Phylax der so manche Nacht

Gedichte | 2011
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Phylax, der so manche Nacht
Haus und Hof getreu bewacht,
Und oft ganzen Diebesbanden
Durch sein Bellen widerstanden;
Phylax, dem Lips Tullian,
Der doch gut zu stehlen wußte,
Selber zweimal weichen mußte;
Diesen fiel ein Fieber an

Alle Nachbarn gaben Rat.
Krummholzöl und Mithridat
Mußte sich der Hund bequemen,
Wider Willen einzunehmen.
Selbst des Nachbar Gastwirts Müh,
Der vordem in fremden Landen,
Als ein Doktor, ausgestanden,
War vergebens bei dem Vieh.


Kaum erscholl die schlimme Post,
Als von ihrer Mittagskost,
Alle Brüder und Bekannten,
Phylax zu besuchen, rannten.
Pantelon, sein bester Freund,
Leckt ihm an dem heißen Munde.
O, erseufzt er, bittre Stunde!
O! wer hätte das gemeint?


»Ach!« rief Phylax, »Pantelon!
Ists nicht wahr, ich sterbe schon?
Hätt ich nur nichts eingenommen,
Wär ich wohl davongekommen.
Sterb ich Ärmster so geschwind:
O! so kannst du sicher schreien,
Daß die vielen Arzeneien
Meines Todes Quelle sind.


Wie zufrieden schlief ich ein!
Sollt ich nur so manches Bein,
Das ich mir verscharren müssen,
Vor dem Tode noch genießen.
Dieses macht mich kummervoll,
Daß ich diesen Schatz vergessen,
Nicht vor meinem Ende fressen,
Auch nicht mit mir nehmen soll.


Liebst du mich, und bist du treu:
O! so hole sie herbei;
Eines wirst du bei den Linden,
An dem Gartentore finden;
Eines, lieber Pantelon,
Hab ich nur noch gestern morgen
In dem Winterreis verborgen;
Aber friß mir nichts davon.«


Pantelon war fortgerannt,
Brachte treulich, was er fand;
Phylax roch, bei schwachem Mute,
Noch den Dunst von seinem Gute.
Endlich, da sein Auge bricht,
Spricht er: »Laß mir alles liegen!
Sterb ich, so sollst du es kriegen;
Aber, Bruder, eher nicht.


Sollt ich nur so glücklich sein,
Und das schöne Schinkenbein,
Das ich – doch ich mags nicht sagen,
Wo ich dieses hingetragen.
Werd ich wiederum gesund:
Will ich dir, bei meinem Leben,
Auch die beste Hälfte geben;
Ja du sollst -« Hier starb der Hund


Der Geizhals bleibt im Tode karg;
Zween Blicke wirft er auf den Sarg,
Und tausend wirft er mit Entsetzen
Nach den mit Angst verwahrten Schätzen.
O schwere Last der Eitelkeit!
Um schlecht zu leben, schwer zu sterben,
Sucht man sich Güter zu erwerben;
Verdient ein solches Glück wohl Neid?

Text: Christian Fürchtegott Gellert (1746)
in: Als der Großvater die Großmutter nahm (1922)

1746






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