Mir auch war ein Leben aufgegangen

Gedichte | 2012
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Mir auch war ein Leben aufgegangen
Welches reich bekränzte Tage bot
An der Hoffnung jugendlichen Wangen
Blühte noch das erste, zarte Rot
Auf der Gegenwart umrauschten Wogen
Brannt ein Morgen, schön, wie Opferglut;
Hohe Traumgestalten zogen
Stolz, wie Schwäne, durch die rote Flut;
Leichte Stunden rannen schnell und schneller
An dem halberwachten Träumer hin,
Und die Gegend lag schon hell und heller,
Nur auch wüster, da vor meinem Sinn

Forschend blickt‘ ich in die weiten Räume
Aber bei dem zweifelhaften Licht
Sah ich jetzt nur meine Träume!
Wahrheit selbst, die Wahrheit sah ich nicht!
O der Helle, die dem guten Schwärmer
Nichts zu zeigen hat, als seine Nacht!
O des Lichtes, das den Glauben ärmer,
Und die Weisheit doch nicht reicher macht

Text: Christoph August Tiedge , 1800 , aus Tiedges Urania ( Halle , 1800 )
Die vollständige Fassung des Gedichtes ist deutlich länger
in Als der Großvater die Großmutter nahm (1885 , gekürzt)

1800







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