Graus war die Nacht (Die Wehklage)

Gedichte | 2012
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Graus war die Nacht, und um den Giebel
Der Pachterwohnung heulte Sturm;
Der fromme Greis las in der Bibel,
Und sieben schlug’s im Kirchenthurm.
„Gott!“ rief Lenore mit Erbleichen,
„Schon sieben — und Georg nicht hier!
Sein dunkler Weg streift hin an Teichen,
Ach, welches Unglück ahnet mir!“

Der Sohn des Försters in der Haide
War ihr Verlobter Bräutigam,
Und glühend schlug ihr Herz vor Freude,
Wann der geliebte Jüngling kam.
Ein Jahr lang trat er alle Tage
Bei Sonnenuntergang ins Haus,
Doch mit  dem fünften Glockenschlage
Kam heut die Nacht, und er blieb aus.


Lenore flog ihm bang entgegen,
Und stürzte bald, mit starrem Blick
Und athemlosen Herzensschlagen,
Ins väterliche Haus zurück.
„Helft,“ rief sie: helft! – Im Uferschilfe
Des Rohrteichs stöhnt ein Klageton.
Es ist Georg — er ruft um Hülfe —
Ach, Vater, rettet euern Sohn!“


Der Alte schüttelte bedachtlich
Die grauen Locken. „Kind, du weißt,
Seit hundert Jahren wimmert nächtlich
Dort einer edlen Gräfin Geist.
Verirrt bei Nacht zum Pfuhl der Unken,
Ist sie mit Wagen und Gespann
Im bodenlosen Moor versunken,
Und warnet nun den Wandersmann.“


„O laßt das Mährchen!“ bat Lenore.
„Kommt, rettet, eh das Herz ihm bricht!
Sein Angstruf drang zu meinem Ohre,
Und seine Stimme täuscht mich nicht.“
So bat sie knieend, bat unsäglich,
Doch, bauend auf der Sage Wort,
Blieb Vater Martin unbeweglich,
Und die Verzweiflung riß sie fort.


„Hu Hälft!“ — schrie sie vor den Thüren
Des Dorfs — „Ein Mensch ertrinkt im Teich!
Er ächzt und winselt! — Laßt euch rühren,
Um Christi Wunden bitt‘ ich euch!“ —
Doch, wie durch einen Bund verschworen,
Versetzten alle trag‘ und lau:
„Da wäre jeder Schritt verloren;
Es ist das Weh der Klagefrau.“ —


„Gott!“ rief sie mit erhobnen Armen:
Kein Felsenherz bewegt mein Flehn!
Du Geist der Liebe, hab‘ Erbarmen,
Und gib mir Kraft, ihm beizustehn!“
Schnell fühlte sie, daß eine Quelle
Von Muth in ihrer Brust entsprang,
Und heldenkühn flog sie zur Stelle,
Wo noch das Wehgeschrei erklang.


Dem Greise ward im öden Hause
So bang, als lag‘ auf ihm die Welt.
Er wankte zitternd durch die grause,
Sturmvolle Winternacht ins Feld,
Er rief in das Geheul des Windes
Lenorens Namen hundertmal:
Doch, statt des hochgeliebten Kindes,
Antwortet‘ ihm der Wiederhall.


Die Dorfschaft, von ihm aufgeboten,
Entschloß sich jetzt zum Rettungsgang,
Und zwanzig Kiefernfackeln lohten
Um Mitternacht den Teich entlang.
Da fand man — Schrecken ohne Gleichen!
Unsern vom Ufer, in dem Ried,
Die Brust an Brust erstarrten Leichen,
Die selbst des Todes Macht nicht schied.


Mit geisterbleichem Angesichte
Sank Martin in der Nachbarn Arm,
Und diese traurige Geschichte
War ewig ihm ein Kelch voll Harm.
Ein grauer Stein, auf dem zwei Tauben
Sich schnäbeln, deckt der Treuen Grab.
„Flicht,“ schrieb man drauf, „den Aberglauben,
Der sie dem Tod zum Opfer gab!“

Text: August Friedrich Langbein (1803)
in Als der Großvater die Großmutter nahm (1885)

1803






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