Fr. Hebbel , G. Herwegh , K. von Holtei , Just. Kerner , N. Lenau , E. Ortlepp , A. v. Platen , Gustav Schwab , K. Simrock , L. Uhland , K.H.W. Wackernagel und zahlreichen anderen Verfassern. Bei vielen Verfassern wird ausdrücklich der polnische Kampf mit dem Kampf des deutschen Volkes um Freiheit und Einheit verbunden (vgl. z.B. G. Herwegh, „Polens Sache — deutsche Sache!“)

Auffallend reich an Polenliedern ist Südwestdeutschland, die Rheinpfalz und Baden, die in den 30er Jahren und 1848/49. eine besonders aktive Rolle in der demokratischen Bewegung spielten. ..In der Rheinpfalz liegt auch Hambach , Schauplatz der denkwürdigen Manifestation der süddeutschen radikalen demokratischen Bewegung am 27. Mai 1832. Beim Hambacher Fest ging die Bürgergarde mit schwarzrot-goldenen Schärpen und einem großen Banner mit den Worten: „Deutschlands Wiedergeburt“. Schärpen in den polnischen Nationalfarben und eine von deutschen Frauen gestiftete polnische Fahne im Zuge gaben der Verbundenheit des deutschen Freiheitskampfes mit dem polnischen klaren. Ausdruck. Dies zeigte sich auch in den auf dem Hambacher Fest gehaltenen Reden sowie in den dort gesungenen Liedern. …

Eine lebendige Schilderung der Polenfreundschaft in Baden (vor der Deutschen Revolution von 1848) gibt J..Ph. Glock in der Einleitung zu seinem “ Badischer Liederhort “ (I, 19.10, S. 33):

„Eine Art ausländischer Mitläufer unter den geschichtlichen Volksliedern unseres Landes waren in den 30er und 40er Jahren des verflossenen Jh.s die sogen. Polenlieder. Das waren Lieder, welche die von den Polen in ihrem Aufstand gegen Rußland bewiesene Tapferkeit verherrlichten, und zwar meist in einer sehr überschwänglichen Gefühlsweise, wie sie dem romantischen Geschmack des Zeitalters entsprach.

Aus einer Art kosmopolitischer Sympathie, welche vor allen anderen Völkern uns Deutschen angeboren ist, fanden die slavischen Siegeshymnen zu Ehren Labienkas und zum Gedächtnis der Tausend vor Warschau einen berauschenden Widerhall in den Herzen schlichter deutscher Bürger, weil dieselben in den immer trüber werdenden Zeiten des politischen Lebens nach den Freiheitskriegen im eigenen Lager keine Freiheitshelden mehr besaßen. In allen Kreisen unseres Volkes, in Stadt und Land, gehörte damals der Polenkultus zum guten Ton.

Wo ein vertriebener Pole auf deutschem Boden sich blicken ließ, wurde er als Märtyrer der Freiheit verehrt und zum Gegenstand der Ovation gemacht. Auch die kleinsten Landstädtchen hatten ihren Polenklub mit besonderem Klüblokal, in dem sich die sogen. Honoratioren des Ortes, die Geistlichen und Lehrer nicht ausgeschlossen, allabendlich zusammenfanden. In diesen Polenklubs wurden Polenreden gehalten, Polenhochs ausgebracht, Polenlieder gesungen , aus Polenhumpen getrunken und aus Polenpfeifen tapfer dazu geraucht …“

Die große Wirkung der in den Volksgesang eingegangenen Polenlieder zeigt sich auch darin, daß fast alle in Text und Melodie zum Vorbild neuer Lieder wurden, von denen einige gleichfalls volkstümlich geworden sind und sich bis in unsere Tage erhalten haben:

Fordere niemand mein Schicksal zu hören
Denkst du daran mein Tapferer Lagienka
Brüder lasst uns gehn mitsammen (Der Polen Mai)
In Warschau schwuren tausend auf den Knien
Hört deutsche Brüder Polen Klage
Noch ist Polen nicht verloren

Quelle: Wolfgang Steinitz , in Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten , Band II, 1962, S. 29f

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