In Myrtills verfallner Hütte

Gedichte | 2011
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In Myrtills verfallner Hütte
schimmerte die Lampe noch
als in seiner Laufbahn Mitte
düster sich der Mond verkroch
Walter, irrend in dem Haine
sieht das Licht und folgt dem Scheine
zu dem väterlichen Dach
mit gepreßtem Herzen nach

Stille, wie im Totengarten
Stille ward es in dem Haus
Walter klopft, muß lange warten
Niemand kommt und sieht heraus
Leise guckt er wie Gespenster
Durch das niedre Hüttenfenster
Walter pocht mit Ungestüm
Aber niemand ölfnet ihm


Endlich knarrt die Tür im Angel
Gott wie bebt der Fremdling nicht
Augen hohl vom bittern Mangel
Gelb vom Kummer das Gesicht
Abgezehrte blasse Mienen 
Die den Tod zu rufen schienen
Solch ein Bild steht ihm jetzt nah
In der Mutter vor ihm da


Sie begann mit blassem Munde
Ihre leise Rede. wer
Kommt in dieser späten Stunde
In der Mitternacht daher
Bringt ihr was von meinem Sohne
Ich sprach er mit dumpfem Tone
Ein verirrter Offizier
Suche Ruh und Obdach hier


Drinnen in des Dorfes Mitte
Sucht Euch Herr ein Nachtquartier
Hartes Stroh in schlechter Hütte
Taugt für keinen Offizier
Trotz dem Stroh in schlechter Hütte
Frau gewährt mir meine Bitte
Stroh und Schilf sind völlig gut
Wenn man lange nicht geruht


Herr wollt ihr auf Stroh euch legen
Ist mein Haus euch nicht zu klein
Nun so kehret meinetwegen
Hier in dieses Stübchen ein
Walter trat in’s dumpfe Zimmer
Schwach erhellt vom Lampenschimmer
Tränen füllten seinen Blick
Doch er hielt sie noch zurück


Grüß euch Gott rief eine Stimme
Aus dem niedern Bette her
Walter kennt des Vaters Stimme
Die verkennt man nimmermehr
Waltern schien das Herz zu brechen
Er will weinen er will sprechen
Doch er nahm im Augenblick
Wort und Tränen noch zurück


Männlich geht er hin zum Lager
Aber Gott wie wird ihm da
Als er schwach und blaß und hager
Seinen alten Vater sah
Und wie ward ihm bei dem Tone
Wißt ihr nichts von meinem Sohne
Er ist wohl so alt als ihr
Doch schon lange fern von hier


O so ähnlich sprach die Alte
Sieht ein Ei dem andern nicht
Er hat seine Stirnenfalte
Nur daß Walter zarter spricht
Und der Herr ich bin erschrocken
Hat fast unsers Walters Locken
Lang und stark und blond wie er
Doch er fragt nach uns nicht mehr


Denkt er ist vielleicht gestorben
Hat zuvor in fernem Land
Gold und Silber sich erworben
Das er nicht zu Hause fand
Herr wenn er gestorben wäre
Läg er auch im tiefsten Meere
Tausend Meilen weit von hier
Glaubt er wär erschienen mir


Denkt er lebt vielleicht jetzt glücklich
Kann im fremden Weltteil sein
Wüßt ich´s schifft ich augenblicklich
In die neue Welt hinein
Läg er aber auch in Ketten
O dann wollt ich ihn erretten
Hütte Bett und alles drin
Selbst mein Leben gäb ich hin


Tränen wild wie Bäche flossen
Von des Vaters Angesicht
Tränen stark wie Ströme schossen
Von der Mutter Angesicht
Aus gepreßten Herzens Fülle
Ringsum herrschte tiefe Stille
Tiefe Stille wie im Grab
Und die Tränenflut nahm ab


Grämt euch nicht ihr guten Leute
Seht ich bin ein Offizier
Euer Walter dient bis heute
Als Gemeiner unter mir
Wüßt er wie´s euch ging euch Armen
Ach wie würd es ihn erbarmen
Denn sein Herz ist mild und weich
Und er liebt und segnet euch


Gott ist´s möglich rief der Alte
Walter lebt wie dank ich euch
Ach ist s möglich rief die Alte 
o Mirtill nun sind wir reich
Arm und elend meinetwegen
Nun kann man in´s Grab mich legen
Tränen füllten Walters Blick
Doch er hielt sie noch zurück


Nehmt begann er statt des Lohnes
Armer aber guter Mann
Nehmt vom Freunde eures Sohnes
Dieses Geld zur Rettung an
Manche Münz blank von Golde
Treu erspart von seinem Solde
Nahm der gute Sohn heraus
Doch Mirtill schlug alles aus


Herr ich müßte mich ja schämen
Von dem Silber von dem Gold
Einen Heller anzunehmen
sagt wenn ihr mir helfen wollt
Wo ich meinen Sohn kann finden
In Gebirg und Felsengründen
Such ich ihn Berg auf Berg ab
Bis ich ihn gefunden hab


Freund wenn ihr in eurer Hütte
Euren Sohn ja sehen wollt 
So gewährt erst meine Bitte
Nehmt von mir dles Bischen Gold
Darf ich sprach Mirtill ihn sehen
Nun so laß ich´s auch geschehen 
Gottes Segen über euch !
Nun sind wir ja doppelt reich


Engel schreiben jetzt die schöne
Tat mtt Strahlenschriften an 
Engel feiern jetzt die Szene
Die kein Dicter schildern kann
Waltern schien das Herz zu brechen
Er muß weinen er muß sprechen
Schluchzend und mit halbem Ton
Ich bin ich bin euer Sohn 


„Walter“ rief Myrtill erschrocken,
„Walter“ rief die Frau, mein Sohn
laß mich sehn das Mal der Pocken.
Ja, du bists verlorner Sohn
Schluchzend fliegen sie zusammen
küssen sich wie Feuerflammen
Und ich wende meinen Blick
von der Gruppe Naß zurück

Text: Johann Friedrich Schlotterbeck , vor 1793
in Als der Großvater die Großmutter nahm (1885) 1792






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