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Frühling, Gott und Kaiser: Lieder an den Schulen um 1912 (Rheinische Post, Wesel, vom 6.1.2009, von Rudolf Haffner)
Manchmal wiederholt sich Weihnachten gleich nach Neujahr. So bescherte mir der Bücherflohmarkt ein Büchlein, dessen Titel und Einbandzeichnung mir aufgefallen waren: „Niederrheinisches Liederheft" - darunter ein anmutiger Knabe, der Trompete bläst. Ich schlug das Buch auf und sah, dass ich ein Exemplar des Liederbuches in den Händen hielt, das im Jahr 1912 von der Königlichen Regierung zu Düsseldorf für die Volksschulen am Niederrhein genehmigt und dort eingeführt worden war -also auch an den Volksschulen in Wesel. Natürlich wollte ich wissen, was man da zu dieser Zeit wohl gesungen habe; ich kaufte das Büchlein und studierte es zu Hause mit einiger Verwunderung.
Streng ging es damals zu. Selbst für den Gesangsunterricht war genau vorgeschrieben, was zu tun sei. Wenigstens 100 Lieder mussten es sein, die vom ersten bis achten Schuljahr eingeübt wurden. Außer den „Pflichtliedern" waren da noch die „Ersatz- und Auswahllieder", um den Vorlieben des Lehrers und den regionalen Besonderheiten entgegen zu kommen.
„Bienchen summ herum": Zu den Pflichtliedern fürs erste Schuljahr gehörten „Bienchen summ herum!", „Gott, der Allwissende" („Weißt du, wieviel Sternlein stehen...") und „Dem Kaiser" („Du guter, lieber Kaiser, wir haben dich so gern..."). Damit gibt die Auswahl der Lieder für Erstklässler die Richtung an, die für die weiteren Schuljahre bestimmend sein würde: Es sind Lieder, die von der Natur und ihrer schönsten Jahreszeit, dem Frühling, handeln, es sind Lieder, die Gott und seine Schöpfung preisen, und es sind schließlich Lieder mit vaterländischem Inhalt.
Zur ersten Gruppe gehören viele der schönsten Kinder- und Volkslieder, die man heute noch kennt. Zur zweiten Gruppe zählen viele bekannte Weihnachtslieder, aber auch das „St. Martinslied", welches „für katholische Schulen" bestimmt war, wie eigens vermerkt wurde. Die Volksschulen waren damals durchweg Konfessionsschulen und Sankt Martin eben ein katholischer Heiliger.
Die Lieder aus der dritten Gruppe sind längst vergessen. Wozu noch Kaiser-Lieder singen, wenn es keinen Kaiser mehr gibt. Doch waren sie mal populär, ebenso wie Lieder, welche die Liebe zum Vaterland, zum deutschen Rhein, zu deutscher Größe und Wehrhaftigkeit besungen haben. So macht das Liederbuch auf geradezu beklemmende Weise deutlich, wie politische Indoktrination an Schulen des Kaiserreichs ausgeübt wurde: zuerst scheinbar harmlos, dann immer weiter um sich greifend mit deutlich nationalistischem Unterton. Da werden dann Lieder gesungen wie: „Die Wacht am Rhein." („Es braust ein Ruf wie Donnerhall...."), „Der deutsche Rhein" („Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein..."), ,„Lützows wilde Jagd" („Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein?..."), „Mein Vaterland" („Treue Liebe bis zum Grabe schwör ich mit Herz und Hand ..."), „Gebet für Kaiser und Reich" („Gott sei des Kaisers Schutz ...") und „Das Lied der Deutschen" („Deutschland, Deutschland über alles ..."). Die „Volkshymne" („Heil dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands!...") lernten die Kinder schon im dritten Schuljahr.
Das Lied von Schill: Zu den patriotischen Liedern zählte auch das Lied, das von den elf Schillsoldaten, die in Wesel hingerichtet wurden, handelt: „Die Opfer zu Wesel" („Generalmarsch wird geschlagen zu Wesel in der Stadt..."). Wie heute niemand mehr sich Schill-Feiern wie die von 1934 wünscht (die RP berichtete), so wird auch an keiner Schule mehr das Lied von den Schillschen Offizieren gelehrt.
Lieder, die mal eine ganze Jugend dazu verführt haben, mit Gesang und Hurra in den Krieg zu ziehen, stehen nicht mehr auf dem Stundenplan. Es bedurfte zweier fürchterlicher Kriege, bis wir diese Lektion gelernt hatten. Dass man vor 100 Jahren viele falsche Lieder gelehrt hat, sollte aber doch nicht heißen, überhaupt keine Volkslieder mehr zu singen, wie es an den Schulen noch immer vielfach geschieht.
(mit freundlicher Genehmigung des Autors Rudolf Haffner)
Kriegserziehung im Kaiserreich
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