Jetzt weicht jetzt flieht (Das Lied vom Enderle von Ketsch)

Balladen und Moritaten | | 2006
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Jetzt weicht, jetzt flieht!
mit Zittern und Zähnegefletsch
jetzt weicht, jetzt flieht!
wir singen das Lied vom Enderle von Ketsch

Ott‘ Heinrich, der Pfalzgraf bei Rheine
der sprach eines Morgens: „Rem blemm!
Ich pfeif auf die sauren Weine
ich geh‘ nach Jerusalem.“


„Viel schöner und lilienweisser
schaun dort die Jungfrauen drein:
O Kanzler, o Mückenhauser
fünftausend Dukaten pack ein!“


Und als sie lagen vor Joppen
da faltet der Kanzler die Händ‘:
„Jetzt langt’s noch zu einem Schoppen
dann sind die Dukaten zu End‘!“


„Ott‘ Heinrich, der Pfalzgraf sprach munter:
„Rem blemm! Was ficht uns das an?
Wir fahren nach Cyprus herunter
und pumpen die Königin an.“


Schon tanzte die alte Galeere
vor Cyprus in funkelnder Nacht,
da hub sich ein Sturm aus dem Meere
und rollender Donner erkracht.


Umzuckt vom gespenstigem Glaste
ein schwarzes Schiff braust vorbei,
hemdsärmelich ein Geist steht am Maste
und furchtbar gellet sein Schrei


Jetzt weicht, jetzt flieht!
mit Zittern und Zähnegefletsch:
jetzt weicht, jetzt flieht!
wir singen das Lied vom Enderle von Ketsch!


Der Donner klang leise und leiser
und glatt wie Öl lag die See,
dem tapferen Mückenhäuser
dem Kanzler, war’s wind und weh


Der Pfalzgraf stund an dem Steuer
und schaut‘ in die Wogen hinaus:
„Rem blemm! ’s ist nimmer geheuer
o Cyprus, wir müssen nach Haus!“


„Gott sei meiner Seele gnädig
ich bin ein gewitzter Mann:
zurück, zurück nach Venedig!
Wir pumpen niemand mehr an!“


„Und wer bei den Türken und Heiden
sein Geld wie ich verschlampampt,
der verzieh‘ sich geräuschlos beizeiten
es riecht doch höllenverdammt.“


Jetzt weicht, jetzt flieht!
mit Zittern und Zähnegefletsch
jetzt weicht, jetzt flieht!
wir singen das Lied vom Enderle von Ketsch!


Text: Josef Victor von Scheffel – 1854
Musik: Chr. Schmezer – 1854 –
“ Allgemeines Deutsches Kommersbuch


Anmerkung: In der Beschreibung der Pfalz von Merian (1645) wird bei Erwähnung des Dorfes „Ketsch“ erzählt: “ Pfalzgraf Otto Heinrich, nachmals Kurfürst, fuhr umb das Jahr 1530 ins gelobte Land nach Jerusalem. In seiner zurük Reise kam er über die offenbahre See heraus, da ihm dann ein Schiff, nach Nordwegen zu, begegnete, darin diß Geschrei gehört wurde: „Weichet, weichet, der dick Enderlein von Ketsch kompt.“ Der Pfalzgraf, und sein Kammermeister Mückenhäuser, kennten den gottlosen Schultheiß allhie zu Ketsch und auch den Ort wol; daher als heimbkamen sie nach dem dicken Enderle, und umb die Zeit seines Todts, gefragt und vermerkt haben, daß es mit der Zeit uberein gestimmt, da sie das Geschrey auf dem Meere gehört hatten. wie weyland ein Professor zu Heidelberg in seinen Schriften auffgezeichneten hinterlassen hat.“

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