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Militärerziehung und Schulerziehung

I. Allgemeines

Während es selbst an fachmännischen Stimmen nicht fehlt, die – ob mit oder ohne Recht, haben wir hier nicht zu untersuchen – sogar in der Armeedisziplin eine Milderung bzw. Umgestaltung des militärischen Drills befürworten (Deutsches Militärwochenblatt 1907, Nr. 59 u. 60; Oberst Gädke im Berliner Tageblatt 1907), macht sich, wohl mit unter dem Einfluß der „Jungdeutschlandbund-Bewegung“, in pädagogischen Kreisen, auch bei Schulaufsichtsbeamten, gelegentlich eine Richtung geltend, die auf Einführung des „militärischen Schneids“ in die Schulen abzielt. Natürlich denkt man nicht daran, jener Form des blinden militärischen Gehorsams, die diesen zu einem bloß mechanischen Akte macht, das Wort zu reden; ist man doch weithin davon überzeugt, daß es auch dem deutschen Heere, unbeschadet seiner mit Recht von aller Welt bewunderten, hohen Vollkommenheit, nur zum Vorteile gereichen könnte, wenn in ihm die Disziplin psychologisch und pädagogisch vertieft und die „Subordination“ mit den Rechten der Persönlichkeit besser in Einklang gebracht würde, was übrigens neuestens in erfreulicher Weise angestrebt wird.

Gleichwohl besteht die Gefahr, daß in der Schulpraxis von einem oder dem ändern „schneidigen Herrn“ mehr oder weniger die gleichen Wege wie auf dem Kasernenhofe eingeschlagen werden. Darum muß der Pädagoge sich stets erinnern, daß zwischen der Soldatenerziehung und der Schulerziehung ein großer Unterschied waltet und eine möglichst reinliche Scheidung notwendig ist. Gilt für beide auch der gleiche Grundsatz zum vollkommenen Gehorsam zu erziehen und so die echte Disziplin zu schaffen, so streben sie doch in sehr verschiedenen Richtungen ihrem Ziele entgegen.

II. Charakteristik der Militärerziehung und Schulerziehung

Gemeinsam muß die Militärerziehung und Schulerziehung pflegen den Sinn für die Zugehörigkeit zu einer Gesamtheit, also den Gemeinsinn, den richtigen Korpsgeist, die Kameradschaftlichkeit, das Gefühl der Pflicht, den guten Ruf der Abteilung wie des Ganzen zu wahren, den Schwachen zu stützen den Leichtfertigen vor Torheiten zu bewahren usw. Im übrigen ist bei der Militärerziehung vor allem festzuhalten, daß sie durchaus ihrem Zwecke entsprechend nur eine Seite der menschlichen Erziehung im Auge hat: sie will die Jugend ertüchtigen zur Verteidigung des Vaterlandes. Diese ihr gestellte Sonderaufgabe macht es nötig, daß sie ihr Augenmerk in erster Linie auf die Masse richtet, nicht auf das Individuum. Der einzelne kommt nicht in seiner Persönlichkeit, sondern bloß als Teil eines Ganzen in Betracht, der einen Eigenwillen kaum geltend machen kann. Nur wenn jeder einzelne Krieger in unbedingter Unterordnung und mit peinlichster Pünktlichkeit und Genauigkeit den ihm angewiesenen Platz ausfüllt, ist das Heer jenes furchtbare Kriegsinstrument, das dem leisesten Drucke der Hand des genialen Führers gehorchend dem Gegner Verderben bringt.

Die Schulerziehung hat eine umfassendere und verwickeitere Aufgabe zu lösen, da sie neben Zucht und Gehorsam auch die Charakterbildung und die Erziehung zur Selbstverantwortlichkeit ausreichend berücksichtigen muß, was mit einem bloß äußerlichen Zwange schlechterdings nicht erreichbar ist. Eine Drill-Disziplin könnte wohl gefügige Untertanen eines Selbstherrschens schaffen – man erinnere sich an das 1838 gefallene Wort vom „beschränkten Untertanenverstande“ -, nicht aber selbständig denkende freie Bürger eines freien Staates, die berufen sind, an den sozialen Aufgaben der Zeit mitzuarbeiten. Dazu reicht natürlich nicht aus, daß die Schule bloß ein bestimmtes Quantum Wissensstoff vermittelt; sie muß vielmehr die Charakterbildung in den Mittelpunkt ihrer gesamten Bestrebungen stellen. Denn nur gefestigte Charaktere sind fähig, an der Fortentwicklung eines freien Gemeinwesens mitzuhelfen. Es bedarf also bei der Schulerziehung einer allseitigen Individualisierung, die wiederum eine Disziplin zur Voraussetzung hat, in der Gehorsam und Selbständigkeit in harmonischer Weise zur Geltung kommen.

III. Militarismus in der Schule

Wenn trotz der hier kurz formulierten scharfen Grenzen zwischen der Militärerziehung und der Schulerziehung gar manches sich aus der Kaserne in die Schule verirrt hat, so ist das bei dem Ineinanderfließen der Militär- und der Zivilverhältnisse nicht allzu verwunderlich. Scheinen doch nicht wenige jüngere Lehrer ihren militärischen Reserverang fast höher zu schätzen als ihre berufliche Zivilstellung. So kommt es denn, daß manche von ihnen in ihrer Klasse sich als Offiziere vor der Truppe fühlen und demgemäß ihre Anordnungen treffen. Das Aufstehen der Schüler beim Kommen und Gehen des Lehrers hat mit einem einzigen Ruck zu geschehen und muß „klappen“ wie ein Bataillonstritt bei der Parade. Im Gänsemarsch mit regelrechtem Soldatenschritt sollen sie in den Pausen das Zimmer verlassen und zwei zu zwei im Schulhofe ordnungsgemäß auf und ab marschieren. Köpfe und Schultern der Jungen müssen in der Klasse in militärischer Haltung scharf gerichtet sein, so daß das Auge des Schulbefehlshabers nach keiner Seite hin eine Abweichung zu sehen vermag. Hefte, Bücher, Federhalter usw. haben eine auf das genaueste angeordnete Lage einzunehmen. Arme und Beine müssen in bestimmtem Winkel gestreckt sein usw. Und alle diese Befehle werden ganz kasernenmäßig in möglichst unpersönlicher, stereotyper Form alle Tage in dem gleichen scharfen Kommandotone wiederholt, der von irgendwelchen Gemütssaiten nichts durchklingen läßt. Es ist möglich, daß vereinzelte Schüler im Jüngern Alter an diesem militärischen Zu-schnitt – den ich, nebenbei bemerkt, ohne jede Obertreibung nach einem ganz konkreten Falle kopiert habe – sogar ein gewisses Gefallen finden, zumal im Zeitalter der Jugendwehren.

Quelle: Ernst M. Roloff (Hrsg.): Lexikon der Pädagogik, 3. Bd., Freiburg 1914, St. 679 – 682

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