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Am Schlusse seiner Abhandlung gelangt Dr. Bolte zu der Annahme: „daß das Mönch- und Nonnenspiel die Grundlage zum Kinderspiel vom Herrn von Ninive sei. Dem muß man beistimmen. Damit ist aber noch nicht erwiesen, daß das Mönchs- und Nonnenspiel, auf welches die ältesten Drucke sicher zurückführen, der ursprüngliche Inhalt des Kinderreims gewesen ist.

Ich halte das Kinderlied für viel älter und behaupte, daß es zuerst eine Brautwerbung vorstellt und bei den Mailehen gebraucht wurde, bis es später erst in ein Nonnenspiel umgewandelt und zuletzt von den Erwachsenen auf die Kinderwelt kam. Meine Annahme wird durch folgende Gründe gestützt:

Zunächst spricht dafür ein ausdrückliches Zeugnis in Kretzschmer ´s Volksliedern II, 313:
„Dieses Lied wurde früher allgemein, und wird noch an einzelnen Orten in der Maienzzeit gesungen, wenn man die Vielliebchen ( Valentinchen ) auszurufen pflegt, eine Sitte, die in allen germanischen Landen, in Frankreich und England besonders, wohlbekannt ist“ Demnach wurde dieses Spiel sonst am Valentinstage , also an dem Tage aufgeführt, wo das Vielliebchen ( die Braut auf ein Jahr ) erwählt, oder – was dasselbe ist – die sonderbare Sitte der Mädchenausrufung ( Mailehen ) stattfand, ein halbrechtlicher Brauch , der schon zur Ritterzeit ( als Knappenehe und Sommerbuhlen ) gekannt war und bei den Bauern seit Anfang des 14. Jahrhunderts im Ring von Wittenweiler mit dem dazugehörigen Lied nachweisbar ist. (Vergleiche Böhme : Geschichte des Tanzes I, 153ff , Liederhort II Nr. 966 , Uhland : Schriften III, 390ff)

Nun stimmt aber in den Mailehen-Texten ( Liederhort II , 966ff) das Ausrufen „Wem soll ich diese *** geben?“ ganz überein mit dem Ausruf der Paare im Kinderspiel. Sogar die erhaltene Melodie der erhaltenen Mailehentexte ( z.B. Liederhort nr. 986b) stimt in den Grundzügen auffallend überein mit der Singweise zum Herrn von Ninive und Kanonnekenspiel

Ferner gleicht die ganze Ausführung des Kinderspiels dem altgermanischen und noch im Mittelalter üblichen und noch jetzt im Norden gekannten getretenen Tanze; reihenweise Vorrücken und Zurückziehen, drei Schritte seitwärts und am Schluß Ringelreigen oder Springtanz . ( vergl. meine Geschichte des Tanzes I S. 14 30. 230)

Als Beleg will ich nur einige Stellen anführen: Der Pfarrer und Botaniker Lyngbye welcher 1818 die Faröern (d.h. Schafsinseln) bereiste, berichtet über den getretenen Tanz der dortigen Bauern und die dazu unter Pantomimen gesungenen alten Heldenlieder: „Männer und Frauen bildeten eine einzige lange Reihe, sie bewegen sich drei Schritte nach vorn oder drei Schritte zur Seite, bleiben dann, sich hin- und herbiegend, eine kurze Weile stehen, und tun wieder drei Schritte zurück. Die ganze Reihe singt dazu Lieder, welche mit entsprechenden Gebärden begleitet werden ( P. E. Müller bei Lyngbye , Faröiske quaeder 8-10 Daher Weinhold : Die deutschen Frauen im Mittelalter S. 371) An anderer Stelle sagt Lyngbye: “ Nach dem Gottesdienste trat die Gemeinde auf den Kirchhof und führte einen pantomimischen Tanz auf: zwei Schritte nach der Seite, dann jedesmal eine Verbeugung, wobei sie das alte Siegfriedslied „Grani trug Gold von der Heide“ sangen. (s. meine Geschichte des Tanzes I. 231)

Weil aber nun in unserm Kinderspiele diese altertümliche Tanzweise vorkommt, es geradezu ein Aufzug mit getretenem Tanz und Pantomimen ist, so muß der Ursprung des Kinderspiels wohl weiter zurückreichen, als bis zu dem erst im 17. Jahrhundert nachgewiesenen lüsternen Nonnenspiel, das ich nur für eine Verzerrung der ursprünglichen Fassung halte. Man darf sogar vermuten, daß dergleichen Aufzüge mit getretenem Tanz, wie sie unser Kinderspiel vorstellt, bei wirklichen Brautwerbungen und Verlobungen in ältester Zeit stattfanden und unser Kinderspiel eine solche Brautwerbung nachahmen soll. Drei Umstände führen mich darauf:

Das Fragen nach dem Vater im Kinderspiel erinnert mich doch zu sehr an das Lied von der Brautwerbung “ Wo ist Euer Vater , Hoenthei “ (s. Uhland Volkslieder Nr. 273)
Im schwedischen Texte kommen die Nonnen von der Linde her (Anmerk. wobei Böhmes Übersetzung hier mit einem Fragezeichen versehen ist, wie insgesamt dieser Punkt sehr bemüht wirkt). Die Linde war der Liebesgöttin Holda geheiligt und Lieblingsbaum der Liebenden, darum in so vielen Volksliedern als Sammelpunkt von Liebenden erwähnt, durch die Linde wird auf Liebeswerbung ehrbarer Art (nicht auf Nonnengaukelei) hingedeutet und dadurch auf hohes Altertum des Spiels.

Endlich spricht noch der im Spielreim erwähnte Pantoffel für meine Vermutung. Der Pantoffel hatte schon seit dem frühesten Mittelalter den Sinn des Brautschuhes: Schuhe für die Braut führten Brautwerber (z.B. bei König Rother ) mit sich und beschuhten die geworbene Braut. Mönche hätte bei ihrem schelmenhaften Suchen nach einer Nonne ihr gewiß nicht den Pantoffel angeboten.

Alle die hier vorgebrachten Wahrscheinlichkeitsgründe sprechen dafür, daß unser Kinderreigen mit seinen altertümlichen Anklängen nicht aus einem Mönchs- oder Nonnenspiel entstanden sein kann, sondern als Grundlage eine Brautwerbung des germanischen Altertums anzunehmen ist.

in Deutsches Kinderlied und Kinderspiel (1897) S. 520 ff







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